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18. Dezember 2014

Hautfarbe: Früher waren alle Menschen schwarz

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Gruppenbild: Alle Vormenschen und frühen Menschen hatten dunkle Haut, der erste „Weiße“ war der Neandertaler.  Foto: Senckenberg

Die wissenschaftlichen Fakten lassen keinen Raum für Diskriminierung. Ursprünglich hatten alle Vormenschen und frühen Menschen eine schwarze Haut – die unterschiedlichen Farben entwickelten sich erst mit der Ausbreitung in kältere Regionen.

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Die originale Hautfarbe der Menschen ist schwarz. Der blasse Teint entwickelte sich erst allmählich, nachdem einige unserer Vorfahren vor 100 000 bis 70 000 Jahren Afrika verließen und sich in Breiten mit weniger intensivem Sonnenlicht ausbreiteten. „Ihre Körper mussten weniger Pigmente bilden, damit durch die Haut genug UV-Strahlung eindringen und sie genug Vitamin D bilden konnten“, sagt Professor Nina Jablonski von der Pennsylvania State University: „Weiße Haut ist somit eine reine biologische Anpassungsreaktion auf verändertes Klima. Zur Klassifizierung von Menschen taugt sie nicht.“

Die US-amerikanische Anthropologin und Paläontologin widmet sich seit Anfang der 1990er Jahre der Evolution menschlicher Hautfarben und betrat damit ein wissenschaftliches Feld, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Forschung „unterrepräsentiert“ war, wie sie sagt. Nach dem Rassenwahn der Nationalsozialisten habe es eine „riesige Angst“ gegeben, sich mit den Ursprüngen der Unterschiede zwischen Menschen zu beschäftigen. Und in nichts weichen diese so offensichtlich voneinander ab wie bei der Hautfarbe, es sei das Merkmal, was eine so „visuell orientierten“ Spezies wie Homo sapiens zuerst wahrnehme, erklärt die Anthropologin. Mit der Pigmentierung jedoch eine Wertigkeit zu verbinden – das stelle erst eine Entwicklung der vergangenen drei Jahrhunderte dar: „In der Antike gab es diese Form der Diskriminierung nicht. Die Griechen versklavten zwar Menschen aus Nordafrika, doch das hatte nichts mit der Hautfarbe, sondern mit der Zugehörigkeit zu einer anderen Zivilisation zu tun. Die Griechen unterwarfen schlicht alle, die nicht Griechen waren.“

Der aus aufgeklärter Sicht absurde Gedanke, dass die Hautfarbe mit bestimmten Eigenschaften gekoppelt sein könnte, kam erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts auf. So hatte der berühmte Naturforscher Carl von Linné noch in seiner 1735 erschienenen ersten wissenschaftlichen Klassifizierung der Menschen diese zwar nach Hautfarben und Kontinenten unterschieden. Weitergehende Bezüge stellte er damals allerdings noch nicht her. 23 Jahre später hatte sich das geändert: In der zweiten Edition 1758 fügte Carl von Linné den vorher rein physischen Beschreibungen Informationen vermeintliche dazugehörige Verhaltensweisen hinzu, erklärt Nina Jablonski: Europäer sah er weiß, lebhaft und zuversichtlich, Asiaten braun und melancholisch, die Ureinwohner Amerikas erschienen ihm als cholerische Rothäute, Afrikaner stufte er als schwarz und phlegmatisch ein. Ein idealer Nährboden für Rassismus und eine Grundlage für den Sklavenhandel.

Zwar gab es auch andere Stimmen, wie die des Naturforschers Georg Forster, der an der zweiten Weltumseglung von James Cook teilnahm: „Doch sie wurden nicht gehört“, sagt Nina Jablonski.

Großen Einfluss auf die Etablierung einer Hierarchie der Rassen im öffentlichen Bewusstsein hatte Immanuel Kant, eigentlich ein Philosoph der Aufklärung, zynischerweise, der aber in diesem Fall eine unrühmliche Rolle spielte. Denn ausgerechnet dieser große Denker war es, der die Hautfarbe explizit mit einem „Wert“ versah, erklärt die Anthropologin: Er unterteilte die Menschen in vier festgelegte Rassen, die er mit bestimmten Fähigkeiten verband und in eine Rangordnung eingliederte. Die Botschaft war klar, erklärt Nina Jablonski: Hellhäutige Rassen sind überlegen und dazu bestimmt, sich von den dunkleren dienen zu lassen. Und noch eine Assoziation schwang mit im Gedankengebilde des deutschen Philosophen, führt die Anthropologin aus – nämlich jene, dass die weiße Hautfarbe einhergeht mit Reinheit und Tugendhaftigkeit, die schwarze hingegen mit Unreinheit und Sündhaftigkeit. Es sind Vorurteile, die bis in die Gegenwart in Teilen der menschlichen Gesellschaft Bestand haben. „Bis heute werden Menschen geeint oder getrennt durch ihre Hautfarbe“, sagt Nina Jablonski: „Wahrscheinlich hat kein anderes körperliches Attribut eine größere Bedeutung.“

