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27. Februar 2010

Infarktpatienten: Aufschwung für adulte Stammzellen

 Von ANKE BRODMERKEL
Der Einsatz embryonaler Stammzellen, deren Herstellung hier vorbereitet wird, ist ethisch umstritten.  Foto: ddp

Längst werden Herzpatienten in einer Reihe von Studien mit ihren eigenen Zellen behandelt: Die Alleskönner lindern Infarkt-Folgen. Von Anke Brodmerkel

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Saubere Alternative

Adulte Stammzellen sind eine Art Ersatzteillager des Körpers. Aus ihnen gehen während des gesamten Lebens immer wieder neue, spezialisierte Zellen hervor. Stammzellen kommen in vielen Geweben und Organen vor, unter anderem im Knochenmark, im Gehirn und in der Nabelschnur.

Anders als embryonale Stammzellen lassen sie sich nicht in alle beliebigen, sondern nur in eine begrenzte Zahl von Zelltypen verwandeln. Ihr Einsatz gilt als ethisch unbedenklich, da für ihre Gewinnung kein Leben zerstört werden muss - wie bei Embryozellen.

Seit fast 30 Jahren werden Stammzellen des Knochenmarks genutzt, um Krankheiten des blutbildenden Systems, insbesondere Leukämien, zu behandeln. Bei allen anderen Erkrankungen werden die Zellen derzeit von seriösen Medizinern nur als Teil von klinischen Prüfungen verabreicht. Die größten Chancen auf eine baldige Zulassung - in ein bis zwei Jahren - haben Stammzelltherapien nach einem Herzinfarkt.

Die Zahl der Krankheiten, bei denen Stammzelltherapien derzeit weltweit getestet werden, ist unbekannt. Einige Experten sprechen von rund 80 Erkrankungen, andere halten diese Zahl für zu hoch. In Deutschland hat das Paul-Ehrlich-Institut seit 2007 insgesamt 15 klinische Prüfungen genehmigt, etwa bei Morbus Crohn, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, und Diabetischer Neuropathie, einer Schädigung der peripheren Nerven infolge eines hohen Blutzuckerspiegels. bro

Im August 2001 wurde in der Düsseldorfer Universitätsklinik zum weltweit ersten Mal ein Infarktpatient mit Stammzellen behandelt. Die Zellen waren dem Knochenmark des damals 46-jährigen Mannes entnommen und ins Herz gespritzt worden. Dort sollten sie den geschädigten Herzmuskel wieder aufbauen.

Die Düsseldorfer Mediziner waren von dem Erfolg ihres Therapieansatzes überzeugt. Man habe gezeigt, dass adulte Stammzellen die Schäden eines Herzinfarkts lindern könnten, sagte der damalige Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie, Bodo Eckehard Strauer.

Während über den Einsatz embryonaler Stammzellen heftig diskutiert wurde, hielten deren große Schwestern nahezu lautlos Einzug in die Kliniken: Viele weitere Infarktpatienten bekamen in den vergangenen Jahren eine Behandlung mit adulten Stammzellen. Doch auch auf diesem Gebiet schwelte, zumindest unter den Kardiologen, ein weltweiter Streit - nämlich der, ob die Zelltherapie tatsächlich hilft oder den Patienten bloß nicht schadet.

Die Zellen aus dem Knochenmark verländern das Leben

Nun liegen die Resultate der ersten großen Studie vor, bei der sich die Behandlung unter strengen wissenschaftlichen Kriterien beweisen musste. Die Ergebnisse, die kürzlich im Fachjournal Circulation Heart Failure publiziert wurden, geben den Befürwortern des Verfahrens Recht: Die Zellen aus dem Knochenmark scheinen einem erneuten Infarkt vorzubeugen und das Leben der Patienten zu verlängern.

Das Team um den Kardiologen Andreas Zeiher vom Klinikum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hatte für seine Studie 204 Infarktpatienten rekrutiert. Bei allen wurde neben einer konventionellen Therapie eine Knochenmarkspunktion vorgenommen, um die adulten Stammzellen zu gewinnen. Nach drei bis sechs Tagen injizierten die Mediziner 101 der Patienten die aufbereitete Zellsuspension ins Herz. 103 Patienten erhielten eine stammzellfreie Suspension.

