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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

04. November 2014

Indien: Aus für Sprachoffensive

 Von Christine Möllhoff
Kinder in einer staatlichen Schule im südindischen Bangalore.  Foto: REUTERS

Indiens neue Regierung bremst das Modellprojekt „Deutsch an 1000 Schulen“ aus. Eine Million indischer Schüler soll in dem Projekt bis 2022 Deutsch lernen.

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Es ist das ehrgeizigste Zukunftsprojekt Deutschlands in Indien und gilt als „Meilenstein“ für die Beziehungen: Eine Million indischer Schüler sollen bis 2022 Deutsch lernen. Doch nun könnte dem viel gefeierten Modellvorhaben „Deutsch an 1000 Schulen“ ein jähes Aus drohen. Indiens neue Regierung unter dem Hindu-Nationalisten Narendra Modi zögert bisher, das Projekt um weitere drei Jahre zu verlängern. Grund ist eine Klage der Sanskrit-Lehrer, die sich gegen die Sprachkonkurrenz wehren.

Für die Deutschen, die gerne die Beziehungen mit der aufstrebenden Wirtschaftsnation Indien ausbauen möchten, wäre das ein herber Rückschlag. Dabei ist das Deutsch-Angebot ein voller Erfolg. Seit 2011 können Schüler der staatlichen Schulkette Kendriya Vidyalaya Sangathan (KVS), die sich vor allem an Kinder von staatlichen Angestellten wendet und indienweit 1000 Niederlassungen hat, Deutsch als dritte Sprache wählen.

Der Andrang ist groß. Inzwischen lernen fast 80 000 Kinder an rund 500 Schulen Deutsch. Weitere sollen folgen. In einem beispiel-losen Kraftakt bildete das Goethe-Institut in Schnelllehrgängen rund 700 Deutsch-Lehrer aus. Das Auswärtige Amt fördert das Projekt – natürlich nicht uneigennützig: Die Sprachkurse sollen nicht nur die beiden tausende Kilometer entfernten Nationen Deutschland und Indien enger zusammenschweißen. Berlin hofft auch, dass gut ausgebildete Inder dereinst den erwarteten Fachkräftemangel in Deutschland mildern.

Doch nun bremste Indien die Deutsch-Offensive überraschend aus. Zwar geht der Unterricht vorerst weiter. Aber das Bildungsministerium weigert sich bisher, das Memorandum of Understanding (MoE) um weitere drei Jahre zu verlängern. Dahinter steht eine Klage der Sanskrit-Lehrer, die
gegen den Deutsch-Unterricht auf die Barrikaden gehen. Von Anfang an war ihnen das Vorhaben ein Dorn im Auge. Denn während sich die Deutschklassen füllen, leert sich in Indien der Sanskrit-Unterricht.

Ein Angebot der KV-Schulen an die Sanskrit-Lehrer, sie als Deutschlehrer auszubilden, lehnten diese indigniert ab. Stattdessen zog ihr Verband „Sanskrit Shikshan Sangh“ bereits im vergangenen Jahr vor Gericht. Der Vorwurf der Pädagogen: Die Schulen hätten widerrechtlich Sanskrit durch Deutsch ersetzt. Dies verstoße nicht nur gegen das Curriculum, sondern gegen Indiens Verfassung.

Drei-Sprachen-Formel

Tatsächlich sieht der Lehrplan die sogenannte „Drei-Sprachen-Formel“ vor. Danach sollen die Schüler Hindi, Englisch sowie eine weitere indische Sprache lernen. Dies war bisher meist das altehrwürdige Sanskrit. Obwohl nur noch 14 000 der 1,2 Milliarden Inder Sanskrit sprechen, ist keine Sprache so tief mit der indischen Kultur und Identität verwoben. Bis heute gilt Sanskrit als „heilige Sprache“ der Hindus. Alte religiöse Schriften wie die Veden sind in Sanskrit geschrieben, Gottesdienste, Hochzeiten und Totenrituale werden in Sanskrit gehalten.

„Ausländische Sprachen wie Deutsch, Französisch, Russisch und Chinesisch werden auf Kosten von Sanskrit gefördert“, klagten die Verfechter vor Gericht. Dies würde „Sanskrit und der indischen Kultur einen irreparablen Schaden zufügen“. Als Folge würde die nächste Generation keine Kenntnis mehr von „Sanskrit und der reichen alten Kultur Indiens erwerben“.

Die KVS-Führung verteidigte dagegen das Deutschprogramm leidenschaftlich. Sie sagt, dass es die künftige Karriere der Schüler fördere. Auch für viele Eltern und Schüler scheint Deutsch attraktiver. Sie erhoffen sich bessere Jobchancen in einer globalisierten Wirtschaft.

Aber dann schwenkte auch Indiens Bildungsministerium auf Linie der Sanskrit-Lehrer ein. Zumal sich die neue hindunationalistische Regierung auf die Fahnen geschrieben hat, Indiens Kultur wiederzubeleben und zu bewahren.

Eigentlich sollte das Projekt „Deutsch an 1000 Schulen“ bereits im September beim Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier verlängert werden. Doch Delhi machte kurzfristig einen Rückzieher. Dennoch besteht weiter Hoffnung, dass das Projekt weitergeht. Laut indischen Medien sucht das indische Bildungsministerium nun nach einem Kompromiss, der den Bedenken der Sanskrit-Lehrer Rechnung trägt, aber das Deutsch-Programm rettet.

Auch im Auswärtigen Amt ist man weiterhin hoffnungsvoll. „Wir sind nach unseren Gesprächen zuversichtlich, dass dieses erfolgreiche Programm weitergeführt wird“, zitiert die Deutsche Welle einen Sprecher des Außenministeriums.

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