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22. Januar 2013

Grippevirus: Die Grippeviren sind im Anmarsch

 Von Anke Brodmerkel
Die Grippewelle hat Deutschland erreicht. Seit dem Ende der Schulferien steigt die Zahl der Erkrankten. Jenseits des Atlantiks ist die Influenza schon in vollem Gange – und verläuft ungewöhnlich schwer. Foto: Getty Images/iStockphoto

In Deutschland hat die Influenzasaison begonnen. Jenseits des Atlantiks ist sie schon in vollem Gange – mancherorts erstaunlich schwer.

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In Deutschland hat die Influenzasaison begonnen. Jenseits des Atlantiks ist sie schon in vollem Gange – mancherorts erstaunlich schwer.

Sie sind mal mehr, mal weniger. Mal aggressiv, mal harmlos. Aber eines ist sicher: Sie kommen, die Grippeviren. Sie nisten sich ein in den menschlichen Schleimhäuten und setzen ihre unfreiwilligen Gastgeber urplötzlich außer Gefecht. Dieses Jahr waren die Erreger in Deutschland besonders früh dran. Gewöhnlich verzeichnet das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) erst im Januar oder Februar steigende Zahlen von Infektionen mit Influenzaviren. In der zweiten Dezemberhälfte allerdings meldeten die Gesundheitsämter dem RKI schon mehr als 500 Grippeerkrankungen.

Die aktuellen Zahlen bestätigen: Die Grippesaison hat hierzulande begonnen. In der zweiten und dritten Woche des neuen Jahres habe man jeweils etwa 600 Neuerkrankungen registriert, teilte das RKI mit. In der ersten Januarwoche waren es 295 Fälle gewesen. Durch das Ende der Schulferien sei nun ein weiterer Anstieg der Erkrankungszahlen zu erwarten, heißt es im jüngsten Influenza-Wochenbericht des RKI. Denn immer dann, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammentreffen, also auch im Klassenzimmer, ist die Ansteckungsgefahr besonders groß.

Die Grippeerkrankungen in Deutschland nehmen jetzt wieder zu.
Die Grippeerkrankungen in Deutschland nehmen jetzt wieder zu.
Foto: dpa

Ausbruch mit Wucht

Auf leisen Sohlen kommt eine echte Influenza nie. Während eine grippeähnliche Erkältung sich oft schleichend bemerkbar macht, überfällt einen die Influenza mit voller Wucht (Kasten unten). Ging man frühmorgens vielleicht noch joggen, liegt man nachmittags im Bett, mit Husten, hohem Fieber und schmerzenden Gliedern. Nach rund einer Woche ist der Spuk meist wieder vorbei – auch wenn sich der Genesene noch eine ganze Weile ziemlich schlapp fühlen kann.

Vor allem bei älteren Menschen und solchen mit chronischen Erkrankungen schafft es das Immunsystem oft nicht, die Viren in Schach zu halten. Die Krankheit verläuft dann schwerer als gewöhnlich. Liegt die Körperabwehr brach, haben zudem Bakterien ein leichtes Spiel, es kommt zu Komplikationen wie einer Lungenentzündung.

Gut geschützt

Eine Impfung bietet den besten Schutz vor einer Grippe. Darüber hinaus sollte man sich häufig und gründlich die Hände waschen. Wasser und gewöhnliche Seife reichen dazu aus.

Die Hände sollten dem Gesicht fern bleiben. Wer einen infizierten Gegenstand, zum Beispiel eine Türklinke, anfasst und anschließend Mund oder Nase berührt, steckt sich leicht an.
Trinkgefäße und Besteck sollte man nicht teilen.

Die alte Regel „Hand vor den Mund“ gilt nicht mehr. Wer niesen oder husten muss, nimmt besser die Ellenbeuge zu Hilfe. Ideal: Ein Papiertaschentuch vor Mund und Nase halten.

Auch in Deutschland sterben jedes Jahr Menschen infolge einer Influenza, wobei die Menge je nach Schwere der Grippewelle beträchtlich schwanken kann. Im Winter 2008/2009 schätzte das RKI die Zahl der Grippetoten auf fast 20 000. Bei der Pandemie ein Jahr später blieb das gefürchtete Massensterben aus: Das Schweinegrippe-Virus war weit verbreitet, aber für die meisten Erkrankten wenig aggressiv.

