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02. Januar 2010

Impfung: Die Schweinegrippe macht Pause

 Von Anne Brüning
Die Länder haben doppelt so viel Impfstoff bestellt, wie sie brauchen. Jetzt wollen sie die Order halbieren. Foto: dpa

Es ist nicht gut gelaufen mit dem Impfstoff gegen die Schweinegrippe. In den Apotheken stapelt sich ungenutztes Material. Nun soll die Liefermenge gedrosselt werden. Von Anne Brüning

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Tausende Tote

In mehr als 208 Ländern hat sich laut Weltgesundheitsorganisation die Schweinegrippe ausgebreitet. Weltweit starben bislang 11 516 Menschen an der Infektion, in Deutschland 132.

In der gemäßigten Zone der Nordhalbkugel hat die Schweinegrippewelle ihren Scheitelpunkt erreicht oder bereits überschritten. In Ost- und Südosteuropa ist die Intensität dagegen zum Teil hoch. So nehmen etwa in Litauen, Ungarn und der Slowakei die Erkrankungszahlen zu. Das gilt auch für Zentral- und Südasien gemeldet. Darunter sind Länder wie Kasachstan, Kirgistan, Oman und Afghanistan.

In Westafrika wurde ein Mix aus saisonalen Grippeviren (H3N2) und Schweinegrippeviren gefunden. In der gemäßigten Zone der Südhalbkugel hat jetzt der Sommer angefangen und die Grippesaison ist vorbei.

Es ist nicht gut gelaufen mit dem Impfstoff gegen die Schweinegrippe. Erst geriet die von Bund und Ländern ausgesuchte Vakzine Pandemrix wegen möglicher gesundheitlicher Risiken in Verruf. Als sich dann die Erkrankungsfälle häuften, und viele Menschen sich impfen lassen wollten, hatte der Hersteller Glaxo Smith Kline (GSK) Lieferschwierigkeiten und das Serum wurde knapp.

Und nun ist auf einmal zu viel Impfstoff da. Nach Schätzungen des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen haben sich bislang nur fünf bis sieben Millionen Deutsche impfen lassen. Es sind aber 50 Millionen Impfdosen bestellt bei GSK.

Gedacht war diese Menge für die etwa 25 Millionen Menschen hierzulande, die im Fall einer Pandemie vorrangig Impfschutz benötigen: chronisch Kranke, Feuerwehrleute, Polizisten, medizinisches Personal.

"Als der Impfstoff im August bestellt wurde, ging man davon aus, dass zwei Impfdosen für einen umfassenden Schutz notwendig sind", sagt Heinz Fracke vom Gesundheitsministerium Thüringen, das der Gesundheitsministerkonferenz vorsitzt.

Dann stellte sich jedoch heraus, dass eine Impfung ausreicht. Seit Anfang Dezember empfehlen das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) und das Paul-Ehrlich-Institut in Langen keine zweite Impfung mehr. Nun reicht der Impfstoff also für doppelt so viele Menschen - 50 statt 25 Millionen könnten sich impfen lassen.

Die Nachfrage ist gering. Denn die herbstliche Erkrankungswelle klingt gerade ab. "Mitte November wurden binnen einer Woche fast 47000 Neuerkrankungen gemeldet, in der zweiten Dezemberwoche waren es nicht einmal 7000", sagt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin.

Mittlerweile haben fast alle Bundesländer Impfstoffreserven angehäuft. In Berlin lagern zum Beispiel rund 280000 Impfstoffdosen, in Hessen sind es knapp 300000. Nur in Bayern, das von der Schweinegrippe besonders stark gebeutelt war, wurde der Impfstoff weitgehend verbraucht.

GSK liefert jede Woche 1,5 bis 2 Millionen Impfdosen an die Bundesländer. "Zumindest die Lieferung der letzten Woche des Jahres, in der viele Arztpraxen geschlossen sind, erwägen wir ins Ausland zu verkaufen", sagt Heinz Fracke. Die Bundesländer hätten das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gebeten, die Möglichkeiten dafür auszuloten.