Die moderne Forschung hat all diese kruden Konstrukte inzwischen widerlegt. Mit Hilfe von Daten der US-Weltraumorganisation NASA zur Intensität des ultravioletten Lichts in den verschiedenen Regionen der Erde, mit vergleichender Anatomie und Physiognomie und durch die Erkenntnisse aus dem 1990 begonnenen „Humangenprojekt“, der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms, verfügt die Wissenschaft heute über ein klares Bild, wie es zu den verschiedenen Hautfarben kam.

Dass die Pigmentierung für das Überleben der Menschen überhaupt eine Rolle zu spielen begann, hat damit zu tun, dass unsere Vorfahren vor etwa zwei Millionen Jahren zunehmend ihre Körperbehaarung verloren und die Haar- durch Schweißdrüsen ersetzt wurden. Diese Form, Hitze auszugleichen, verschaffte Vorteile beim Laufen weiter Strecken – brachte es aber mit sich, dass die Haut nicht mehr von Fell vor der Sonne geschützt war, erklärt Nina Jablonski. Weil diese frühen Vertreter der Gattung Homo in Afrika unter starkem UV-Licht lebten, war ihre Haut dunkel, in vielen Varianten, sagt die Anthropologin. Die Erklärung ist einfach: Die dichte Pigmentierung verhinderte, dass zu viel Strahlung durch die Haut dringen und sie verbrennen konnte.

Auch die Vorfahren der heutigen Europäer, Asiaten oder Amerikaner stammen allesamt aus Afrika. Sie machten sich vor etwa 100 000 bis 70 000 Jahren auf den Weg, den Kontinent zu verlassen. Im Vergleich zu den „Daheimgebliebenen“ war es eine kleine Gruppe, die fortzog und deren Nachkommen sich über die afro-arabische Halbinsel nach Europa und Asien, später auch nach Australien und zuletzt nach Süd- und Nordamerika ausbreiteten: genetisch ein „Flaschenhals“, veranschaulicht Nina Jablonski. Das ist bis heute am Erbmaterial der Weltbevölkerung ablesbar: In Afrika gibt es eine wesentliche größere genetische Bandbreite als in allen anderen Teilen der Erde: „80 bis 90 Prozent der genetischen Unterschiede bei Menschen sind dort zu sehen.“

Die Auswanderung in kältere Regionen hatte Konsequenzen für das Aussehen der Menschen: Denn das Sonnenlicht in diesen Breiten reichte nicht mehr aus, um genügend Vitamin D zu bilden. Für den Erhalt der Gesundheit gab es nur einen Ausweg: Die Pigmentierung musste schrumpfen, damit auch bei geringerer UV-Einwirkung eine ausreichende Menge dieses lebenswichtigen, Knochen und Muskelkraft stärkenden Stoffs produziert werden konnte. In Europa traf der moderne Mensch übrigens auf bereits blasse Verwandte: Die Neandertaler, Nachfahren einer früheren Auswanderungswelle aus Afrika, waren die ersten Menschen mit heller Haut, sagt der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt.

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Als spätere Generationen von Homo sapiens nicht nur in Europa, sondern nach zehntausenden Jahren wieder in wärmeren Gebieten mit mehr Sonne ankamen – etwa in Zentralasien und Südamerika – musste der Körper den Prozess des „Ausbleichens“ zum Teil rückgängig machen und wieder mehr Pigmente bilden, erläutert die Jablonski. „Die Hautfarbe ist also eine reine Anpassung an äußere Faktoren.“

Doch in der modernen Welt wird das, was die Evolution geschaffen hat, zunehmend außer Kraft gesetzt – nicht allein, weil viele Menschen in Gebieten mit einer Sonneneinstrahlung leben, an die sie von ihrer Hautfarbe her eigentlich nicht angepasst sind; was durchaus zu gesundheitlichen Problemen wie Hautkrebs (bei wenig Pigmentierung und starker Sonne) oder Vitamin-D-Mangel (bei starker Pigmentierung und wenig Sonne) führen kann, wie Nina Jablonski sagt. Die größte Umweltveränderung, mit der Homo sapiens in seiner jüngsten Geschichte fertig werden müsse, sei indes „das viele Sitzen auf dem Po – und das im künstlichen Licht“. Diese moderne Lebensweise hat den sinnvollen Schutzmechanismus der Pigmente komplett ausgehebelt und blieb nicht ohne Folgen: Insbesondere in den Industrieländern ist der Mangel an Vitamin D inzwischen weit verbreitet.

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