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Medizin: Heilung aus Gottes Kräutergarten

Viele Jahrhunderte lang war die Klostermedizin einzige Hoffnung für Kranke – heute erschließen Forscher das alte Wissen.

Pflanzen aus dem Kräuterbuch von Leonhart Fuchs aus dem Jahr 1545. Die Darstellung ist botanisch gesehen von hoher Qualität.  Foto: Yale University

Wuchtig ragen die beiden Türme der Kirche Sankt Michael in den Himmel. Sie scheinen über den Klostergarten der Oberzeller Franziskanerinnen zu wachen. Schwester Leandra Ulsamer hegt hier Lavendel, Salbei und Ysop. Die Heilkräuter sind in den heißen Sommerwochen schneller als sonst herangewachsen, so dass die Franziskanerin alle Hände voll zu tun hatte, die reiche Ernte einzubringen.

„Schlüsselblumen und Zitronenmelisse gab es schon im Frühjahr für unsere Kräutertees“, berichtet Schwester Leandra. „Wir haben in diesem Jahr enorm geerntet, auch Johanniskraut, Königskerze, Pfefferminze und Salbei.“

Schwester Leandra Ulsamer  im Oberzeller Klostergarten.
Schwester Leandra Ulsamer im Oberzeller Klostergarten.
Foto: POW/M. Hauck

Angefangen hat alles vor 21 Jahren mit einer kleinen Ecke im Garten. Hier pflanzte die Schwester zunächst die Kräuter für den Abendtee der Franziskanerinnen an. Heute ist ihr Kräutergarten in Oberzell bei Würzburg mit rund 100 verschiedenen Sorten einer der größten in Deutschland. „Und jedes Jahr kommen vier, fünf Pflanzen dazu“, sagt Schwester Leandra. Gerade hat sie das feinblättrige Olivenkraut neu eingesetzt, das heilsam auf die Verdauung wirken soll.

Schwester Leandra geht zu einem anderen Strauch und schneidet einige Zweige heraus. „Der Ysop blüht im Moment sehr schön blau, sein Öl ist ein ideales Mittel bei Bronchitis und Reizhusten“, erläutert sie. Das Kraut gehöre zu den Mysterienpflanzen des Altertums. Schon in einem Rezept der Medizinschule von Salerno aus dem Jahr 1066 heiße es: „Bläulicher Ysop reinigt die Brust vom schädlichen Schleim.“

Für das Heilwissen der Mönche interessiert sich inzwischen auch die moderne Wissenschaft. Der Medizinhistoriker Johannes G. Mayer arbeitet seit zehn Jahren mit Schwester Leandra zusammen. Seine „Forschergruppe Klostermedizin“ an der Universität Würzburg forstet systematisch die mittelalterlichen Quellen durch.

Die für ihn überraschendste Erkenntnis? „Das ist die wichtige Entdeckung, dass man penizillinartige Stoffe in der Klostermedizin verwendet hat“, sagt er. „Mit einer Mischung aus Schimmelkäse, Honig und teilweise Schafsdung hat man eine Mischung hergestellt und direkt auf die Wunde gegeben. Leider können wir nach 1200 Jahren nicht mehr rekonstruieren, um was für einen Käse es sich gehandelt hat.“

Denn das erstaunliche Rezept stammt aus dem Lorscher Arzneibuch, das um das Jahr 795 zur Zeit Karls des Großen entstanden ist. Dieser wertvolle Codex wurde erst 1989 wiederentdeckt. Eine Spende des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim ermöglichte die Übersetzung und wissenschaftliche Bearbeitung.

Das in der Reichsabtei Lorsch bei Worms entstandene Werk enthält auf 150 Seiten rund 500 Rezepte, die erstaunlicherweise zum Teil aus der Antike stammen. Der unbekannte Verfasser leitet zudem aus biblischen Texten die Pflicht ab, den Kranken durch die von Gott geschaffenen Heilpflanzen und -mittel zu helfen.

