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27. Dezember 2013

Interview Dermatologe: Zu wenig Vitamin D kann krank machen

 Von Frederik Jötten
Durch Sonnenlicht nimmt der Körper über die Haut Vitamin D auf.  Foto: Getty Images/Flickr RF

Der Dermatologie-Professor Jörg Reichrath spricht über die Risiken eines Vitamin-D-Mangels – und wie sich dieser auch in kalten, grauen Wintermonaten vermeiden lässt.

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Der Dermatologie-Professor Jörg Reichrath spricht über die Risiken eines Vitamin-D-Mangels – und wie sich dieser auch in kalten, grauen Wintermonaten vermeiden lässt.

Draußen ist es kalt und grau. Viele Menschen bekommen jetzt nicht genug Sonnenlicht ab, zu wenig UV-Strahlung wiederum kann einen Mangel an Vitamin D bewirken. Jörg Reichrath, Professor für Dermatologie an der Universität des Saarlandes und Mitglied der Arbeitsgruppe Vitamin D der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, spricht über die Risiken, die ein solcher Mangel mit sich bringen kann.

Zur Person

Jörg Reichrath ist Professor für Dermatologie und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Warum braucht der Mensch Vitamin D?

Schon lange weiß man, dass Vitamin D vor allem für die Knochen wichtig ist – die klassische Mangelerkrankung ist die Rachitis, bei der der Knochenaufbau gestört ist. Vitamin D ist aber eigentlich gar kein Vitamin – weil wir es selbst herstellen können in der Haut, sofern wir genügend Sonnenlicht abbekommen. Man hat schon früh festgestellt, dass neben der Rachitis auch viele andere Erkrankungen in sonnenreichen Gegenden viel seltener sind als in sonnenarmen. Das führt man vor allem auf Vitamin D zurück.

Welche Krankheiten werden mit einem Mangel an Vitamin D in Zusammenhang gebracht?

Es konnte gezeigt werden, dass die Lebenserwartung bei Menschen mit einem ausreichenden Vitamin D-Status generell höher ist als bei Menschen mit Vitamin D-Mangel. Viele aktuelle Studien sprechen dafür, dass ein niedriger Vitamin D3D-Spiegel, der Speicherform von Vitamin D, neben bestimmten Krebserkrankungen auch das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen,, Autoimmunerkrankungen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöht. So ist beispielsweise gezeigt worden, dass man Vitamin D im Immunsystem braucht, um bestimmte Bakterien wie Tuberkulose-Bakterien effektiv abtöten zu können. Das ist mit ein Grund, warum man früher Hauttuberkulose mit Lichttherapie behandeln und teilweise sogar heilen konnte. Ein konkreter Zusammenhang zu einer Krebserkrankung konnte vor allem für Darmkrebs nachgewiesen werden. Was der Arzt untersuchen sollte, um die Vitamin D-Versorgung zu überprüfen, ist die Konzentration von 25-Hydroxyvitamin D3D, der Speicherform von Vitamin D. Als gute Versorgung gelten Werte zwischen 20 und 30 Nanogramm pro Milliliter. Menschen mit einem niedrigen Vitamin D3D-Spiegel haben ein höheres Risiko an Darmkrebs zu erkranken. Außerdem gibt es auch Studien, die dafür sprechen, dass die Einnahme von Vitamin D-Präparaten das Krebsrisiko senkt.

Auch von weiteren bösartigen Tumoren?

Ja, verschiedene Untersuchungen sprechen für einen Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin D3D-Spiegel und einem erhöhtem Risiko, an Brustkrebs oder an anderen Krebsarten wie dem Prostata-Karzinom zu erkranken – die Datenlage ist aber nicht ganz so eindeutig wie beim Darmkrebs.

Regelmäßig der Sonne aussetzen


Vitamin D ist also extrem wichtig – wie oft müssen wir nach draußen gehen, um genügend synthesieren zu können?

Der bekannte US-amerikanische Endokrinologe Michael Holick hat dazu eine Empfehlung formuliert, der ich mich anschließe: Man sollte regelmäßig 18-20 Prozent der Körperoberfläche der Sonne aussetzen, das entspricht zum Beispiel Gesicht, plus Handrücken und Unterarme.

Sind das nicht ohnehin die Hautregionen, an denen das Risiko am größten ist, Hautkrebs zu entwickeln?

Das sind die Stellen, an denen man häufig Plattenepithelkarzinome und Keratosenhellen Hautkrebs entwickelt, das stimmt.

Aber es ist nicht wirklich akzeptiert in der Mittagspause mit nacktem Oberkörper im Straßencafé zu sitzen.

Gesicht, Hände, Unterarme sind am praktikabelsten. Die pragmatischste Lösung ist es – besonders bei Menschen, die arbeiten – über die Mittagszeit ins Freie zu gehen. Und wenn man nur auf dem Weg in die Kantine, die Unterarme freimacht und das Gesicht in die Sonne hält. In geringer Menge ist das UV-Licht gesundheitlich förderlich. So handhabe ich es auch persönlich: Regelmäßig kurzzeitig in die Sonne, aber Sonnenbrand vermeiden. Die Formel von Holick halte ich für geeignet. Er sagt, man solle sich drei- bis fünfmal die Woche einer Dosis Sonnenstrahlung aussetzen, die halb so groß ist wie diejenige, bei der man sich einen Sonnenbrand holt.


Gibt es keine einfachere Maßgabe, etwa in Minuten?

