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05. April 2011

Hirnforscher Joachim Bauer: "Auf Ungerechtigkeit reagiert unser Gehirn mit Ekel"

Schädel erschlagener Kinder: Zeugnisse der unfassbaren Gewalt beim Völkermord in Ruanda im Jahr 1994.  Foto: dapd

Evolutionär gesehen ist der Homo sapiens ein soziales Wesen, sagt der Freiburger Professor Joachim Bauer im FR-Interview. Erst die Ressourcenknappheit habe Gewalt und Aggression hervorgebracht.

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Evolutionär gesehen ist der Homo sapiens ein soziales Wesen, sagt der Freiburger Professor Joachim Bauer im FR-Interview. Erst die Ressourcenknappheit habe Gewalt und Aggression hervorgebracht.

Herr Professor Bauer, täglich lesen wir von abgründig bösartigen Taten, die Menschen begehen − Väter, die ihre Kinder sexuell missbrauchen, Schüler, die in der Schule um sich schießen, Krieg, Vergewaltigung, Folter. Doch Sie sagen, der Mensch ist keineswegs triebhaft schlecht. Aber so richtig gut ist er auch nicht, oder?

Der Mensch ist im Prinzip leider zu allem fähig! Nicht nur, was wir im persönlichen Umfeld, sondern auch weltweit an Gewalt sehen, ist beängstigend. Umso wichtiger ist es, die Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, nach denen Gewalt entsteht. Der Mensch ist kein von spontaner, triebhafter Aggression getriebenes Wesen. Schon Charles Darwin hat den sozialen Instinkt als stärkste Triebkraft des Menschen erkannt.

Statt sich zu bekämpfen, strebt der Mensch also eigentlich danach zu kooperieren?

Wäre es anders, hätten wir als Spezies nicht überlebt. Über die längste Zeit seiner Evolution war der Mensch kein Jäger, sondern ein gejagtes Wesen, unsere Vorfahren mussten kooperieren.

Die instinktiv fürsorglich handelnde Mutter leuchtet vermutlich jedem ein, aber wird der Mensch nicht sofort zum Egoisten, wenn die Gruppe sich weitet, etwa im Berufsleben, aber auch an der Supermarktkasse?

Wir leben in einer Welt der knappen Ressourcen. Die um sich greifende Angst, nicht genug zu bekommen, ist ein idealer Nährboden für Egoismus und Aggression. Doch Angst, Egoismus und Aggression machen den Menschen krank, wie wir an der weltweiten Zunahme psychischer Störungen sehen. Seiner ursprünglichen biologischen Bestimmung nach hat der Mensch jedoch den Wunsch nach Fairness, Kooperation und sozialem Zusammenleben.

Wenn wir nur zu 50 Prozent sozial handeln, sind wir aber immer noch ganz schön aggressiv, oder?

Ja. Das in meinem Buch formulierte „Gesetz der Schmerzgrenze“ lautet: Ein Mensch, der körperlich attackiert wird, oder einem Mangel bei wichtigen Grundbedürfnissen ausgesetzt ist, erleidet Schmerz und reagiert mit Aggression. Weil das menschliche Gehirn allerdings nicht nur körperliche Angriffe, sondern auch soziale Ausgrenzung und Demütigungen wie Schmerz erlebt, reagieren wir auch hier mit Aggression. Die Aggression hat also die Rolle eines sozialen Regulativs.

Aus Sicht des Gehirns sind Demütigung und Isolation also das Gleiche wie körperlicher Schmerz und Aggression ist − häufig − sein Reaktionsmuster?

Richtig. Die Aggression ist ein biologisch verankertes Verhaltensprogramm, das – bei näherer Betrachtung − im Dienste guter zwischenmenschlicher Beziehungen steht. Ohne Bindungen zu leben, einsam oder ausgegrenzt zu sein, war für den Menschen seit jeher lebensgefährlich. Daher reagiert das menschliche Gehirn in einer solchen Situation mit dem Notfallprogramm der Aggression. Sie soll dem Umfeld signalisieren, dass man als Betroffener so nicht leben kann. Kinder und Jugendliche, die keine tragenden Bindungen zu Bezugspersonen haben, erleiden ein signifikant erhöhtes Risiko für aggressive Verhaltensauffälligkeiten.

