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08. November 2011

Inklusion: Kleine Schritte zum großen Sprung

 Von Katja Irle
Auch im Sportunterricht sollen behinderte Kinder gemeinsam mit anderen    unterrichtet werden. Foto: imago

Eine integrative Realschule im Westerwald bietet ehemaligen Förderschülern Wege zu einem guten Schulabschluss. Die Unterschiede bleiben, werden aber in den Alltag integriert.

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GEMEINSAME Bildung

Die „Realschule Plus“ in Daaden gehört zu jenen Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz, die Vorreiter für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen (inklusive Bildung) sein sollen. Die 416 Schüler, die bis zur 8. Klasse im Klassenverband lernen, können hier den Haupt- oder Realschulabschluss machen.
Die Behindertenrechtskonvention wurde 2006 von den Vereinten Nationen (UN) beschlossen. Auch Deutschland ratifizierte das Dokument. Darin enthalten ist das Recht von Kindern mit Behinderungen auf einen gemeinsamen Unterricht mit Gleichaltrigen ohne Behinderung. Die Experten streiten jedoch darüber, welche Konsequenzen das hat. Während die einen die komplette Auflösung der Sonderschulen fordern, halten andere am bestehenden System fest und setzen auf eine Kooperation von Sonder- und Regelschule.
Die Bundesländer sind zwar verpflichtet, inklusive Schule umzusetzen. Doch jedes Kultusministerium geht seinen eigenen Weg. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung besuchen bundesweit nur 20 Prozent der Schüler mit
besonderem Förderbedarf eine Regelschule. Bei den Grundschulen liegt
Bremen vorn, bei den weiterführenden Schulen ist Schleswig-Holstein Spitzenreiter bei der Inklusion. Am weitesten sind jedoch die Kindergärten: Hier spielen und lernen 68 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen Gleichaltrigen.

An seine Grundschulzeit in der Förderschule hat Ken* keine schlechten Erinnerungen. Doch wenn der 14-Jährige von seinem Wechsel zur Hermann-Gmeiner-Realschule nach Daaden in Rheinland-Pfalz erzählt, dann strahlt der Jugendliche noch mehr als sonst. Ken ist nicht nur Optimist, sondern auch Pragmatiker: „Mein Schulweg ist seitdem viel kürzer, ich kann zu Fuß laufen“, sagt er.

Was für Ken und andere ehemalige Förderschüler auf den ersten Blick kleine Fortschritte sind, kann sich an der integrativen Realschule zum großen Sprung auswachsen. Zwar werden viele von ihnen auch an der Regelschule nach den Lehrplänen einer Förderschule unterrichtet, doch sie haben die Möglichkeit, hier auch den Haupt- oder gar Realschulabschluss zu machen. Das ändert ihre Berufsperspektiven erheblich. Denn laut Studien machen die meisten Kinder, die ausschließlich an Förderschulen unterrichtet werden, gar keinen Abschluss.

Große Fortschritte

Kens 14-jähriger Klassenkamerad Udo hat seine Zukunft bereits fest im Blick. Er will sein Hobby zum Beruf machen und Zweiradmechaniker werden. Das könnte klappen: Udo, der wegen einer Lese- und Rechtschreibschwäche auf der Förderschule landete, hat seine Leistungen enorm gesteigert, seitdem er auf die Regelschule geht. Ähnlich geht es einem Mädchen mit Down-Syndrom, das wie die anderen gemeinsam mit Kindern ohne Beeinträchtigung unterrichtet wird. „Sie kann mittlerweile sehr gut lesen und schnell schreiben“, sagt ihr Lehrer Uwe Weller. „Viele Förderschüler machen hier große Fortschritte.“

Weller ist einer von zehn Sonderpädagogen für etwa 50 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Sonderpädagogen gestalten den Unterricht gemeinsam mit den Lehrern der Gmeiner-Realschule – idealerweise als Doppelbesetzung in den Klassen, doch das gibt der Personalplan nicht immer her. Und so zeigt sich an der Daadener Realschule, die als Schwerpunktschule des Landes Rheinland-Pfalz seit 2006 den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderungen (inklusive Bildung) vorantreiben soll, täglich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Denn die bestechende inklusive Idee, jeden Schüler individuell zu fördern, stößt im Alltag immer wieder an Grenzen.