Interessenten scheint es zu geben. "Wir hatten reichlich Anfragen, zum Beispiel aus der Ukraine und aus anderen Staaten in Ost- und Südosteuropa", sagt BMG-Sprecher Roland Jopp. Noch laufen die Verhandlungen, sagt Fracke. Er hoffe auf Ergebnisse in den kommenden Wochen.

Der plötzliche Impfstoffüberfluss könnte die Bundesländer teuer zu stehen kommen. Denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten für das Serum nur dann, wenn es auch verabreicht wird. Das Risiko für überzählige Dosen tragen die Länder. Selbst wenn sich wie erhofft 30 Prozent der Bevölkerung impfen ließen, wären noch 25 Millionen Dosen übrig - und womöglich mehr als 200 Millionen Euro in den Orkus geschickt.

Die Länder setzen daher auf eine weitere Möglichkeit, den Schaden in Grenzen zu halten: Sie wollen die vertraglich vereinbarte Liefermenge auf die Hälfte reduzieren. "Dieser Weg hat bei uns eindeutig Priorität", sagt zum Beispiel Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung Berlin. Verhandlungen mit GSK sind bereits geplant. "Den Wunsch nach einer Reduktion der Liefermenge werden wir mit unseren Vertragspartnern bilateral gleich zu Beginn des neuen Jahres besprechen", heißt es recht nüchtern bei GSK in München.

Bis auf weiteres produziere man aber unverändert, um den vertraglich geregelten Bedarf für die weltweiten Partner und auch für Deutschland zu sichern, fügt Pressesprecherin Anke Helten hinzu. "Bis Januar 2010 werden voraussichtlich 20 Millionen Impfstoffdosen ausgeliefert sein", sagt sie.

Im niedersächsischen Gesundheitsministerium, das im Januar den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz übernimmt, sieht man allerdings auch den Bund in der Pflicht. "Wir hoffen sehr, dass uns der Bund mit finanziellen Hilfen entgegen kommt", sagt Pressesprecher Thomas Spieker.

Die Länder hätten korrekt geplant und verantwortungsvoll kalkuliert, als es um die Impfstoffbestellung ging. "Wir wissen erst seit einigen Wochen, dass eine Dosis genügt", sagt Spieker. Auf einer Konferenz im September in Berlin habe das BMG sogar noch darauf gedrängt, wesentlich mehr Impfstoff als die geplanten 50 Millionen Dosen zu bestellen. Spieker: "Dann hätten wir jetzt mehr Impfstoff als Einwohner."

Grundlegend falsch sei man bei der Planung vorgegangen, sagt dagegen Wolfgang Becker-Brüser, der das pharmakritische Arznei-Telegramm herausgibt. "Man hätte den Vertrag mit GSK von Anfang an flexibler gestalten müssen und nicht davon ausgehen dürfen, dass zwei Impfstoffdosen pro Person notwendig sind", sagt Becker-Brüser.

Die Erkenntnis, dass eine Impfung ausreicht, ist seiner Meinung nach keineswegs überraschend. "Die ersten Studien mit dem Pandemie-Impfstoff wurden mit Vogelgrippeviren gemacht. Sie sind nur ein schwaches Antigen, rufen also nur eine schwache Immunreaktion hervor", sagt Becker-Brüser. Schweinegrippeviren dagegen seien gute Antigene. "Es ist naheliegend, dass die Immunantwort gut ist und sich schnell viele Antikörper bilden", sagt der Pharmaexperte. Vorbei ist die Grippewelle auf keinen Fall.

"Pandemien verlaufen in der Regel in mehreren Wellen", sagt RKI-Sprecherin Glasmacher. Die Erkrankungszahlen könnten jederzeit wieder ansteigen. Im Rhein-Main-Gebiet blickt man daher mit gewisser Sorge auf die Karnevalszeit. "Bei solchen Festen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch", sagt Gesa Krüger vom hessischen Gesundheitsministerium.

Deshalb wird der Impfstoff nun erst einmal gelagert. Ungeöffnet und gekühlt hält er sich nach Auskunft von GSK mindestens 18 Monate. Die nächste Schweinegrippewelle könnte sich also locker bis zum nächsten Herbst Zeit lassen.

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