Unter welchen Bedingungen kann Aggression denn sinnvoll sein?

Wenn sie ihre Rolle als soziales Regulativ erfüllt. Aggression hat – von krankhafter, psychopathischer Aggression einmal abgesehen − immer einen Kontext, in dem sie entstand, und sie hat daher immer auch eine kommunikative Botschaft.

Die Berichte über prügelnde Ehemänner, Väter und Mütter scheinen aber eine andere Geschichte zu erzählen!

Aus Sicht der Opfer: Ja. Aggression wird nicht immer dort gezeigt, wo sie eigentlich hingehört. Unterschiedliche Gründe können dazu führen, dass Wut nicht an denjenigen Menschen adressiert wird, dem sie eigentlich gilt. Wir nennen das „Verschiebung“. Verschobene Aggression wirkt auf Mitmenschen unverständlich und verliert ihre Funktion als soziales Regulativ.

Was aber eher häufig vorkommt, oder?

Ja. Auch was viele Jugendliche in der Schule an Destruktivität zeigen, hat ja seinen Ursprung ganz überwiegend nicht in der Schule, sondern ist die Folge von Bindungsmangel und Demütigungserfahrungen im Herkunftsmilieu.

Eine Ihrer Hauptthesen ist die Ressourcenknappheit als Hauptursache für Gewalt und Aggression, die mit der neolithischen Revolution vor mehr als 10000 Jahren ihren Anfang genommen hat und sich heute in der globalisierten Welt fortsetzt.

Die neolithische Revolution war der Beginn des zivilisatorischen Prozesses. Erstmals war es dem Menschen gelungen, dem Ressourcenmangel unserer realen Welt etwas entgegenzusetzen. Am Beginn des zivilisatorischen Prozesses stand nicht nur die Erfindung der Arbeit, sondern auch die des Eigentums. Das ökonomische Prinzip fing an, in alle Lebensbereiche einzudringen und unser Dasein zu beherrschen. Dieser Prozess ist unumkehrbar, aber er begünstigt in hohem Maße Aggression und Gewalt.

Warum?

Wer hart arbeiten und Entbehrungen ertragen muss, will wissen wofür. Plötzlich wurde wichtig, wem was gehört. Die Erfindung des Eigentums bedeutete nicht zuletzt, dass Menschen seither auch andere Menschen in Besitz nehmen oder zumindest Macht ausüben können. Das Eindringen des ökonomischen Prinzips musste zu einer massiven Zunahme an Aggression und Gewalt führen. Hinter alledem steht jedoch kein „Aggressionstrieb“, sondern die durch den zivilisatorischen Prozess erzwungene Entfremdung des Menschen von sich selbst.

Eigentum erzeugt automatisch Neid und damit Aggression?!

Ja. Der Mensch hat, wie neurobiologische und neuroökonomische Experimente zeigen, ein „egalitarian brain“. Unser Gehirn toleriert zwar Unterschiede, aber nur bis zu jener Grenze, die ich als „Schmerzgrenze“ bezeichnet habe. Wo das Fairness- und Gerechtigkeitsprinzip massiv verletzt wird, reagiert das menschliche Gehirn mit Ekel und Aggression. Arm zu sein im Angesicht anderer, die im Reichtum leben, bedeutet Ausgrenzung und begünstigt Aggression. Experimente zeigen, dass die Glückszentren des Gehirns anspringen, wenn unfaire Akteure bestraft werden.

Wer glücklich ist, wenn er das Leid eines anderen sieht, muss doch böse sein, oder?

Wenn die Strafe nicht übers Ziel hinausschießt, würde ich diesen Impuls als „gerecht“ und nicht als „böse“ bezeichnen. Auch hier steht die Aggression wieder im Dienste der zwischenmenschlichen Verbundenheit.