Ulrik Upgang ist seinem Schüler Ken insofern recht ähnlich, als auch er die Dinge positiv-pragmatisch angeht. Der Sonderpädagoge begleitet die langsame Wandlung der Gmeiner-Schule in eine inklusive Bildungseinrichtung von Anfang an. Er sieht große Fortschritte, macht sich jedoch ebenso wie Schulleiterin Lena Daub keine Illusionen. „Wir können nicht einfach Inklusion auf die Schule draufschreiben – und fertig ist der Prozess. Das dauert Jahre“, sagt Upgang.

Die Unterschiede bleiben, aber sie werden Teil des Alltags. „Die Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, wie die Schule sie sortiert“, sagt Lena Daub. Eltern, die etwa ihr Kind mit Down-Syndrom auf der Gmeiner-Schule anmelden wollen, weist sie auch auf mögliche Nachteile hin, vor allem auf die oft schlechtere Ausstattung. Denn während Kinder an Förderschulen in sehr kleinen Klassen lernen und speziell geschultes Personal haben, träumen die meisten Regelschulen von solchen Ressourcen. Gleichzeitig sollen sie sich aber auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention für Förderschüler aller Art öffnen – und dann alle Schüler gleichermaßen gut fördern. In der Praxis ist das aufgrund mangelnder Unterstützung durch zusätzliches und gut geschultes Personal kaum zu schaffen.

Alle Schüler profitieren

Für viele Förderschüler ist der Wechsel an die Regelschule ein Sprung aus einem behüteten Lernraum in ein enges Korsett aus 45-Minuten-Rhythmus und Notendruck. „Der Förderschüler merkt, dass er mehr leisten muss – und dabei mehr Probleme hat als die anderen“, sagt Upgang.

Obwohl die Eltern von Kindern mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen das wissen, entscheiden sich laut Schulleiterin Lena Daub die meisten dennoch gegen die Förder- und für die Regelschule. Und wer einmal dort ist, der bleibt: „Wir haben noch nie ein Kind zurück an die Förderschule geschickt“, sagt Daub.

Die Schüler mit und ohne Behinderung profitieren vom Inklusionsgedanken. Das ist die klare Bilanz der Gmeiner-Schule nach fünf Jahren gemeinsamen Unterrichts. „An den Schülern scheitert es nicht. Die soziale Integration funktioniert hervorragend“, sagt Ulrik Upgang. Er verschweigt aber auch nicht, dass sich die reine inklusive Lehre auch in der Gmeiner-Schule oft nicht umsetzen lässt: „Im Studium lernt man viel über Visionen, aber in der Praxis sieht dann manches anders aus.“

So werden an der Gmeiner-Schule Klassen beispielsweise in Mathematik und Englisch nach Leistungsgruppen getrennt. Das von Inklusionstheoretikern gepriesene Ideal, dass der Schwache vom Starken profitiert und umgekehrt, hat sich zumindest in diesen Fächern im Alltag nicht bewährt. Als Scheitern betrachtet die Schule das Zugeständnis deshalb nicht, vielmehr als pragmatische Annäherung an das Ideal.

Ken, dem Optimisten, ist die Trennung der Klasse in manchen Fächern ziemlich egal. Wichtig ist ihm eines: „Hier ist es gleich, ob du von der Förderschule kommst oder nicht“, sagt er und grinst. Diese Besonderheit fällt den Lehrern in Daaden übrigens als erstes ein, wenn sie an ihn denken – das typische Ken-Grinsen.

*Schülernamen geändert

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