Herr Beutelspacher, warum braucht man ein Mitmachmuseum wie das Mathematikum, um Menschen für Mathe zu interessieren?
Das ist seltsam, ja: Sobald man sicherstellt, dass nicht der geringste Geruch von Schule aufkommt, ist Mathe plötzlich interessant. Wie bei Sudoku: Alle machen es, viele sind fast süchtig. Leute, die nie freiwillig eine Rechenaufgabe in der Schule lösen würden.
Warum klappt das?
Der Mensch ist von Natur aus neugierig und will wissen, wie die Welt funktioniert.
Woran liegt es, dass die Schule die Neugier lähmt?
Ich weiß es nicht. Viele Lehrer geben sich eine unglaubliche Mühe, guten Unterricht zu machen. Aber ein Grund ist wohl, dass Schule so wenig lustbetont ist.
"Lustfaktor" Mathe? Da bin ich skeptisch.
Wenn man Leute auf der Straße fragt, was sie noch aus dem Matheunterricht wissen, die binomischen Formeln, oder wie man ein Halb plus ein Drittel rechnet, ernten Sie Schulterzucken. Das konnten die aber mal.
Woran liegt's?
Nachhaltiges Lernen ist sehr stark von Erlebnissen geprägt. Wenn man die selben Leute fragt, ob sie sich an etwas Positives aus dem Matheunterricht erinnern können, kommt sowas: "In der Mittelstufe sind wir mal rausgegangen und haben die Höhe der Turnhalle berechnet." Das ist ein starkes Argument für die Aktionen, die wir hier im Mathematikum machen: Pyramiden und Brücken bauen und für Aha-Erlebnisse sorgen. Das sind die Momente, die uns Erkenntnisse verschaffen. Momente des Glücks, weil wir verstehen, wie die Welt funktioniert.
Spielt die ganz andere Lernsituation im Mathematikum eine Rolle? Weil man nicht auf dem Hintern sitzt, sondern herumgeht und in Gruppen diskutiert?
Ganz sicher. Ein gutes Experiment bringt mich in Bewegung. Das ist ein sehr starker Impuls. Da kann man mit Gesprochenem oder gar Schriftlichem überhaupt nicht gegen ankämpfen. Die zweite Komponente ist die Kommunikation. Manchmal - "wow!" - ist es eher unqualifiziert, was die Kinder hier sagen. Aber sie reden immer über die Exponate, nicht über Klamotten oder die Charts.
Was läuft im traditionellen Matheunterricht falsch?
Im herkömmlichen Unterricht empfinden Schüler Mathe als etwas, was nach eigenen Regeln funktioniert, zu denen sie keinen Zugang haben. Sie brauchen etwas, das ihnen die Chance gibt zu sagen: "Das ist meine Sache." Deshalb müssen im Unterricht Anknüpfungspunkte geschaffen werden. Man kann geometrische Formen in Supermarktverpackungen suchen, sich mit der Mathematik in modernen Produkten wie Handy und MP-3-Player beschäftigen.
In Deutsch und Gesellschaftskunde kann man an aktuelle Ereignisse anknüpfen. Da hat man mit Mathe eher ein Problem, oder?
Überhaupt nicht. Die Finanzkrise zeigt, dass Mathe helfen kann, wo uns unser Gefühl verlässt. Ein Grund für die Finanzkrise ist doch, dass ich am PC 100 Euro so leicht überweisen kann wie eine Billion Euro. Was eine tolle, aber auch verführerische Eigenschaft unseres Zahlensystems ist. Die Finanzkrise wäre bei den alten Römern nicht möglich gewesen. Die hätten eine Milliarde M's schreiben müssen, um eine Billion auszudrücken. Wenn jemand eine Billion überweisen will, müsste ein mathematisches Warnzeichen aufleuchten: "Moment, Du verschiebst hier eine Volkswirtschaft!" Das müsste so gut gesichert sein, wie eine Atombombe. Denn wir Menschen haben in der Evolution nicht gelernt, was die ganzen Nullen bedeuten. Dazu gibt es keine erfahrungsgestützte Vorstellung.
Und die wäre?
Ein Beispiel: 100 000 ist die Anzahl der Herzschläge eines Menschen pro Tag. Bis zum 30. Geburtstag schlägt das Herz etwa eine Milliarde Mal. Da kriegt man Respekt vor der Maschine - also mein Auto kann das nicht.
Interview: Frauke Haß
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