Herr Tunger-Zanetti, in Deutschland wird die Forderung nach einer Imam-Ausbildung an hiesigen Hochschulen und der Ausbildung von islamischen Religionslehrern immer lauter, gerade nach dem Streit um den Frankfurter Imam Sabahaddin Türkylimaz. Sind andere westeuropäische Länder bei der Imamausbildung weiter als wir?
Wenig oder gar nicht. Aber sie teilen viele Merkmale: vergleichbare Entwicklungen im Bereich Migration, Demografie und religiöser Pluralisierung, das Gefühl gemeinsamer Werte, kulturelle Vielfalt. Sie unterscheiden sich jedoch in ihrer Rechtstradition, im Staatsaufbau in der politischen Kultur. Deshalb muss jedes Land letztlich seine Lösung anders anpacken und ausgestalten, selbst wenn das Ziel jeweils ähnlich ist: Imame von Grund auf hier auszubilden und eine islamische "Theologie" zu ermöglichen.
Mal konkreter: Welche Modelle gibt es denn für die Imam-Ausbildung in Europa?
Die britische Tradition des Multikulturalismus, rechtlich wenig beschränkt, hat zahlreiche private Colleges entstehen lassen - oft auf eine religiöse Richtung spezialisiert und in der Gesellschaft nur mäßig verankert. In Frankreich hat der starke Wille der zentralistischen Regierung das Prinzip der laïcité, also der Trennung von Kirche und Staat, aufgeweicht und einen Weiterbildungskurs für religiöse Kader in nicht-religiösen Fächern initiiert - und zwar am Institut catholique! In den Niederlanden schuf der Mord an Theo van Gogh den politischen Willen, ab 2006 drei verschiedene Modelle der Imam-Ausbildung und islamischen Theologie an staatlichen Hochschulen auszuprobieren. Österreich hat an der Uni Wien seit letztem Herbst die islamische Religionspädagogik um den Weiterbildungslehrgang "Muslime in Europa" ausgebaut, der speziell auf bereits ausgebildete Imame zugeschnitten ist. In all diesen Fällen ist es aber für eine aussagekräftige Bilanz noch zu früh.
Sie haben die Imam-Ausbildung und die islamische Religionspädagogik in der Schweiz untersucht. Was sind die zentralen Ergebnisse?
Es hat sich gezeigt, dass Muslime unterschiedlichster Prägung, aber auch die Institutionen der Mehrheitsgesellschaft in zahlreichen Fragen ähnliche Meinungen vertreten. Überdies sind sie zumeist der Ansicht, solche Fragen müssten in Zusammenarbeit zwischen Muslimen und staatlichen Stellen bearbeitet werden. Ein Konsens über eine Imam-Ausbildung wäre also durchaus möglich, wenn dann einmal ein konkreter Vorschlag vorliegt. Es gibt in der Schweiz keine Kluft zwischen Muslimen einerseits und Behörden, Parteien oder Bildungsinstitutionen anderseits. Das ist übrigens auch beim Minarettverbot so. Und während dort dem Volk Schweiz-weit eine simple, aber doppelbödige Ja-Nein-Frage gestellt wurde, erfordert der Aufbau einer Imam-Ausbildung differenzierte Entscheidungen mehrerer Akteure in einzelnen Kantonen.
Welche Erwartungen haben die befragten Muslime in der Schweiz an den Imam?
Viele wünschen sich eine Art islamischen Pfarrer. Er soll Religionsexperte, Prediger, Seelsorger, Katechet, Sozialarbeiter, Mediensprecher und Gesprächspartner für Behörden und interreligiöse Aktivitäten sein. Wichtig ist vielen, dass der Imam das abstrakte Gebäude namens Islam in ihrem schweizerischen Lebenszusammenhang verankert. Extremismus hat da keinen Platz. Gerade die mittlere und jüngere Generation will nicht Predigten, wie man sie in Kairo oder Anatolien hört, sondern verlangt vom Imam im übertragenen Sinn eine Übersetzungsleistung. Er soll die lokale Mentalität, die Sitten und Gebräuche, aber auch das Funktionieren von Staat, Gesellschaft und Politik kennen. Sehr gute Kenntnis der lokalen Sprache ist da unabdingbar, fehlt heute aber meist noch.
In Deutschland scheiterte die Ausbildung von Imamen und Religionslehrern bisher immer an der Frage, wer denn nun Ansprechpartnern für die islamische Seite ist. Wie steht es damit in anderen Ländern?
Es ist auch in den andern Ländern eine dornige Frage, wer "die" Muslime vertreten soll. Diese sind eben nirgends ein einheitlicher Block, und viele fühlen sich von den Verbandsfunktionären nicht gut vertreten. Auf lokaler Ebene kann da am ehesten noch Vertrauen entstehen und sich der Pragmatismus durchsetzen.
Was ist erforderlich, um in Deutschland die Weichen für eine theologische Ausbildung an Hochschulen zu stellen?
Welche Wege gangbar sind und welche nicht, wird in der Deutschen Islam-Konferenz oder an Runden Tischen ausgehandelt, wird an den Universitäten Erlangen, Münster, Frankfurt am Main und Osnabrück ausprobiert. Wir brauchen neben Sorgfalt beim Planen vor allem viel Geduld.
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