Zwei Jahre später hatte keiner der Probanden, der eine Zelltherapie erhalten hatte, einen erneuten Infarkt erlitten. In der Placebogruppe waren es sieben Patienten. Darüber hinaus waren in der Zelltherapiegruppe nur drei Menschen gestorben, während in der Kontrollgruppe acht Tote zu verzeichnen waren.

"Insbesondere Patienten mit einem großen Herzinfarkt scheinen von der Stammzelltherapie zu profitieren", sagt Stefanie Dimmeler, die Leiterin des Instituts für Kardiovaskuläre Regeneration der Uni Frankfurt, die an der Studie beteiligt war. "Ihre Herzfunktion besserte sich während des gesamten Beobachtungszeitraums." Was die Stammzellen im Herzen genau tun, ist nicht vollständig geklärt. "Wir nehmen an, dass die Effekte zumindest zum Teil durch Substanzen erzielt werden, die die injizierten Zellen ausschütten", sagt Dimmeler.

Ein Cocktail von Cytokinen

Es handele sich dabei um einen Cocktail von Cytokinen oder Wachstumsfaktoren, "der vermutlich die benachbarten Muskelzellen zur Teilung anregt und auch die herzeigenen Stammzellen aktiviert." Daneben lösten die Stammzellen vermutlich die Bildung neuer Gefäße aus, wodurch die Herzmuskelzellen besser versorgt würden.

Die Zelltherapie scheint aber nicht nur Infarktschäden zu lindern. In einer 2006 im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie zeigte ein Frankfurter Team um die Kardiologin Birgit Aßmus, dass das Verfahren auch bei Patienten mit Herzmuskelschwäche die Herzfunktion dauerhaft verbessert. Nun soll die Stammzelltherapie mit einer Scheinbehandlung verglichen werden."Wir gehen allerdings davon aus, dass wir bei Patienten mit Herzmuskelschwäche die Methode noch optimieren müssen", sagt Dimmeler.

Sie und ihre Kollegen arbeiten daher zeitgleich an Strategien, um den Einbau der Zellen in den Herzmuskel zu verbessern. "Momentan läuft eine Studie mit rund 100 Patienten, bei denen wir das Herzgewebe mit niedrig dosierten Schockwellen vorbehandeln", berichtet Dimmeler. Die Ergebnisse sind in einem knappen Jahr zu erwarten.

Außerhalb klinischer Studien werden adulte Stammzellen bislang nur bei Erkrankungen des blutbildenden Systems eingesetzt. Künftig aber wollen Mediziner mit ihnen eine ganze Reihe von Krankheiten lindern. Erst vor rund zwei Wochen erhielten die britische Biotech-Firma Reneuron in Guildford und ein schottisches Ärzteteam um Keith Muir von der University of Glasgow grünes Licht von der britischen Ethikkommission GTAC für die weltweit erste Stammzellstudie mit Schlaganfallpatienten.

Der erste Patient wird vermutlich im Frühjahr im Southern General Hospital in Glasgow behandelt. Die Ärzte werden ihm neurale Stammzellen, die sie aus abgetriebenen Föten gewonnen haben, direkt ins Gehirn spritzen. Insgesamt zwölf Patienten sollen eine solche Therapie erhalten - sechs Monate bis zwei Jahre nach einem ischämischen Schlaganfall, bei dem das Gehirn aufgrund eines Gefäßverschlusses nicht mehr ausreichend durchblutet wurde. "Wir hoffen, dass die Stammzellen die geschädigten Bereiche des Gehirns reparieren und sich dadurch die geistigen und körperlichen Funktionen der Patienten verbessern", sagt Keith Muir.

Auch jenseits des Atlantiks ist man nicht untätig. Im Januar spritzten US-Mediziner neuronale Stammzellen aus Föten erstmals einem Patienten ins Rückenmark. Der Mann leidet an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), auch bekannt als Lou-Gehrig-Syndrom. Die Krankheit ist bislang nicht heilbar.

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