Die sogenannte Klostermedizin hatte ihre Blütezeit zwischen dem achten und 13. Jahrhundert. Ausgelöst wurde sie durch chaotische Umwälzungen: die Völkerwanderung, den endgültigen Zusammenbruch des Römischen Reiches (476 n. Chr.) und die Justinianische Pest, die ab 541 von Ägypten kommend weite Teile des Mittelmeerraumes und Europas heimsuchte. Bis zu einem Viertel der Bevölkerung starben durch die verheerenden Epidemien, die bis 770 immer wieder ausbrachen. Die Menschen lebten in primitivsten Verhältnissen.

Das frühe Christentum sah im Wüten der Pest, den Kriegen und der Völkerwanderung eine hinzunehmende Strafe Gottes. Das antike Heilwissen ging in diesen dunklen Jahren in großen Teilen verloren. Es war der Mönch Benedikt von Nursia (ca. 480-547), der die Flamme des Wissens neu entzündete. Auf dem Monte Cassino bei Neapel gründete er ein Kloster, dem er revolutionäre Regeln gab.

Die meisten Europäer waren zu dieser Zeit des Lesens und Schreibens nicht mehr kundig. Die Mönche jedoch wurden von Benedikt verpflichtet, zu lesen und die alten Schriften zu kopieren. Dazu gehörten auch die vorchristlichen Werke der Medizin. Benedikt verwarf auch die christliche Lehre, alle Krankheit sei von Gott gesandt. „Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen Pflichten; man soll ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus“, schrieb der Gründer des Benediktinerordens. Er legte damit den Grundstein der Klostermedizin.

Papst Gregor I., genannt der Große (um 540-604), war von Benedikts Regeln so beeindruckt, dass er sie als verbindlich in der gesamten römischen Kirche erklärte. Gregor I. wandelte sogar die elterliche Villa auf dem Monte Celio bei Rom in ein Benediktinerkloster um.

Schon bald wurden in ganz Europa Heilkräuter in den Klöstern angebaut, betreuten immer mehr heilkundige Mönche die Krankenstuben. Kaiser Karl der Große (747-814) übernahm das Gebot der Krankenpflege für sein Reich und ordnete auch für die Städte die Anlage von Kräutergärten an.

Die letzte große Medizinautorin des Hochmittelalters war die Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179), Äbtissin des Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein. Ihre Werke „Physica“ (Naturkunde) und „Causae et curae“ (Ursachen und Behandlung) wurden in den letzten Jahren neu entdeckt. Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Schriften authentisch sind, es gibt keine Originale mehr aus ihrer Zeit.

Nach Hildegard verloren die Klöster langsam ihr Monopol in der Heilkunde. Weltliche Universitäten wie die Schule von Salerno entstanden, die der Legende nach von einem Griechen, einem Lateiner, einem Araber und einem Juden gegründet worden ist.

