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22. Juni 2012

Homosexualität bei Tieren: Männchen tanzen Rumba

 Von Alice Ahlers
Unter Giraffen scheint Homosexualität verbreitet zu sein. Foto: dpa

Homosexualität scheint bei etlichen Tierarten verbreitet zu sein. Unter Affen, Schwänen und Meerschweinchen ziehen viele sogar gleichgeschlechtliche Eltern den Nachwuchs groß - mit einigen Vorteilen.

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Homosexualität scheint bei etlichen Tierarten verbreitet zu sein. Unter Affen, Schwänen und Meerschweinchen ziehen viele sogar gleichgeschlechtliche Eltern den Nachwuchs groß - mit einigen Vorteilen.

Ein Stück Futter sorgt für Neid. Alle Bonobos wollen etwas davon ab haben. Die Aufregung ist groß. Zeit für eine ordentliche Klopperei? Die Bonobos machen es anders. Sie haben Sex. Männchen mit Männchen. Weibchen mit Weibchen. Männchen mit Weibchen. Ein paar Sekunden, schon ist der Stress verpufft. Ein schnelle Orgie, dann wird geteilt und friedlich gegessen.

„Bonobos haben Sex in nahezu allen denkbaren Partnerkombinationen“, sagt der Primatologe Frans de Waal, der die Affen Hunderte von Stunden beobachtet hat. Er sah, wie sie durch schnelle Liebesspiele Spannungen in der Gruppe abbauten und Konflikte lösten. Seitdem nennt er sie „Make-love-not-war-Affen“.

Auch gleichgeschlechtliche Rhesusaffen und Bärenmakaken wurden bereits „in flagranti“ beobachtet. Um mit einer anderen Äffin zu flirten, beginnt ein Weibchen zunächst eine Art Hasch-Mich-Spiel. Sie berührt kurz die Lippen ihrer Partnerin, dann läuft sie weg, um sich einfangen zu lassen. Schließlich reitet die eine bei der anderen auf. Der Höhepunkt der amourösen Begegnung gleicht in der Körpersprache dem Orgasmus eines Männchens. Nach ein paar Beckenstößen hält die Bärenmakakin inne, ihr Körper versteift sich und wird von leichten Muskelkrämpfen geschüttelt. Dabei formt sie einen runden O-Mund, dokumentierte die Primatologin Suzanne Chevalier-Skolnikoff von der University of California.

Zwei Väter im Schwanennest

Dass Forscher darüber so offen berichten, war nicht immer so. Lange wurden derlei Beobachtungen bewusst übersehen oder als belanglos abgetan. Aus Prüderie oder weil sie einfach nicht in Darwins Theorie passen wollten, die auf Fortpflanzung ausgerichtet ist. Schließlich können gleichgeschlechtliche Tiere keine Nachkommen produzieren. So beschrieben Wissenschaftler homosexuelles tierisches Verhalten als „Ärgernis“ oder „sexuellen Nonsens“. Der Mediziner George Murray Levick war geradezu schockiert. Der Engländer verbrachte die Jahre 1910 bis 1913 in der Antarktis, wo er das Verhalten von Adélie-Pinguinen dokumentierte. Die eigentlich bahnbrechenden Ergebnisse über ihre Sexualpraktiken ließ er jedoch verschämt in der Schublade verschwinden. Als „erschreckende Verdorbenheit“ bezeichnete er, was er gesehen hatte. „Die Verbrechen, die sie begingen, sind von einer Art, wie sie in diesem Buch keinen Raum finden soll.“ Erst vor kurzem – in einer Zeit, in der schwule Pinguine im Zoo zu kleinen Stars werden – wurden seine geheimen Papiere im Fachmagazin Polar Record veröffentlicht.

