Die „Generation Porno“, jene 12-, 13- oder 14-Jährigen also, denen in puncto Sexualität nichts fremd ist, die alle einschlägigen Erfahrungen bereits hinter sich haben und die Aufklärungsbemühungen ihrer Eltern mit einem müden Lächeln quittieren – diese „Generation Porno“ ist offenbar eine Schimäre. Es gibt sie nicht.
So jedenfalls sind die Ergebnisse einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu verstehen, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. „Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht“, sagt die Direktorin der Bundeszentrale, Elisabeth Pott. Im Gegenteil, die Erhebung zeige, dass die sexuelle Aktivität von Jugendlichen eher nachlasse.
Die Generation, von der Elisabeth Pott spricht, ist erfreulich gut unterrichtet, dabei zurückhaltend, vernünftig und verantwortungsbewusst. Wer die Studie zur Jugendsexualität liest, könnte den Eindruck gewinnen, diese Generation hätte an der sexuellen Aufklärung mehr Spaß als an der Sache selbst.
Achtzig Prozent der deutschen Jungen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren fühlen sich hinreichend gut unterrichtet. Umfassende Aufklärung liefert demnach das Elternhaus, besonders die Mütter, die Schule und entsprechende Beratungsstellen. Lediglich in Detailfragen zur Verhütung oder zu sexuellen Praktiken besteht auch unter deutschen Jugendlichen noch Informationsbedarf. Erfreulich sei, so Elisabeth Pott, dass das verschämt-verklemmte Aufklärungsgespräch in deutschen Elternhäusern offenbar ausgedient habe. Sexuelle Aufklärung geschehe heute vielmehr im kontinuierlichen Gespräch.
Schulen für Migranten wichtig
Dagegen finden Jugendliche mit Migrationshintergrund in Fragen der Sexualität wenig Rückhalt in ihren Elternhäusern. Nur 67 Prozent der Mädchen und 72 Prozent der Jungen halten sich für ausreichend aufgeklärt. 17 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund und 22 Prozent der Jungen geben an, sie hätten niemanden, mit dem sie über diese Frage sprechen könnten. Unter ihren deutschen Altersgenossen sind dies nur acht Prozent bei den Mädchen und 18 bei den Jungen. Für diese Jugendlichen werde die Wissensvermittlung in den Schulen immer wichtiger, erklärt Pott.
Jungen aus Migrantenfamilien sind früher und häufiger sexuell aktiv als deutsche Jungen. Mädchen aus Migrantenfamilien hingegen sind deutlich zurückhaltender als ihre deutschen Geschlechtsgenossinnen. So geben 50 Prozent der 16-jährigen deutschen Mädchen an, sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, dagegen sind es unter den gleichaltrigen Mädchen aus Migrantenfamilien nur 27 Prozent. 48 Prozent dieser Mädchen begründen ihre Zurückhaltung damit, dass sie sich zu jung fühlten. 34 Prozent wollen vor der Ehe keine Beziehung zum anderen Geschlecht eingehen. Unter den Mädchen muslimischen Glaubens lehnen 59 Prozent Geschlechtsverkehr vor der Ehe ab. 26 Prozent geben an, sie hätten Angst davor, ihre Eltern könnten davon erfahren.
Während in den meisten Migrantenfamilien Sexualität offenbar ein Tabuthema ist, können deutsche Jugendliche ihre ersten Erfahrungen relativ frei und unbefangen machen. Nur sieben Prozent der deutschen Mädchen fürchten, dass die Eltern von ihrer Beziehung erfahren könnten, bei den Jungen sind es 13 Prozent.
Das „erste Mal“ erleben die deutschen Jugendlichen in der Regel in einer festen Beziehung. Von häufigen Partnerwechseln weiß die Untersuchung nichts zu berichten. Die Hälfte der sexuell aktiven Mädchen und 40 Prozent der Jungen zwischen 14 und 17 Jahren geben an, bislang lediglich eine Partnerschaft eingegangen zu sein. Mit der promisken Generation ihrer 68er-Großeltern haben die 14- bis 17-Jährigen heute offenbar wenig gemein.
Besonders erfreut vermerkt die Studie der Bundeszentrale den positiven Trend beim Verhütungsverhalten der Jugendlichen. Es war nie vorbildlicher als heute: Selbst beim ersten Mal vergessen nur acht Prozent der befragten Jungen und Mädchen, sich vor einer Schwangerschaft, vor AIDS oder anderen Krankheiten zu schützen. 1980 lag der Anteil der Vergesslichen mit 20 Prozent bei den Mädchen und 29 Prozent bei den Jungen noch deutlich höher.
Das Kondom ist, vor allem für die Unerfahrenen, das Mittel der Wahl. Drei Viertel der Jugendlichen wenden es an. Mit zunehmenden Erfahrungen steigen die Mädchen dann aber offenbar auf die Pille um. Das gilt für deutsche wie für die sexuell aktiven Mädchen aus Migrantenfamilien.
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