Phytopharmaka

Die Klostermedizin stützt sich vornehmlich auf Heilkräuter. Teilweise folgte die Auswahl der Pflanzen nicht der Erfahrung, sondern einer mystischen Signaturenlehre. Sie lehrt, dass die Pflanzen ein von Gott mitgegebenes Zeichen tragen, bei welcher Krankheit sie eingesetzt werden können. Etwa Walnuss bei Kopfschmerzen.
Pflanzliche Wirkstoffe halten die meisten Deutschen für verträglicher und sanfter als chemisch hergestellte. Das geht aus einer Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg hervor, die in dieser Woche veröffentlicht worden ist. Demnach äußern sich acht von zehn (80,6 Prozent) der Befragten positiv zu Naturheilmitteln.
Phytopharmaka sind industriell hergestelle Produkte aus Arzneipflanzen. Falls keine Studien zur Wirksamkeit vorliegen, muss auf der Verpackung der Hinweis „Traditionell angewendet“ stehen.
Im Arzneibuch sind die meisten der in Deutschland verwendeten Arzneipflanzen aufgeführt. Für 330 Pflanzen gibt es Monografien des Bundesgesundheitsamtes, in denen Eigenschaften, Wirkungen und Nebenwirkungen erfasst sind.
Europaweit akzeptierte Bewertungskriterien erarbeitet die Escop (The
European Scientific Cooperative on
Phytotherapy; www.escop.com), zu
der in Deutschland die Gesellschaft für Phytotherapie (www.phytotherapy.org) gehört. Bislang wurden von der Escop mehr als 100 Pflanzen bewertet.
Die Forschergruppe Klostermedizin arbeitet am Institut für Geschichte der Medizin, Universität Würzburg.
www.klostermedizin.de
Buchtipp:
Johannes G. Mayer, Bernhard Uehleke, Pater Kilian Saum: Handbuch der Klosterheilkunde, Verlag Zabert Sandmann, 24,80 Euro.

An der Universität Würzburg haben Mayer und sein Team aus Chemikern, Pharmazeuten und Ärzten in den vergangenen Jahren rund 600 Heilpflanzen der Klostermedizin identifiziert. „Was davon heute übernommen werden kann, das müssen die Hersteller entscheiden“, meint er. Finanziell unterstützt werde die Forschergruppe Klostermedizin von der Firma Abtei, die zum Pharmakonzern GlaxoSmithKline gehört, und der Martin Bauer Group, die Kräuter und Extrakte für andere Hersteller liefert.

„Deutschland ist weltweit führend in der Analyse der Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen“, berichtet Medizinhistoriker Mayer. Das korrespondiert mit dem guten Ruf, den Pflanzenheilmittel hierzulande haben. Seit 2004 erstatten die gesetzlichen Kassen nur noch in Ausnahmefällen pflanzliche Medikamente, etwa Johanniskraut gegen Depressionen. Trotzdem wurden im vergangenen Jahr laut IMS Pharma Scope allein in Apotheken Phytopharmaka im Wert von 796 Millionen Euro verkauft, die zum größten Teil privat bezahlt wurden. Hinzu kommen die Präparate aus Drogerien, Reformhäusern und Supermärkten. Am beliebtesten sind Husten- und Erkältungsmittel, Medikamente für Herz und Kreislauf sowie Magen und Verdauung.

„Häufig ist aber noch nicht geklärt, welche Stoffe genau für die jeweilige Wirkung verantwortlich sind. Manchmal ist es eine Substanz, meistens sind es aber mehrere“, sagt Mayer. Es gebe aber große Fortschritte, etwa beim Baldrian und beim Hopfen. „Beim Baldrian sind es die Wurzeln, bei Hopfen die Dolden, die ein ganzes wertvolles Stoffgemisch liefern. “

Die Lignane im Baldrian wirkten genau umgekehrt wie Koffein oder Nikotin, sie wirkten wie der Hormonstoff Adenosin, erläutert Mayer. „Man kann damit Auto fahren und in Prüfungen gehen, wenn man sehr aufgeregt ist. Das ist das ideale Mittel, um wieder ruhiger zu werden.“ Man schlafe damit auch besser, aber es sei eben kein Betäubungsmittel wie viele andere synthetischen Schlaftabletten, die den Organismus lahmlegten.

„Ein erholsamer Schlaf“, so Mayer, „ist aber sehr wichtig, etwa für die Zellregeneration und für die Verarbeitung der Erlebnisse des Tages. Baldrian stört diese wichtigen Körperfunktionen nachweislich nicht.“ Wenn man noch Hopfen und Passionsblume dazu nehme, dann seien diese Schlaf- und Beruhigungsmittel den synthetischen Drogen eindeutig überlegen.

