Herr Dohmen, nehmen wir an, es gibt doch keine 18 Milliarden Euro für Bildung und Forschung. Wie dramatisch wäre das?
Erstens wäre es ein fatales politisches Signal: Kurzfristige Reparaturmaßnahmen sind finanzierbar, langfristige und strategisch notwendige Schritte zum Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht. Bildung ist aber die Voraussetzung für zukünftiges Wachstum und die Rückzahlung der immensen Schuldenlasten. Zweitens hätten Hochschulen und Forschungseinrichtungen keine Planungssicherheit mehr. Sie müssten damit rechnen, dass der Hochschulpakt und die übrigen Programme vielleicht überhaupt nicht mehr finanziert werden. Wenn ich aber nicht weiß, ob ich das notwendige Geld auch in zwei oder drei Jahren noch bekomme, dann werden einzelne Vorhaben zumindest vorübergehend nicht weiterverfolgt.
In der aktuellen Krise könnten die Finanzminister argumentieren, dass man den Hochschulen über das Konjunkturprogramm bereits unter die Arme gegriffen hat und sie sich da vielleicht in Sachen Hochschulpakt noch etwas gedulden könnten.
Aber beim Konjunkturpaket geht es ja nur um die Renovierung und Wärmedämmung von Gebäuden. Mit denen verbessert man die Rahmenbedingungen, leistet aber nur einen marginalen Beitrag, um das Humankapital in diesem Land zu steigern. Leider verhindert die Föderalismusreform weitergehende Bildungsinvestitionen des Bundes. Sie muss dringend rückgängig gemacht werden. Man kann sich nur wiederholen: Schulden können nur zurückgezahlt werden, wenn das Bildungsniveau stimmt. Wer hier international nicht mithält, wird auf Dauer unter die Räder kommen. Wir haben bereits 180 000 Hochqualifizierte verloren.
Sie haben berechnet, dass die 275 000 Plätze für Studienanfänger, die der Hochschulpakt II zusätzlich bringen soll, hinten und vorne nicht reichen. Kann die KMK nicht rechnen?
Wir sind im Gegensatz zur KMK von zwei unterschiedlichen Szenarien ausgegangen: Wenn 75 Prozent der Studienberechtigten eines Jahrgangs an die Hochschulen gingen, so wie es zwischen 2004 und 2007 der Fall war, dann wäre der Hochschulpakt mit 275 000 Studienplätzen durchaus ausreichend. Hätten wir aber wie 2008 eine Übergangsquote von fast 80 Prozent, wären 346 000 zusätzliche Studienplätze nötig. Dann hätten rund 70 000 Leute keinen Zugang zu einer Hochschule. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der Ausbildungsplätze während der Wirtschaftskrise deutlich zurückgehen wird, wovon auch Abiturienten betroffen sein werden.
Wie viel Geld müssten Bund und Länder nach Ihrer Kalkulation noch drauflegen?
Sie bräuchten 1,8 Milliarden Euro zusätzlich.
Dafür müsste sich eine Weiterfinanzierung ja auch lohnen. Wie erfolgreich ist der Hochschulpakt bislang aus Ihrer Sicht?
Die Kapazitäten beim Personal und bei der Ausstattung sind an den Hochschulen einigermaßen ausgeschöpft. Gleichzeitig reicht die Finanzierung nicht aus. Für einen Studienanfänger stehen vier Jahre lang jährlich 5500 Euro zur Verfügung, dabei ist gar nicht klar, ob er vier oder fünf Jahre studiert, ob das Geld also reicht. Unklar ist auch: Was passiert bei Studienabbruch oder Hochschulwechsel? Die Gelder fließen vier Jahre lang, nur weil zusätzliche Studienanfänger aufgenommen wurden - auch dann, wenn jemand gar nicht mehr an der Hochschule ist.
In den neuen Ländern sind die Hörsäle leer, die Hochschulen müssen bundesweit für ein Studium "in Fernost" werben. Liegt hier die Lösung des Problems?
Der Osten ist ein Bestandteil der Lösung. Es ist aber auch nicht so, dass er künftige Fachkräfte mit Hochschulabschluss über Bedarf ausbildet. Der eigene Nachwuchs ist nach der Wende in weiten Teilen weggebrochen. Die neuen Länder müssten also noch viel mehr Studienanfänger aus dem Westen anziehen - und die müssten dann auch im Osten bleiben.
Wäre es denkbar, angesichts der aktuellen Krise auf einen Teil des dreiteiligen Forschungspaktes erst mal zu verzichten?
Das ist eine Frage politischer Schwerpunkte. Wir brauchen natürlich eine gute Forschung. Schließlich sind wir kein Standort, der mit Rohstoffen üppig gesegnet ist. Gleichzeitig könnte man aber in Krisenzeiten schon die Rechnung aufmachen, was für die Zukunft insgesamt wichtiger ist. Der Hochschulpakt, so wie er aufgestellt ist, reicht trotz allem nicht aus, um den zukünftigen Bedarf der Wirtschaft an hochqualifizierten Fachkräften auszubilden. Insofern könnte man schon zu der Aussage tendieren: Die Ausbildung künftiger Generationen ist wichtiger. Was nützen uns gut ausgestattete Forschungsinstitute, wenn nachher die Wissenschaftler fehlen, die darin forschen.
Interview: Yvonne Globert
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