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Mittlerweile haben Wissenschaftler schon einige versteckte Vorteile homosexuellen Verhaltens für die Evolution gefunden. Sie entdeckten zum Beispiel, dass Geschlechtsgenossen zusammen die Rolle von Eltern übernahmen. Dabei sind etwa schwule Trauerschwäne erfolgreicher als Hetero-Familien. Um sich Nachwuchs ins Nest zu holen, haben die schwarzen Vögel mit den tiefroten Schnäbeln verschiedene Möglichkeiten. Erstens: Sie stehlen ein Ei aus dem Nest eines heterosexuellen Paares. Zweitens: Sie adoptieren ein Ei, das von seinen Eltern verlassen wurde. Drittens: Sie tun sich eine Zeit lang mit einem Weibchen zu einem Trio zusammen und begatten es. Ist das befruchtete Ei gelegt, scheuchen sie die Mutter weg und ziehen den Nachwuchs alleine auf. Weil Trauerschwan-Männchen größer und kräftiger sind, können sie Konkurrenten und Eierdiebe leichter davonjagen. Dadurch kommen sie auch eher zu größeren Territorien mit einem reichen Speiseangebot. Weil sie ihren Nachwuchs besser verteidigen und versorgen können, überleben ihre Küken mehr als doppelt so oft wie die von Hetero-Eltern, berichtet der kanadische Biologe Bruce Bagemihl.

Homosexualität nicht durch Partnermangel

Giraffen-Sex

In der Wildnis bilden Giraffen-Männchen oft reine Junggesellen-Gruppen. Auch wenn sie sich mit Weibchen paaren, nehmen sie wenig Anteil an der Kindererziehung.

Viele männliche Giraffen zeigen homosexuelles Verhalten. Typisch ist das sogenannte „Necking“. Die Tiere stehen Seite an Seite, blicken in unterschiedliche Richtungen und schwingen ihre Hälse umeinander, was zu sichtbarer sexueller Erregung und zum Bespringen führt.

Heterosexueller Verkehr scheint bei Giraffen rar zu sein. Der Biologe Bruce Bagemihl berichtet von einer Population, in der sich während 3200 Stunden nur eine einzige Paarung zwischen Männchen und Weibchen ereignete.

Auch Weibchen tun sich als Mütter zusammen. Die Biologin Lindsay Young von der Universität von Hawaii in Honolulu beobachtete eine Kolonie von Albatrossen täglich über vier Jahre. In der Gruppe herrschte Frauenüberschuss. 59 Prozent der dort lebenden Tiere waren weiblich, was nicht heißt, dass sie alle kinderlos und Singles blieben. Ledige Weibchen ließen sich von einem bereits vergebenen Männchen befruchten, um dann gemeinsam mit einer anderen Albatrossin ein Nest zu bauen, zu brüten und die Jungen aufzuziehen. Ein Drittel aller Brutpaare bestand aus Weibchen, von denen die Hälfte auch über den gesamten Untersuchungszeitraum ein Paar blieb. Dabei fiel auf, dass sich die fest liierten Weibchen über die Jahre abwechselnd fortpflanzten. Mal war die eine die leibliche Mutter, mal die andere. Trotz des Männermangels sorgten sie so für einen höheren Bruterfolg ihrer Kolonie.

Beispiele wie diese dienten Forschern anfangs als Beleg dafür, dass homosexuelles Verhalten bei Tieren nur vorkomme, wenn Not am Mann oder der Frau besteht. Als eine Art Ersatzhandlung würden Tiere auf ihre Geschlechtsgenossen ausweichen. Eine Theorie, die sich mittlerweile bei vielen Arten als falsch erwiesen hat.

Flirt mit Hüftschwung

So untersuchte der Verhaltensforscher Norbert Sachser von der Uni Münster das Gebaren von Meerschweinchen. Die Nagetiere leben am liebsten in Gruppen zusammen. Dabei beanspruchen dominante Männchen mehrere Weibchen für sich alleine, die sie wie einen Harem verteidigen. Unterlegene Männchen gehen somit leer aus. Unter ihnen beobachtete Sachser einige, die sich gar nicht für Weibchen interessierten, sondern um andere Männchen warben. Sie bezirzten sie mit dem für Meerschweinchen typischen Balzverhalten – auch „Rumba“ genannt. Dabei tänzeln die Tiere in kleinen Tretschritten mit Hüftschwung und Purr-Lauten um das Objekt ihrer Begierde herum. Setzte man eines der Männchen in eine andere Gruppe, ließ es wiederum die Weibchen links liegen und widmete sich einem Geschlechtsgenossen.

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