Was diesen Winter zu erwarten ist, kann kein seriöser Experte vorhersagen. „Dass die Grippesaison früher als gewöhnlich begonnen hat, heißt nicht unbedingt, dass insgesamt mehr Menschen erkranken oder gar sterben werden“, sagt Silke Buda von der Arbeitsgemeinschaft Influenza am RKI. Die Vergangenheit hat allerdings gezeigt, dass schwere Grippewellen in aller Regel auch früh losgehen. Ein Blick über den Atlantik hilft Buda zufolge auch nicht weiter – wenngleich die New Yorker Behörden sogar den Gesundheitsnotstand ausgerufen haben.

In dem US-Bundesstaat sind derzeit etwa 20 000 Menschen an Influenza erkrankt. Das sind fast fünfmal so viele wie vergangenes Jahr um diese Zeit. Damals waren es nur 4 400 Fälle gewesen. Der Ausruf des Notstands soll den Zugang zu Impfstoffen erleichtern: Nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker dürfen jetzt dreißig Tage lang Kinder und Jugendliche zwischen sechs Monaten und 18 Jahren gegen Grippe impfen. Gewöhnlich können sich in den USA nur Erwachsene in der Apotheke impfen lassen. Im gesamten Land sei die Influenza diese Saison früher ausgebrochen und nehme einen heftigeren Verlauf als in vergangenen Jahren, meldet die US-Gesundheitsbehörde CDC. In den gesamten USA hat die CDC bislang fast 30 000 Infektionen mit Influenzaviren registriert. Betroffen sind vor allem ältere Menschen. Aber auch 29 Kinder, viele von ihnen mit Grunderkrankungen, sind bereits gestorben.

Die meisten schweren Erkrankungen in den USA werden offenbar von Viren des Typs H3N2 ausgelöst, die auch in Deutschland bereits kursieren. Hierzulande geht der Großteil der Fälle zurzeit auf die Viren des einstigen Pandemie-Typs H1N1 zurück, der die Schweinegrippe auslöste. „Welcher Virustyp bei uns diese Saison vorherrschen wird, lässt sich jetzt aber noch nicht abschließend sagen“, sagt die RKI-Sprecherin Buda.

Impfschutz nach zwei Wochen

So oder so rät die Expertin allen Menschen, die für einen schweren Krankheitsverlauf anfällig sind, der Infektion spätestens jetzt mit einer Impfung vorzubeugen. Die am RKI ansässige Ständige Impfkommission empfiehlt diesen Schritt insbesondere Menschen, die älter als 60 Jahre sind, Patienten mit chronischen Erkrankungen und Schwangeren ab dem vierten Monat. „Zwar ist der beste Zeitpunkt, sich impfen zu lassen, der Herbst“, sagt Buda. „Doch auch jetzt ist es für diese Maßnahme noch nicht zu spät.“ Zu bedenken sei, dass es knapp zwei Wochen dauere, bis ein vollständiger Impfschutz aufgebaut ist.

Eine hundertprozentige Garantie kann allerdings keiner der verfügbaren Impfstoffe bieten. Die Vakzine, die jedes Jahr nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO zusammengestellt wird, soll zwar vor den in dieser Saison zirkulierenden Influenza-A-Viren vom Typ H1N1 und H3N2 sowie vor Influenza-B-Viren schützen. Nach Angaben der CDC sind die Impfstoffe einer US-Studie zufolge allerdings nur zu etwa 62 Prozent effektiv. Das heißt konkret, dass von 100 Personen, die den Viren ausgesetzt sind, nur 62 Menschen vor dem Ausbruch einer Influenza geschützt sind. Die anderen 38 können trotz der Impfung erkranken.

Bei massiven Symptomen oder einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf solle in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden, rät Buda, unabhängig davon, ob der Erkrankte geimpft sei oder nicht. Doch eigentlich heißt es auch dann für die meisten Patienten nur hoffen, abwarten und Tee trinken.

Denn inwieweit die Grippemedikamente Tamiflu und Relenza, vor Komplikationen der Influenza schützen, ist nach wie vor unklar. Sicher scheint, was diese Mittel betrifft, derzeit nur eines zu sein: dass beide Arzneien, frühzeitig eingenommen, die Krankheitsdauer um etwa einen Tag verkürzen.

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