Herr Bartnitzky, laut einer neuen Studie der OECD ist das Grundschulkind dem deutschen Staat rund 3700 Euro pro Jahr wert, der Zwölftklässler aber mehr als das Doppelte. Ist das gerecht?
Nein. Es zeigt, dass die deutsche Grundschule erheblich unterfinanziert ist, sowohl mit Blick auf die anderen Schulstufen als auch im internationalen Vergleich.
Dr. Horst Bartnitzky ist Vorsitzender des Grundschulverbandes. Der pensionierte Lehrer organisiert den Bundesgrundschulkongress, der nach zehn Jahren an diesem Wochenende wieder unter dem Motto "Allen Kindern gerecht werden" in Frankfurt am Main stattfindet.
Warum ist das so?
Die weiterführende Schule bekommt traditionell mehr, weil sie die Schüler in Beruf und Studium entlässt. Dabei vergisst man aber, dass das Bildungsfundament besonders gesichert werden muss. Das fängt im Kindergarten an und geht mit der Grundschule weiter. Diese Jahre sind entscheidend für die Lernmotivation des Kindes, auch für die Lesesozialisation.
Ein gutes Stichwort: Warum bekommen Grundschüler bei Lesestudien wie Iglu bessere Noten als 15-Jährige in der Pisa-Studie?
Das war für die Grundschulen in der Tat eine Art Rehabilitierung. Denn als 2001 die ersten Pisa-Ergebnisse kamen, zeigten die weiterführenden Schulen mit dem Finger auf uns: Ihr habt das Fundament nicht richtig gelegt, deshalb schneiden die 15-Jährigen bei uns schlecht ab. Dabei ist es genau umgekehrt: Die Grundschule schafft es relativ gut, Kinder zum Lesen zu motivieren. Offenbar geht das aber in den weiterführenden Schulen wieder verloren.
Was machen die Grundschulen denn besser?
Grundschullehrer sehen sich in erster Linie als Pädagogen für Kinder und nicht als Fachlehrer. Das ist eine ganz andere Denkweise. Sie sind die Bezugspersonen für die Schüler und sind in der Lage, das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu sehen - nicht nur die Leistung in einem bestimmten Fach.
Damit unterstellen Sie den anderen Lehrern, sich nicht auf die Kinder einstellen zu können.
Ein Fachlehrer an einer weiterführenden Schule geht in der Regel mit jeweils zwei Stunden Unterricht pro Woche in die verschiedenen Klassen. Er hat an der Universität zwar sein Fach intensiv studiert, aber die Didaktik ist im Studium eher ein Nebenprodukt. Deshalb verwundert es nicht, wenn dieser Pädagoge sich vor allem als Vertreter seines Faches fühlt und seinen Ehrgeiz darin setzt, in zwei Stunden Unterricht sein Fachwissen möglichst gut zu verkaufen.
Es ist doch großartig, wenn jemand mit Begeisterung sein Fach unterrichtet ...
Natürlich. Aber dabei kommen andere Dinger oft zu kurz: Wie ist das Vorwissen der Kinder, was interessiert die Jugendlichen und wie kann ich das am besten vermittteln?
Sind die Grundschulen auf Leistungsunterschiede bei ihren Schülern besser vorbereitet?
Ich will nicht Schwarz-Weiß-malen. Natürlich gibt es auch bei den deutschen Grundschulen alles: von der Steinzeit bis zum hochmodernen Unterricht. Aber ich glaube, dass die meisten über relativ gut entwickelte Differenzierungskonzepte verfügen.
Was heißt das?
Zum Beispiel die Wochenplanarbeit. Man verabredet mit den Kindern für eine Woche einen Arbeitsplan, den sie täglich selbst organisieren können. So bekommt jedes Kind die Zeit, die es braucht. Differenzierter Unterricht findet auch beim Lesenlernen statt. Es gibt Kinder, die schon vor der ersten Klasse angefangen haben, zu lesen oder zu schreiben, während Buchstaben für andere eine noch völlig fremde Welt bedeuten. Da kann man nicht einfach alle über einen Kamm scheren. Die neuere Forschung belegt ganz eindeutig, dass die Kinder ihren ganz eigenen Weg in die Schriftsprache brauchen.
Die Kernforderung des diesjährigen Bundesgrundschulkongresses lautet "Allen Kindern gerecht werden". Ist das nicht - bei allen Bemühungen um individuelle Förderung - utopisch?
Das mag eine utopische Leitidee sein, die man niemals hundertprozentig einlösen kann. Aber wir müssen wenigstens in diese Richtung gehen. Bisher ist Schule vor allem eine Ausleseschule. Sie ist in vielen Fällen staatlich verordnetes Unrecht an der nachwachsenden Generation. Kinder, die viel können, werden in ihrem Können bestärkt und ermutigt. Schwächeren Kindern signalisiert man durch die ständige Auslese: Ihr könnt nichts. So beginnen negative Bildungskarrieren.
Die Grundschulen arbeiten aber doch kräftig an dieser Ungerechtigkeit mit, indem sie den Akademiker-Sohn fürs Gymnasium empfehlen und die Tochter aus der Migrantenfamilie auf die Hauptschule schicken!
Ja, das stimmt leider. Oft wird hier nicht die tatsächliche Begabung des Kindes bewertet, sondern die Frage gestellt, wie passt dieses Kind ins System. Bei einem Kind aus einer bildungsfernen Schicht vermutet die Lehrerin vielleicht, dass es am Gymnasium nicht die nötige Unterstützung durch die Familie bekommt und scheitern könnte. Deshalb bekommt es keine Gymnasialempfehlung. Das ist eine ganz fatale Entwicklung, weil sie die Kinder festlegt und ausbremst. Schule darf aber nicht fesseln, sondern muss Flügel verleihen.
(Interview: Katja Irle)
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