Es ist nicht ganz leicht, die Klasse 8.1 an diesem Vormittag aufzutreiben. Statt in ihr Berliner Schulgebäude hat sie sich tief in die brandenburgische Provinz zurückgezogen. Zwei Regionalexpresse und eine dreiviertel Stunde Fußmarsch entfernt vom Berliner Hauptbahnhof, auf ein überwuchertes ehemaliges Stasi-Feriengelände nördlich von Potsdam. Die einzigen Gebäude hier sind verfallene Baracken Zutritt wegen Asbestgefahr verboten. Macht nichts. Die Sonne scheint. Die 17 Jungs und Mädchen, viele mit Jeans und Baseballkappe, manche mit Kopftuch, sitzen draußen; rund um einen Tisch, den sie heute früh selbst geschreinert haben. Neben ihnen baumelt ihr Mittagessen, Gemüse-Curry mit Reis, in einem großen gusseisernen Topf über einer offenen Feuerstelle.
Sameena, ein zierliches Mädchen mit einem zitronengelben Tuch um den Kopf, hat gekocht. Gegrübelt haben sie und zwei Mitschülerinnen dabei vor allem über das richtige Mengenverhältnis: Eineinhalb Liter Wasser pro Kilo Reis wie macht man das ohne Messbecher? Irgendwann kamen die Mädchen dann auf die Idee, sich nach leeren Wasserflaschen umzusehen. Sie fanden 0,7 Liter-Flaschen Problem gelöst.
Ein gepachtetes Gelände am Schlänitzsee will die Montessori-Schule Potsdam für ihr Projekt "Jugendschule" nutzen. Geplant ist, dass die Jugendlichen dort später einmal die 7. und Teile der 8. Klasse verbringen. Neben der Arbeit auf dem Bauernhof mit Obstbau und Viehzucht gibt es täglich 90 Minuten Schule.
Die Aufgaben auf dem Hof, von der Akquise, über die Berechnung und Verwaltung eines Budgets bis zur Produktion von Gütern , sorgt laut Schulleiterin Ulrike Kegler für Basisqualifikationen. Ganz nebenbei lernten die Schüler Grundrechenarten, Bruch- und Dezimal-, Prozent- und Zinsrechnung. Außerdem gehe es darum, eigene, echte Fragen zu stellen, die sich aus dem Alltag ergeben: Der Lebensraum als Lernraum.
Was ist hier los? Pfadfindercheck für Großstädter? Wandertag? Klassenfahrt? Projektwoche? Ein bisschen von allem und doch etwas anderes. Wenn es nach dem Willen von Jens Großpietsch und Ulrike Kegler geht, findet hier nicht weniger als der Testlauf für Lernen in ganz neuem Stil statt.
Großpietsch ist Leiter der Berliner Heinrich-von-Stephan-Schule, die man wohl als Brennpunktschule bezeichnen darf. Kegler leitet die mit dem Deutschen Schulpreis gekrönte Potsdamer Montessori-Schule und hat es eher mit Mittelschichts-Jugendlichen zu tun hat. Beide Schulleiter machen seit Jahren dieselbe Erfahrung: In den siebten und achten Klassen ist Unterricht wegen geistiger Abwesenheit der Schüler häufig kaum möglich.
"Pubertät", konstatiert Großpietsch trocken, "das ist wie Leben mit einem Brett vorm Kopf, auf dem geschrieben steht: Wegen Umbauarbeiten zurzeit geschlossen". Wenn Ulrike Kegler sich etwas diplomatischer ausdrückt, meint sie dasselbe: "Es gibt Jahre, da brauchen Schüler etwas anderes als Schule. Da müssen sie raus und sich ausprobieren. Die Welt entdecken. Mit ihren eigenen Händen etwas herstellen."
Das können sie hier. Die Potsdamer Schüler, die alle vier Wochen kommen, und die Berliner, die heute den dritten Tag hier sind, haben das Gelände vermessen, kartiert und ein Konzept für die Zukunft erarbeitet. Wenn die Wege geräumt, die Büsche beschnitten, ein paar Bäume gefällt und die Baracken abgerissen sind, soll hier ein Areal mit Obstplantagen entstehen, mit Viehzucht, einem kleinen Fischereihafen, einem Sägewerk vielleicht und sogar einer Wetterstation. Mit bewohnbaren Hütten und fließend warmem Wasser und Strom.
Bisher ist der einzige Neubau ein hölzernes Toilettenhäuschen mit Plumpsklo, dem die Achtklässler gerade eine Tür verpasst haben und prompt eine Lektion erteilt bekamen. Der 15-jährige Mahmud hätte sich beim Einbau der Tür glatt eingeschlossen. Die Scharniere waren falsch angebracht. Statt nach außen ließ sich die Tür nach innen öffnen und damit gar nicht.
Jetzt sieht das Häuschen aus wie neu. Noch ohne Tür, und nur mit einem Vorhang soll das schicke Plumpsklo übrigens auch dem bisher prominentesten Besucher des Geländes bereits sehr gefallen haben: Hartmut von Hentig, dem inzwischen 84 Jahre alten Doyen der deutschen Reformpädagogik.
Der war nämlich auch schon hier und schaute, wie sich seine Idee in der Praxis bewährt. Einige Jahre ist es her, dass der Gründer der Bielefelder Laborschule die Öffentlichkeit mit einem radikalen bildungspolitischen Vorschlag überraschte. Während der Pubertät sollten sich Schüler an anderen Orten als im Klassenzimmer bewähren: einen Bauernhof oder Gasthof betreiben, die Schule renovieren oder einen Film drehen.
Ulrike Kegler, der brandenburgischen Schulverwaltung seit vielen Jahren als Frau der Tat bekannt, machte sich auf den Weg. Suchte und erstritt das Nutzungsrecht für das Gelände. Fand mit der Stiftung Brandenburger Tor einen Sponsor und nähert sich nun langsam, aber stetig ihrem Ziel: In ein paar Jahren sollen die Potsdamer Montessori-Schüler am liebsten die ganze siebte und die halbe achte Klasse auf dem Hof verbringen, Tag und Nacht.
Tiere hüten und Felder bewirtschaften. Sich selbst, aber auch den freien Markt mit landwirtschaftlichen Produkten versorgen. Echte statt künstliche Herausforderungen bewältigen. Eine "Pädagogik des Ortes" nennt Kegler das. Weite Teile des Lehrplans sollen in die Praxis integriert und zusätzlich zwei Stunden täglich Unterricht stattfinden.
Und wie bitte sieht das in der Praxis aus? Pascal hat den ganzen Morgen einen 50 Meter langen Weg von Ästen, Laub und Schutt befreit. Schubkarre für Schubkarre hat er Schrott zum Schrott, Erde zum Komposthaufen und die Äste zum Bruchholz gerollt. Jetzt sitzt der schmächtige Junge mit den blonden Haaren auf einer Bank, guckt auf den See, blinzelt in die Sonne. Und: Rattert zehn Fragen hinunter, die er sich gestellt hat; teils ganz von selbst, teils auf Anfrage der Lehrer.
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