Während die moderne Medizin gerne einzelne Substanzen isoliert, biete die Natur ein ganzes Konzert von Inhaltsstoffen statt eines einzigen Instruments, meint Mayer. Fast jeder kenne das aus dem Alltag. Der Muntermacher Koffein wirke völlig anders, je nachdem ob er als isolierte Monosubstanz, als Kaffee, Tee oder etwa Guarana-Pflanze konsumiert werde. „Wir halten es für sinnlos, einen Stoff herauszuisolieren, der dann oft nicht die komplexe Wirkung hat, die die Pflanze als ganzes in klinischen Studien zeigt. “

Mayers Lieblingspflanze ist der Salbei, der bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie bei leichten Magenbeschwerden eingesetzt wird. „Das Potenzial ist aber wesentlich größer“, vermutet der Medizinhistoriker. Salbei habe eine positive Wirkung auf die Gedächtnisleistung des Gehirns, wie Studien aus Großbritannien zeigten.

Salbei verlangsamt den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin, so dass Patienten mit Alzheimer oder Demenz profitieren können. Allerdings müssen noch genauere Studien zur Dosierung folgen, da Salbei auch das Nervengift Thujon enthält. Der Satz „Was wirkt hat auch Nebenwirkungen“ trifft eben nicht nur für synthetische Medikamente zu, auch manche Heilpflanze hat giftige Inhaltsstoffe.

Deshalb steht vor dem Heilen einer Krankheit immer die gesunde Lebensführung. Und auch hier lernt Mayer von den Regeln des Benedikt von Nursia.

„Ora et labora et lege – bete, arbeite und lese“, der den Benediktinern zugeschriebene Spruch ist für den Würzburger Medizinhistoriker hochaktuell. „Das handelt vom richtigen Verhältnis von Schlafen und Wachen, von Arbeiten und Ausruhen, wichtig ist auch die Ernährung, mit der ich leichte Krankheiten günstig beeinflussen kann“, sagt Mayer. Der Mittagsschlaf sei ein zentraler Bestandteil des Klosterlebens, dessen positive Wirkung die moderne Schlafforschung bestätigt habe. „Bei uns ist das geradezu verpönt, aber nach einem Nickerchen ist man deutlich leistungsfähiger.“

Auch sonst lesen sich die Anweisungen des Mittelalters wie aus einem modernen Fitness-Ratgeber, erläutert Mayer: „Nicht zu spät essen. Fleisch von Säugetieren wie Schwein oder Rind war nur für Festtage und Kranke vorgesehen. Ansonsten hat man Fisch und Geflügel gegessen.“

Sogar Alkohol in kleinen Mengen ist erlaubt, wie Mayer berichtet. In den Regeln der Benediktiner heißt es, dass der Abt dafür sorgen soll, dass jeder Mönch ein römisches Maß Wein pro Tag erhält, das sind 0,27 Liter, also etwa ein Viertel Liter. Das ist genau die Menge, die auch heute von Medizinern als tolerierbar angesehen wird.

Aber für einen Schluck Wein ist es an diesem Tag noch zu früh. Schwester Leandra hat nach dem Mittagessen eineinhalb Stunden gebetet, anschließend ihr kurzes Schläfchen gemacht.

Jetzt wartet sie im Garten auf rund 40 wissbegierige Besucher. Auch ihnen wird sie ihre blühende Pracht zeigen, Johanniskraut, das Heiligenkraut und die kräftig blühende Ringelblume. „Es ist schön, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren, was die Kräuter Gutes tun“, sagt Schwester Leandra.

Und vielleicht verrät sie ja ihr Rezept für Feinschmecker, um die Lebensgeister wieder in Schwung zu bringen: „Dazu gibt man einige Stängel Rosmarin in besten Bordeaux-Wein, lässt einige Tage ziehen und kostet zu jeder Mahlzeit ein Gläschen.“ Wohl bekomm’s.

Autor:  Karl-Heinz Karisch
Datum:  13 | 8 | 2010
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