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Interview: "Auseinandersetzung mit Vergangenheit ist heikel"

GEW-Vizechefin Marianne Demmer mahnt, Namenspaten kritisch unter die Lupe zu nehmen: Politisch und pädagogisch ein mehr als notwendiger Prozess.

Frau Demmer, warum musste erst ein sächsischer Historiker zehntausende von Daten sammeln, damit es in Deutschland endlich eine Gesamtübersicht über Schulnamensgebern aus der Zeit der Nationalsozialisten gibt?

Zunächst ist es eine enorme Leistung, diese Daten zu erheben. Das kann nur ein Wissenschaftler tun. Und dann ist möglicherweise das Interesse an solch einer Übersicht nicht vorhanden - und zwar aus zwei Gründen: Manchen Schulen ist ihr Name relativ gleichgültig. Außerdem war und ist in Deutschland die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit immer ein heikles Thema.

Aber stehen nicht die Schulen dabei selbst in der Verantwortung?

Selbstverständlich. Wenn eine Schule nach einer Person benannt ist, dann haben Schulen die Verpflichtung, sich intensiv mit diesem Namen auseinanderzusetzen.

Die Datenbank von Geralf Gemser wird bundesweit vermutlich über 100 Schulen nennen, deren Namensgeber zumindest moralische Zweifel wecken. Überrascht Sie diese Zahl?

Das ist prozentual gesehen keine besonders hohe Zahl. Es gibt mehr als 30 000 Schulen in Deutschland. Dennoch halte ich eine Auseinandersetzung mit dem Schulnamen für politisch und pädagogisch notwendig und sinnvoll, auch wenn Schulen angesichts der hohen Arbeitsbelastung lieber andere Prioritäten setzen würden. Ich glaube, dass manche Schulen eine Debatte um den Namensgeber auch deshalb scheuen, weil sie an die heftigen Auseinandersetzungen denken, in die sie geraten könnten, wenn sie eine Namensänderung anstreben.

Können Sie konkreter werden?

Ich denke da etwa an das Flick-Gymnasium im Kreis Siegen, wo der sehr einflussreiche Stifter und als Kriegsverbrecher verurteilte Friedrich Flick sich mit hohen Summen ein Denkmal in seiner Heimatkommune gekauft hat. Es gab heftige kommunalpolitische Auseinandersetzungen. Kommunen haben bei öffentlichen Schulen das Namensvergaberecht, die sich in diesem Fall fast 30 Jahre hingezogen haben. In letzter Zeit hat die Umbenennung eines Münchener Gymnasiums in Otto-Bensheim-Gymnasium zu heftigen Kämpfen auf kommunaler Ebene geführt. Und Gemser selbst hat das mit seinen Forschungen auch in Bezug auf ein Gymnasium in Berlin erlebt. Ich erinnere mich an eine Flut von Protestbriefen, in denen gefragt wurde, ob es nichts Wichtigeres zu tun gebe. Da waren Namen plötzlich Schall und Rauch.

In Sachsen und vermutlich auch in anderen Bundesländern verschweigen Schulen problematische Details in den Biographien ihrer Namensgeber. Warum?

Entweder sie wissen es nicht besser oder es steckt eine Absicht dahinter, weil klar ist, dass ein bestimmter Name kein gutes Aushängeschild ist, mit dem man gerne in der Öffentlichkeit identifiziert werden möchte.

In Einzelfällen wurden Schulen bereits umbenannt. Warum ist aus diesen Beispielen nie eine bundesweite Debatte geworden?

Die GEW hat sich mit diesen Fragen bisher jeweils aus aktuellem Anlass auf lokaler Ebene befasst, jedoch nicht auf Landes- und Bundesebene. Und wenn man sich die relativ geringe Zahl der betroffenen Schulen vor Augen führt, gehört dieses Thema auch sicher nicht zur tagespolitischen Aktualität der Gewerkschaftsarbeit.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach die richtige Reaktion auf die Erkenntnisse, die nun nach und nach veröffentlicht werden?

Es sollte jetzt auf jeden Fall die Anregung an die Schulen geben, die Schulnamen dahingehend zu überprüfen, ob sie als Vorbilder taugen. Das wird die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse mit Sicherheit auslösen. Wir können Schulen aber nicht dazu verpflichten. Vor einem Kurzschluss möchte ich ausdrücklich warnen: Die Tatsache, dass jetzt diese 100 Schulen bekannt werden, bedeutet nicht, dass es vor Ort bisher noch keine Auseinandersetzungen gegeben hätte.

Interview: Sebastian Gehrmann

Datum:  2 | 2 | 2009
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