Die Hochschullehrer fordern vom Handelsblatt, aus sämtlichen Rankings gestrichen zu werden. In einem offenen Brief kritisieren sie die "Eindimensionalität der Leistungsmessung", die ausschließlich auf Publikationen in Zeitschriften basiert. "Rankings des Forschungsoutputs, besonders solche, die eine Öffentlichkeitswirkung entfalten, führen indirekt zu einer Abwertung von Tätigkeiten außerhalb der Forschung", heißt es in dem dem Aufruf zum Boykott, den am Dienstagabend bereits 305 Professoren aus ganz Deutschland unterzeichnet hatten.
Aus Sicht der Unterzeichner sind "Personenrankings" nicht nur "kein geeignetes Instrument, die Qualität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu messen", sie "schaden" sogar "der Wissenschaft", weil sie die Forscher dazu veranlassten, bei ihrer Arbeit weniger nach Interesse und Relevanz zu gehen, als vielmehr danach, was die meisten Rankingpunkte bringt: "Die Innovativität nimmt ab", konstatieren die Initiatoren, der Mannheimer Professor Alfred Kieser und seine Kollegin Margit Osterloh von der Uni Zürich..
Trotz der Kritik hält das Handelsblatt an der eigenen Bestenliste fest. In seinem eigenen Blog verkündet das Blatt jedoch, man nehme die "Kritik sehr ernst" und biete "den Forschern, die nicht mitmachen wollen, eine Opt-Out-Möglichkeit aus den Personenrankings". In die Bewertung des Hochschulrankings flössen sie jedoch mit ein. Die Zeitung hatte bereits 2009 eine Liste der "200 forschungsstärksten Betriebswirte" für die 2100 Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bewertet wurden. Bereits damals habe es einen Aufschrei der Empörung unter der Professorenschaft gegeben, berichtet das Blatt.
Es verteidigt sich auch gegen die Vorwürfe der Wissenschaftler, das Ranking weise "gravierende methodische Mängel auf". Festzuhalten sei, "dass die Methode, die wir anwenden, eine in den Wirtschaftswissenschaften international gängige Vorgehensweise zur Evaluierung von Forschungsleistung ist", rechtfertigt sich die Zeitung. Das Ranking konzentriere sich bewusst nur auf die Messung der Forschungsleistung, da diese "eine der Kernaufgaben schlechthin" sei.
Die Forscher bemängeln auch, dass die falschen Anreize, die durch solche Rankings gesetzt würden, die Forscher zu Manipulationen verleiten könnten. Pikant ist in diesem Zusammenhang, dass einem der Shootingstars des Rankings von 2009, dem Mannheimer Professor Ulrich Lichtenthaler, inzwischen vorgeworfen wird, seine Publikationsliste aufgebläht zu haben. Das Handelsblatt selbst berichtete im Juli, mehrere Zeitschriften hätten Aufsätze von Lichtenthaler wegen Qualitätsmängeln zurückgezogen, eine Untersuchungskommission der Uni Mannheim prüfe seine Arbeiten. Sie geht auch dem Vorwurf nach, Lichtenthaler habe inhaltliche identische Studien mehrfach veröffentlicht.
Solche Fälle dürften die Boykott-Unterzeichner in ihrer Kritik bestätigen. In ihrem Schreiben warnen sie unter anderem: Angeheizt durch Rankings wie das des Handelsblatts versuchten Wissenschaftler, "aus ihren Forschungsprojekten so viele Aufsätze wie möglich zu pressen, indem sie beispielsweise identische oder fast identische Textpassagen in mehreren Aufsätzen verwenden".
Erst vor wenigen Wochen hatten Deutschlands Soziologen zum Ranking-Boykott aufgerufen. Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) kritisierte im Juli in einem Aufruf die „simplifizierende Ampellogik“ des bekanntesten deutschen Hochschulrankings, welches das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh alljährlich durchführt und das von der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht wird.
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