Die Zeit hängt von individuellen Faktoren wie dem Hauttyp ab. Man kann sie deshalb nicht kaum in Minuten angeben, weil sie für jeden Menschen an jedem Ort zu jeder Tageszeit anders ist. Ein Anhaltspunkt: An einem heißen Sommertag sollte ein Mensch mit einem hellen Hauttyp in der Mittagszeit unter fünf Minuten, ein dunkler maximal 15 Minuten ungeschützt in die Sonne.

Zu welcher Uhrzeit sollte man nach draußen gehen?

Holick empfiehlt, um die Mittagszeit nach draußen zu gehen. Das ist sehr umstritten. Viele Dermatologen sagen, man soll nicht am Mittag in die Sonne, weil die Intensität des UVB dann zu stark ist. Andererseits ist das Verhältnis UVA/UVB ist in der Mittagszeit am günstigsten, zugunsten des UVB. Zu der Zeit kann man also mit möglichst wenig UVA-Belastung, die UVB-Photonen einsammeln, die man braucht – denn UVA gerät immer mehr in Verruf. Es verursacht Hautalterung und ist wahrscheinlich auch an der Hautkrebsentstehung beteiligt.

Können wir bei dem trüben Winter-Wetter ausreichend Vitamin D bilden?

Nein – es muss dafür UVB-Strahlung auf die Haut treffen. Durch den ungünstigen Sonnenwinkel in unseren Breiten im Herbst und Winter muss die Sonnenstrahlung eine so weite Strecke durch die Atmosphäre zurück legen, dass kaum UVB auf der Erdoberfläche ankommt. Es gab Untersuchungen, in vergleichbaren Regionen, die gezeigt haben, dass man kaum was synthetisieren kann – außer man ist im Hochgebirge.

60 Prozent der Deutschen haben einen Vitamin D-Mangel

Sie meinen, noch nicht einmal ein zweistündiger Spaziergang bei blauem Himmel, ohne Brille, mit dem Gesicht zur Sonne gedreht, reicht zu dieser Jahreszeit aus?

Im Moment wird dabei nicht viel rumkommen, unabhängig davon, ob es bewölkt ist. Wenn es trüb ist, kommt natürlich noch weniger UVB auf der Haut an. Es hängt natürlich noch vom Hauttyp ab – je heller die Haut, desto mehr Vitamin D kann man synthetisieren. Aber von Herbst- bis Frühlingsanfang wird es nicht reichen für eine nennenswerte Vitamin D-Synthese.

Es gibt Hautärzte die zu UV-Schutz auch im Winter raten – das wäre dann ja im Sinne der Vitamin D-Synthese kontraproduktiv.

Auf jeden Fall. UVB wird von Sonnenschutzmitteln abgehalten.

Wie lange kann Vitamin D gespeichert werden?

Es gibt Untersuchungen von U-Boot-Besatzungen, die zeigen, dass Vitamin D3D mehrere Wochen bis Monate gespeichert werden kann.

Der Sommer ist schon lange her – das heißt, dass die Mehrzahl der Deutschen mittlerweile einen Mangel an Vitamin D hat?
Es gibt noch Streitigkeiten um den Grenzwert, aber es gibt Forscher, die bei 60 Prozent der Deutschen einen Vitamin D-Mangel sehen.

Kann man über die Ernährung etwas machen?

Es gibt Nahrungsmittel, die recht große Konzentration von Vitamin D enthalten. Bestes Beispiel: fettiger Fisch, Lachs, Makrele, Hering – ohne den hätten die Eskimos ganz im Norden ohne Sonne für Wochen und Monate kaum überleben können. Man kann natürlich auch Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.

Würden Sie das empfehlen?

Ja, ich nehme selbst ein Präparat mit 1000 Internationalen Einheiten am Tag. Ab dieser Größenordnung ist ein positiver Effekt auf die Gesundheit nachgewiesen. Eine wesentlich größere Menge, über 4000 IE, würde ich allerdings nicht empfehlen. Eine Überdosierung kann zu einem ungesunden Anstieg der Kalziumkonzentration im Blut führen.

Mit Tabletten kann man also auf den Aufenthalt im Freien verzichten?

Man weiß nicht, ob man mit Vitamin D-Präparaten wirklich den gesamten positiven Effekt des Sonnenlichts für die Gesundheit hat. Mit dem Vitamin D werden in der Haut noch andere Substanzen aufgebaut, deren Bedeutung man noch gar nicht genau kennt. Es ist aber anzunehmen, dass die auch eine wichtige Wirkung haben. Man sollte deshalb trotzdem raus ins Freie gehen – die Sonne macht ja viel mehr als Vitamin D.

Hilft das Solarium, um den Vitamin D-Spiegel zu erhöhen?
Zum jetzigen Zeitpunkt nicht, denn Solarien senden vor allem UVA-Strahlung aus – davon bräunt die Haut stärker als von UVB, das man zur Vitamin D-Synthese braucht.

Was halten Sie von Tageslichtlampen?
Viele der Lampen haben ein Spektrum, das nicht dem natürlichen Spektrum des Sonnenlichts entspricht. Der Anteil von sichtbarem Licht oder UVA ist zum Beispiel höher. Wenn man Tageslicht als identisch mit normalem Sonnenlicht definiert, ist noch die Frage zu welcher Tageszeit? Der UVA und UVB-Anteil unterscheidet sich stark, je nach Tageszeit. Und es wäre gut, eine Lampe zu haben, die viel UVB und wenig UVA ausstrahlt. Die ist dann aber schlecht zu steuern – weil man sich schnell einen Sonnenbrand einhandelt. Ich persönlich würde aktuell keine Tageslichtlampe verwenden.

Interview: Frederik Jötten.


Das Gespräch ist ein Auszug aus Frederik Jöttens und Jens Lubbadehs Buch „Vertragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?“, das im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist.

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