Tübingen. Kinder, die sich freiwillig an die Hausaufgaben setzen, scheinen die absolute Ausnahme zu sein: "Hausaufgaben sind ein großes Thema bei Eltern und ihren Kindern", hat Britta Kohler beobachtet. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Tübingen. Die Kinder trödeln, quengeln oder meckern, die Eltern halten Vorträge, sind ungeduldig und wollen, dass der Nachwuchs endlich zur Sache kommt.
Grund ist häufig großer Leistungsdruck: "Eltern achten sehr darauf, dass ihr Kind gute schulische Leistungen erbringt, denn die Schullaufbahn gilt heute als Zukunftsversicherung", erläutert Kohler. "Hausaufgaben haben damit oft schon ab der ersten Klasse eine extrem hohe Bedeutung", ergänzt Carmen Wöhler vom Therapiezentrum für Kinder und Jugendliche mit Teilleistungsstörungen in Köln.
"Viele Eltern sind sehr ungeduldig, belehren und verbessern ihr Kind, anstatt es zu motivieren", erläutert Monika Rammert, Diplom-Psychologin und Autorin aus Bielefeld. "Kinder brauchen aber das Gefühl, ihre Sache gut und selbstständig zu machen."
Den besten Zeitpunkt herausfinden
"Generell sollte erst einmal herausgefunden werden, wann die beste Zeit für die Hausaufgaben ist", empfiehlt Britta Kohler. Während sich viele Kids gleich nach dem Mittagessen an die Aufgaben machen, wollen andere erst spielen und sich austoben. "Für manche Kinder ist der späte Nachmittag oder frühe Abend ideal."
Ob die Hausaufgaben am Schreibtisch im eigenen Zimmer oder am Küchentisch gemacht werden, ist eine individuelle Entscheidung: "Es gibt da kein richtig oder falsch", findet Rammert. "Das Kind sollte aber nicht durch kleinere Geschwister, Radiomusik oder andere Ablenkungen gestört werden", rät Diplom-Pädagogin Wöhler.
Auch wenn Kinder wünschen, dass Mama oder Papa mit am Tisch sitzen: "Ideal ist das nicht", meint Britta Kohler. "Eltern sollten keine Hilfslehrer sein." Psychologin Monika Rammert empfiehlt, sich für Fragen in der Nähe aufzuhalten. Das bedeutet aber nicht, etwas sofort zu erklären, wenn es unklar ist. "Helfen Sie Ihrem Kind lieber, den Lösungsweg selbst zu entdecken", rät Rammert.
Wer feststellt, dass sein Kind täglich zu viel Zeit für die Hausaufgaben benötigt, sollte sich an den Lehrer wenden oder das Thema auf einem Elternabend ansprechen. "Es gibt für jede Altersstufe Empfehlungen", erklärt Kohler. So sind in der ersten und zweiten Grundschulklasse 20 bis 30 Minuten vorgesehen, ab der fünften Klasse bereits eine Stunde. "Wenn Kinder ständig länger brauchen, kann eine Überforderung vorliegen", sagt Wöhler.
Meckern bringt nichts
"Mein Gott, hast du da rumgepfuscht!" - auch der Anblick erledigter Hausaufgaben lässt Eltern so manches Mal erschaudern. "Aber dieses Gemeckere bringt nichts!", findet Monika Rammert. Statt Vorträge zu halten, kann die Nachfrage "Glaubst du, das ist so in Ordnung?" viel effektiver wirken. "Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen sammeln", ergänzt Rammert. Und wenn die Hausaufgaben voller Fehler sind, gibt es das Echo am nächsten Tag in der Schule.
Löcher in die Wolken gucken, Geschichten erzählen, auf dem Stuhl wippen: Manche Kinder sind wahre Meister im Zeitverbummeln. "Besonders jüngere Schüler haben oft noch kein gutes Zeitgefühl", erklärt die Pädagogin Carmen Wöhler aus Köln. Hier kann eine Eieruhr helfen. "Stellen Sie die Uhr auf kleine Fünf- oder Zehn-Minuten-Häppchen."
Das Kind darf dann zeigen, was es in dieser Zeit schafft. Danach muss es aber auch ein Lob geben: "Toll, vier Aufgaben in zehn Minuten, dann schaffst du den Rest ja auch im Nu." Bei älteren Kindern sollte ein festes Zeitlimit gelten. "Was danach nicht fertig ist, bleibt eben liegen", sagt Wöhler. "Die Erfahrung unerledigter Hausaufgaben kann das Trödeln schon bald vermiesen." (dpa/tmn)
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