Herr Ucar, wo sonst noch, außer in Osnabrück, werden an unseren Universitäten islamische Religionslehrer für deutsche Schulen ausgebildet?
Inzwischen gibt es auch Studienangebote an den Universitäten in Erlangen und Münster. Wenngleich noch nicht in der wünschenswerten personellen Stärke. Für die Koranexegese, die übrige Überlieferung, das Arabische, die Religionspädagogik, Fachdidaktik und die christlichen Theologien sind jeweils fünf bis sechs Lehrstühle nötig. Wichtig ist nicht die Zahl der Standorte, sondern ihre breite Fachkompetenz.
Bülent Ucar, geboren 1977 in Oberhausen, ist seit 2007 Professor für "Islamische Religionspädagogik" an der Universität Osnabrück. Er hat in Bonn und Bochum Islamkunde studiert und an Schulen "Islamische Unterweisung" unterrichtet.
Einen Muster-Lehrplan für bekenntnisorientierten Religionsunterricht hat Bülent Ucar zudem für das nordrhein-westfälische Schulministerium erarbeitet. H.H.
Wie viele Pädagogen sind nötig, um einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht zu gewährleisten?
Mindestens 900 000 Schüler bundesweit wollen einen islamischen Religionsunterricht. Für sie braucht man zwei- bis dreitausend Lehrer.
Bekenntnisunterricht findet hierzulande immer in Absprache zwischen dem Staat und der jeweiligen Religionsgemeinschaft statt. Wer ist der Ansprechpartner für den Staat auf muslimischer Seite?
Bislang gibt es keine vom Staat anerkannten Stellen. Die Behörden wollen echte Religionsgemeinschaften als Partner und keine aus dem Ausland ferngesteuerten Organisationen. Gleichwohl kann man die heutigen Spitzenverbände nicht ausklammern, solange sie über die Moscheegemeinden verfügen. Sie sollten also auch in den vom Wissenschaftsrat empfohlenen "Beiräten" der Universitäten Platz finden. Führend müssen in diesen Beiräten aber international anerkannte Theologen sein.
Die bisherigen Spitzenverbände geraten oft in den Verdacht einer Fremdsteuerung aus dem Ausland. Sehen Sie Chancen für eine Vertretung der deutschen Moscheegemeinden, die von der lokalen Basis legitimiert wird?
Das türkische Religionsministerium beispielsweise hat kein Interesse an einer deutschen Prediger- oder Imam-Ausbildung. Es entsendet und finanziert vielmehr Imame als türkische Staatsbeamte. Wenn das anders werden soll, muss der deutsche Staat bodenständige, demokratische und transparente Organisationen aktiv fördern.
Ist das Koranstudium zwingend ans Arabische gebunden oder auch in anderen Sprachen genauso gut möglich?
In der Türkei wird islamische Theologie auf Türkisch, im Iran auf Persisch, in Deutschland auf Deutsch gelehrt und gelernt. Der Student muss allerdings Arabisch beherrschen, um die grundlegenden Texte zu verstehen.
Dürfen auch Frauen islamische Religionslehre unterrichten?
Ihnen steht die Ausbildung und Ausübung des Lehramts für islamische Religionspädagogik offen. Lediglich der Imam in der Moschee ist immer ein Mann.
Lehrer müssen auf das Grundgesetz schwören. Ist die muslimische Religion mit unserer Verfassung vereinbar?
Die Lehre an Schule und Hochschule ist ohne Wenn und Aber an das Grundgesetz gebunden. Das schließt nicht aus, theologische Einzelfragen offen und kontrovers, also akademisch zu erörtern, selbstverständlich immer auf dem Boden des Grundgesetzes.
Interview: Hermann Horstkotte
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