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Interview: "Kinder sitzen zu viel - nicht nur in der Schule"

Spätere Rückenleiden wie Bandscheibenvorfälle sind oft schon früh angelegt, sagt der Orthopädie-Professor und Studienleiterr Eduard Schmitt. Und: Sechs von zehn Schülern haben Haltungsschwächen.

Herr Professor Schmitt, wie halten es Kinder heute mit der Haltung?

Oft sehr schlecht. Sechs von zehn untersuchten Kindern zeigen deutliche Haltungsschwächen. Sie sind nicht in der Lage, über einen bestimmten Zeitraum im Stehen ihre Körperhaltung zu bewahren. Nach kurzer Zeit ermüden die Muskeln und die Kinder stehen krumm.

Zur Person

Eduard Schmitt ist Orthopädie-Professor an der Universität Saarbrücken. Physiotherapeuten und Ärzte untersuchen dort unter Schmitts Leitung im Projekt KidCheck seit 1999 die Körperhaltung und Beweglichkeit von bisher 1600 Kindern und Jugendlichen. Bei gut 60 Prozent der Untersuchten fanden sie Haltungsprobleme, Verformungen des Rückens oder eine unterentwickelte Muskulatur.

Weitere Informationen im Internet unter: www.kid-check.de

Welche Folgen hat das denn für die Gesundheit der Schulkinder?

Durch jahrelanges Fehlbelasten der Wirbelsäule wird aus einer Haltungsschwäche ein Haltungsschaden. Der taucht zwar meist erst im Erwachsenenalter auf, ist dann aber nicht mehr zu beheben. Die Folge sind verschiedene Rückenleiden wie Bandscheibenvorfälle.

Woher kommt die Haltungsschwäche?

Das liegt einfach an der mangelnden Bewegung. Die gefährlichste Zeit für Kinder ist der Eintritt in die Schule. Da wird aus einem Spielkind ein Sitzkind. Die Kinder sind gezwungen, in meistens unzureichenden Schulmöbeln stundenlang zu sitzen. Am Nachmittag sitzen die Haltungsschwächlinge weiter: Am Schreibtisch bei den Hausaufgaben, vor dem Fernseher oder Computer.

Sind die Schulmöbel das Problem?

Es handelt sich meist um Einheitsmobiliar. Alle sitzen auf gleich großen Stühlen. Dabei sind die größten Kindern in einer Klasse oft bis zu 15 Zentimeter größer als die kleinsten. Seit 1983 sieht die ISO-Norm fünf verschiedene Stuhlgrößen vor. Aber dafür haben die Schulen meist kein Geld.

Die sächsische Mittelschule Neumark hat Anfang des Jahres in einem Klassenraum die Tische durch Stehpulte ersetzt. Was halten Sie von dem Projekt?

Das finde ich hochspannend. Die Ergebnisse dieses Versuchs wären auch für unsere Forschung wichtig. Denn langes Stehen ist nicht prinzipiell besser. Auch das kann zu einer schlechten Haltung führen. Wichtig sind Bewegung und Training. Schon seit mehr als hundert Jahren fordert die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie eine tägliche Sportstunde in der Schule. Das gilt immer noch.

Vergangene Woche überraschten Sie mit der Nachricht, Schulranzen für Kinder dürften ruhig schwerer sein als bisher empfohlen. Führt ein schwerer Ranzen nicht auch zu Rückenschäden?

Im Gegenteil: Es gibt sogar einen leichten Trainingseffekt für die Rückenmuskeln. Allerdings erst dann, wenn der Schulranzen ein Drittel des Körpergewichts der Kinder erreicht. Den bisherigen Empfehlungen fehlte jede wissenschaftliche Grundlage. Trotzdem will ich nun keine schweren Ranzen für alle Schulkinder empfehlen.

Was können Eltern tun?

Auch in der Freizeit gilt: Die Kinder sollten zu mehr Sport animiert werden. Unsere Studien haben gezeigt, dass Kinder eine Haltungsschwäche mit regelmäßiger Gymnastik schnell loswerden. Die Eltern können Vorbild sein. Oder mit ihren Kindern öfter mal eine Radtour machen. Leider sind wir mit unseren Appellen bisher wenig erfolgreich. Wenn sich das Verhalten der Kinder und Jugendlichen nicht deutlich ändert, wird der Anteil der Haltungsschwächlinge in Zukunft weiter steigen.

Interview: Simon Kerbusk

Datum:  3 | 9 | 2008
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