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Interview: "Emotionen unter Kontrolle"

Klaus Mathiak (40) ist Professor für Experimentelle Verhaltenspsychobiologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Rheinisch-Westfälischen-Technischen-Hochschule (RWTH) in Aachen.

Professor Mathiak, Sie stecken Computerspieler in den Kernspintomographen und messen ihre Hirnaktivität. Welche Werte erhält man da?

Für das Gehirn ist die Navigation im Spiel, die Waffenwahl oder der Kampf sehr bedeutend. Wir beobachten, dass bei diesen Spielsituationen über 70 Prozent des Gehirns mitarbeiten, es ist dabei so aktiv, wie sonst wohl nur im realen Leben. Das Kleinhirn ist dabei, der Motorkortex, die für Bewegung verantwortliche Hirnregion, aber eben auch die emotionalen Areale, die sehr stark auf unterschiedliche Spielaktionen reagieren. Man kann also keinesfalls sagen: Das sind ja nur Spiele, da macht man ja nichts Richtiges. Gehirnareale, die etwa für Angst oder Mitgefühl zuständig sind, reagieren sehr stark auf unterschiedliche Spielsituationen.

Beanspruchen Computerspiele das Gehirn also stärker als etwa der Fernseher?

Eindeutig ja. Fernsehen und Filme erfordern zwar auch gewisse Emotionen. Aber die gesamte aktive Planung, die Problemlösung, sich auf gewisse Dinge einzustellen, sich motorisch vorzubereiten. Das gibt es bei passiven Medien nicht in diesem Umfang. In Experimenten hat sich zum Beispiel gezeigt, dass die Reaktionen bei passiven Gewaltszenen deutlich geringer sind als bei aktiven Computerspielen.

Die alte Frage also, ob aggressive Spiele aggressiv machen?

Man kann natürlich nicht sagen, dass zum Massenmörder wird, wer einmal ein Gewaltspiel gespielt hat. Das ist längst widerlegt. Was wir beobachten, ist eine Hemmung von emotionalen Arealen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Spielen. Das Gehirn tut so gesehen wie immer genau das Richtige: Es regelt aktiv die Angst herab, lässt uns nicht zögern, wenn es darum geht, im Spiel sehr aktiv zu sein und etwa einen Gegner möglichst schnell virtuell zu erschießen. Wir gehen davon aus, dass dies durch kognitive Kontrollareale geschieht. Man lernt, bei entsprechender Bedrohung die Emotionen zu kontrollieren.

Wie entsteht dabei ein Suchtverhalten?

Am Anfang hatten wir die Vermutung, dass solche virtuellen Gewalttaten das Belohnungssystem im Gehirn ähnlich aktivieren wie Glücksspiele oder Kokain. Das ist aber nicht so. Es tritt vielmehr eine Hemmung des Belohnungssystems ein in den Situationen, in denen Spieler selbst getötet werden, in denen sie eine Runde im Spiel verlieren. Deswegen spielt man möglicherweise weiter. Der Spieler verliert eine Runde, die Belohnung bleibt aus, das frustriert. Also versucht er es gleich wieder.

Weil andernfalls Entzugserscheinungen drohen?

Das ist die gleiche Motivation, wie wenn ich etwas Süßes esse. Es gibt einen Belohnungsschub und das führt dazu, dass ich es immer wieder tun will. Langfristig kann daraus ein Suchtverhalten entstehen. Die Frage ist allerdings, wie man das als Spieler subjektiv empfindet. Wir haben immer die Möglichkeit, uns zu kontrollieren.

Wie funktioniert das?

Es gibt eine Steuerungsmöglichkeit. Im Gehirn gibt es ein Areal, das, wenn es geschädigt ist, zu Störungen des Sozialverhaltens führt. Je mehr das aber aktiv ist, desto weniger frustrierend ist es, im Spiel zu verlieren. Wir sind nicht Opfer unseres Belohnungssystems. Es gibt viele Intensivspieler, die Studenten sind und dann ins Berufsleben eintreten. Plötzlich haben sie einfach keine Zeit mehr, zu spielen. Und lassen es. Es gibt also starke Kontrollmechanismen, die entscheidender sind als das Belohnungssystem.

Warum werden dann einige Spieler süchtig, andere aber nicht?

Exzessives oder süchtiges Verhalten liegt sicherlich nicht nur am Belohnungssystem des Gehirns oder am Spiel. Es liegt bestimmt auch an der genetischen Veranlagung eines Menschen. Und es liegt an der Erfahrung, die die Menschen mitbringen und dem sozialen Umfeld. Genau wissen wir das letztlich aber nicht.

Interview: Felix Helbig

Datum:  17 | 9 | 2008
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