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Großbritannien: Studium statt Arbeitlosenhilfe

Niemals zuvor wollten so viele junge Briten auf die Uni, denn selten waren die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt so schlecht. Von Matthias Becker

Eine junge Frau vor einem Job-Center in Leicester.
Eine junge Frau vor einem Job-Center in Leicester.
Foto: rtr

Niemals zuvor wollten so viele junge Briten auf die Uni, denn selten waren die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt so schlecht. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist zwar immer noch niedriger als unter Facharbeitern oder Ungelernten, aber sie steigt rapide und ist mit neun Prozent so hoch wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Wirtschaftswissenschaftler sagen voraus, dass im Herbst über eine Million Briten unter 25 keine Stelle haben werden.

Viele weichen auf Praktika oder ein weiteres Studium aus. Im Vergleich zum letzten Jahr ist die Zahl der Hochschul-Bewerbungen um zehn Prozent gestiegen. "Besonders bei Jura und medizinischen und therapeutischen Studienangeboten erleben wir einen gewaltigen Ansturm", berichtet Dave Carter vom Career Service am Londoner King's College, einer Berufsberatung für Absolventen. In manchen Studiengängen gäbe es sogar einen Anstieg um ein Drittel. Unter den Bewerbern sind viele, die bereits einen Bachelor-Abschluss (BA) haben und nun einen Master (MA) oder eine Doktor-Arbeit (PhD) anstreben. "Sie versuchen, auf der Uni zu überwintern, solange die Krise andauert", erklärt Carter.

40 000 Studienplätze fehlen

Das Phänomen ist nicht neu: Wirtschaftskrisen steigern die Nachfrage nach Bildung. Nun sollte der Andrang eigentlich ganz im Sinne der Regierung Gordon Browns sein. Schließlich propagiert Labour seit Jahren den Ausbau der Hochschulbildung und hat sich zum Ziel gesetzt, dass bald jeder zweite Schulabgänger eine Universität besucht. Nun aber übersteigt die Nachfrage das Angebot: Bis zu 40 000 Bewerber werden leer ausgehen, wenn im September die Studienplätze vergeben werden.

Britische Studentenorganisationen, Hochschulverbände und Gewerkschaften fordern einhellig, zusätzliches Geld für die Hochschulbildung freizumachen. "Es ist doch sinnvoller, Studienplätze zu finanzieren als den Abgewiesenen Arbeitslosenhilfe zu bezahlen", argumentiert etwa Aaron Porter, der stellvertretende Vorsitzende der National Union of Students (NUS). Tatsächlich gab die Regierung Ende Juli bekannt, sie werde die Zahl der Studienplätze aufstocken - allerdings nur um 10.000 und ausschließlich in Mathematik, Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Die Universitäten sind von dieser Aussicht übrigens keineswegs begeistert. Die Regierungsgelder decken nämlich nur einen Teil ihrer tatsächlichen Kosten. Obwohl laut Presseberichten die Regierung versprochen hat, man werde sich beim nächsten Haushalt erkenntlich zeigen, haben einige Universitäten es abgelehnt, zusätzliche Studierende aufzunehmen, darunter fast alle forschungsintensiven und renommieren Hochschulen der Russell Group, zu der unter anderem Oxford und Cambridge gehören.

Noch hält die britische Regierung an ihren Ziel fest, die Hochschulbildung auszubauen - wenigstens verbal. Aber Universitätsrektoren und Gewerkschaften gehen von massiven Kürzungen nächstes Jahr aus. Im Frühjahr werden die Briten ein neues Parlament wählen. Meinungsumfragen deuten auf einen Wahlsieg der Konservativen hin, und die haben bereits Einsparungen im Sozial- und Bildungsbereich angekündigt, um das Staatsdefizit zu senken.

"Ich bin sehr pessimistisch", sagt Paul Cottrell von der Gewerkschaft University and College Union (UCU), "obwohl wir natürlich alles tun werden, um einen Stellenabbau zu verhindern."

23.500 Euro Studien-Schulden

Auch Alistair Jarvis, Sprecher des Hochschulverbandes 1994 Group, zu der viele prestigeträchtige Hochschulen vor allem in London gehören, geht von einer Kürzungswelle aus - übrigens unabhängig davon, welche Partei nächstes Jahr die Regierung stellen wird: "Es mag unpopulär sein, aber Einsparungen bei den Universitäten sind immer noch leichter durchzusetzen als Krankenhäuser oder Grundschulen zu schließen."

Die 1994 Group, fordert deshalb höhere Studiengebühren. Im Moment liegt die gesetzliche Obergrenze bei 3225 Pfund (rund 3757 Euro) pro Studienjahr. "Wenn wir mehr Studierende aufnehmen sollen, ohne dass das zu Lasten der Qualität der Lehre geht, brauchen wir mehr Geld", sagt Jarvis. Sein Verband fordert eine Obergrenze von mindestens 7000 Pfund (rund 8155 Euro).

Nun signalisiert der Minister Peter Mandelson, dessen Department for Business, Innovation and Skills (BIS) auch für die Hochschulen zuständig ist, Zustimmung zu der Forderung der Rektoren. "Exzellenz ist nicht billig", sagte der Minister kürzlich. Der Protest von Studierenden gegen diese Absichtserklärung blieb bisher verhalten. Dabei haben die Absolventen des Jahrgang 2009 mehr Gebührenschulden als alle Jahrgänge vor ihnen -nach einem Bachelor sind das durchschnittlich 20.000 Pfund (rund 23.500 Euro).

Autor:  Matthias Becker
Datum:  12 | 8 | 2009
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