Und doch gab es in der Geschichte immer wieder grundlose Aggression. Im Ersten Weltkrieg zogen die jungen Männer breit lachend an die Front, auch der Holocaust war ein Akt grundloser Aggression. Da stimmt in Ihrer Theorie doch etwas nicht?

Beide Weltkriege sind Beispiele dafür, wie sich Aggression manipulativ erzeugen lässt. Die Methode besteht darin, andere zu dehumanisieren, gegen die sich die Aggression richten soll. Wer durch Propaganda den Eindruck vermittelt bekommt, andere hätten sich gegenüber Dritten inhuman verhalten, wird Aggression und den Wunsch nach „gerechter“ Bestrafung spüren. In beiden Weltkriegen war es denen, die von einem Krieg profitieren wollten, gelungen, den Gegner zu dehumanisieren und die deutsche Bevölkerung mit einem rassistischen Dünkel zu infizieren.

Verstoßen Aggressoren wie die Nazis damit laut Ihrer Theorie nicht gegen instinkthafte menschliche Reaktionen − nämlich sozial zu handeln?

Sicher. Viele Menschen haben damals sehr wohl gespürt, dass die Vernichtungspolitik Unrecht war. Auf der anderen Seite stand die Propaganda der Nazis, dass diese Minderheiten die eigentlichen Aggressoren seien, deren Absicht es sei, das deutsche Volk zu zersetzen. Die Grausamkeiten der Nazis erschienen dadurch wie eine Art „gerechte“ Selbstverteidigung. Die Nazis stellten die Moral in ihren Dienst, indem sie sie umpolten: Es galt plötzlich als moralisch, all jene zu vernichten, die als „minderwertig“ definiert wurden.

Zumindest jenen, die sich davon beeinflussen ließen. Wer aber aktiv andere Menschen − lustvoll − quält; wer sich die Misshandlung anderer Menschen zum Beruf macht, der kann doch kein soziales Wesen sein! Sind Folterer immer Psychopathen?

Grausames Verhalten und Foltern gehört in den großen Bereich des psychopathischen Verhaltens. Doch niemand wird als Psychopath geboren. Todesangst und brutale Gewalt können die natürlichen Empathie- und Fairnessfunktionen des menschlichen Gehirns nicht nur kurzfristig ausschalten, sondern dauerhaft zerstören. Jeder Krieg verändert das Gehirn derjenigen, die an ihm teilnehmen.

Welche Rolle spielt die Erziehung?

Eine entscheidende. Erziehung ist eine evolutionär entstandene, unverzichtbare Voraussetzung für eine gesunde menschliche Entwicklung. Das menschliche Gehirn besitzt im Frontalhirn Strukturen, deren einzige Aufgabe darin besteht, Lerninhalte abzuspeichern, die einem gelingenden sozialen Zusammenleben dienen.

Wenn der Mensch an sich ein soziales Wesen ist, warum muss er dann noch dazu erzogen werden? Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Unsere genetischen Anlagen sind mit dem biologischen Auftrag verbunden, sie im sozialen Zusammenleben zu entfalten – die Evolution hat diesen Zusammenhang so entstehen lassen. Dass wir von Natur aus als soziale Wesen konzipiert sind, zeigt sich daran, dass Menschen, die nicht wenigstens halbwegs sozial integriert sind, ein signifikant erhöhtes Krankheitsrisiko und eine verkürzte Lebenserwartung haben.

Wenn Sie sagen, dass der Mensch − in Hirnaktivität messbar − aggressiv auf Ungleichheit reagiert, wäre es doch denkbar, eine Welt zu schaffen, in der alle Menschen gleich sind. Das müsste eine friedliche Welt sein, oder?

Das ist keine realistische Erwartung. Der zivilisatorische Prozess ist unumkehrbar. Das ökonomische Prinzip erzeugt immer wieder Ungleichheit. Wir müssen das Spannungsverhältnis zwischen den Kräften, die nach Freiheit und damit auch Ungleichheit streben und jenen, die Gleichheit wollen, immer wieder neu austarieren.

Interview: Frauke Haß

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