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13. September 2012

Interview mit Bildungsforscher: Schulnoten machen süchtig

Kinder eifern eher den Schulnoten nach, als dem Ziel, sich den Lernstoff anzueignen.Foto: dapd

Eine neue Form der Leistungsbewertung wird gebraucht, sagt der Psychologe und Bildungsforscher Georg Lind. So sollen nämlich Lehrinhalte und persönliche Leistungen der Schüler durch klassische Schulnoten in den Hintergrund geraten.

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Eine neue Form der Leistungsbewertung wird gebraucht, sagt der Psychologe und Bildungsforscher Georg Lind. So sollen nämlich Lehrinhalte und persönliche Leistungen der Schüler durch klassische Schulnoten in den Hintergrund geraten.

Sollen Lehrer von Anfang an Noten geben oder mit den Einsen, Dreien und Fünfen lieber warten? Über diese Frage streiten Pädagogen seit Jahren. Mittlerweile gehen immer mehr Grundschulen dazu über, die klassischen Zensuren hinauszuzögern. An ihre Stelle treten verbale Beurteilungen. Der Psychologe und Bildungsforscher Georg Lind hält beides für unsinnig.

Herr Professor Lind, in Nordrhein-Westfalen dürfen Grundschulen jetzt die Notengebung auf das vierte Schuljahr verschieben. Viele Eltern lehnen das ab. Warum wollen Eltern Noten und Lehrer nicht?

Dafür gibt es eine ganz simple Erklärung: Wir Eltern haben das als Schüler selbst so erlebt, und diese Gewohnheit nimmt uns gefangen. Deshalb erwarten die meisten Mütter und Väter, dass auch ihre Kinder Noten bekommen. Sie fragen: Und? Was hast Du im Mathetest? Die Inhalte werden dabei zweitrangig – und genau das ist das Problem.

Sind verbale Beurteilungen besser als die klassischen Ziffernoten von eins bis sechs?

Nein, weil auch sie sich nicht an individuellen Lernzielen orientieren, sondern lediglich Vergleichsurteile sind. Kinder und Eltern haben zudem eine Übersetzungshilfe im Kopf, mit der sie verbale Beurteilungen in Noten umsetzen. Nehmen wir die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, die weitgehend ohne Ziffernoten auskommen sollten: Das Ministerium hat die Schulen angewiesen, ihre Beurteilungen in Ziffernoten zu übersetzen, wenn Eltern das verlangen. Da untergräbt die grün-rote Regierung ihre eigene Bildungspolitik – und die Schüler fühlen sich zu Recht ausgetrickst.

"Bei Noten ist es wie bei Drogen"

Fragt man Schüler, ob sie Noten haben wollen, sagen die meisten ja. Sie wollen offenbar genau wissen, wo sie stehen. Was soll daran falsch sein?
Wenn Schüler unbedingt Alkohol trinken wollen, dann sagen wir doch auch nicht: OK, es schmeckt dir halt, trink’ ruhig weiter! Und bei Noten ist es wie bei den Drogen: Schüler werden regelrecht süchtig nach der Bestätigung von außen. Sie sollten aber stattdessen lernen, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und die eigene Leistung selbst einzuschätzen.

Mal ehrlich: Haben Sie sich nie über eine Eins oder Zwei gefreut?

Das hat vielleicht meiner Eitelkeit geschmeichelt, aber im Prinzip waren mir Noten gleichgültig. Vielleicht war ich genau deshalb ein guter Schüler, weil ich immer den Rat meiner Mutter im Ohr hatte, die sagte: „Du musste selbst wissen, wo du stehst.“ Ich habe deshalb immer gern gelernt – bis heute.

"Noten hindern Kinder am Lernen"

Zensuren im historischen Wandel

Georg Lind ist emeritierter Professor der Universität Konstanz. Der 1947 geborene Psychologe und Bildungsforscher befasst sich unter anderem mit dem Thema „Moral- und Demokratiekompetenz“.

Zensuren: Als erster Nachweis von Zensuren (lat. censura – Aufsicht, Rüge) gilt die sächsische Schulordnung von 1530. Noten, wie wir sie heute kennen, gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Die in Deutschland übliche Skala von eins bis sechs wurde 1938 verbindlich eingeführt. In der DDR galt: eins bis fünf.

Die Entscheidung, wann ein „Sehr gut“ oder ein „Ungenügend“ gegeben wird, haben die Kultusminister der Bundesländer erstmals 1964 im Hamburger Abkommen und 1968 noch einmal mit einem Beschluss geregelt.

Bewertet wird in der Regel nicht der individuelle Fortschritt eines Schülers, sondern seine Leistung in Bezug zur Klasse als Vergleichsgruppe. Von welchem Zeitpunkt an Ziffernoten gegeben werden, regeln die Schulgesetze der Länder. Während in Berlin oder Nordrhein-Westfalen erst mit Beginn der vierten Klasse klassisch benotet werden muss, verwenden andere Bundesländer bereits ab der ersten Klasse Ziffernoten. Immer mehr Länder überlassen es jedoch den Grundschulen selbst.

Können Noten Kinder nicht auch motivieren?

Nein. Noten hindern Kinder am Lernen – egal ob sie gute oder schlechte Schüler sind. Denn klassische Noten messen die Kinder nicht an Lernzielen, sondern am Klassendurchschnitt. Das ist völlig unsachlich, und es verschiebt den natürlichen Eifer der Kinder auf die Bewertung. Belege hierfür hat unter anderem Hans Brügelmann in seinem Gutachten für den Grundschulverband zusammengetragen. Das erklärt auch, warum Kinder ganz lange im Kopf behalten, wann sie eine Eins oder eine Fünf hatten. Aber sie erinnern sich nicht daran, für welche Inhalte sie diese Noten bekommen haben.

Wie sollen Lehrer die Leistungen von Schülern ohne Noten bewerten?
Wir müssen Leistung in den Schulen ganz anders definieren und einem Schüler Rückmeldungen geben über seine individuellen Fortschritte oder Defizite. Sinnvoll sind auch qualifizierte Prüfungen – wie beim Führerschein. Der Schüler soll lediglich wissen, ob er die Lernziele erreicht hat oder nicht. Zusätzlich könnte man freiwillige Leistungen und soziales Engagement in der Klasse als exzellente Leistung hervorheben.

Josef Kraus vom konservativen Deutschen Lehrerverband nennt so etwas „biedere Gefälligkeitspädagogik“. Sind Sie sicher, dass die Lehrer da mitmachen würden?

Mit Gefälligkeit hat das nichts zu tun. Wenn wir das Lernklima an den Schulen verbessern, dann erreichen wir auch bessere Ergebnisse. Es gibt natürlich viele Vorbehalte. Für Lehrer, die nicht gut unterrichten können, sind Noten ein Rettungsanker, weil sie damit die Klasse disziplinieren. Aber ein guter Lehrer braucht keine Noten, weil er die Kinder für den Stoff begeistern kann.

Pisa-Sieger Finnland unterrichtet ohne Noten

An den meisten Schulen haben Lehrer gar keine Wahl. Sie müssen spätestens beim Übertritt auf die weiterführenden Schulen benoten. Was bringt also die Debatte um die notenfreie Grundschule?

Warum sollten wir Kinder möglichst früh auf eine schlechte Praxis vorbereiten? Das ist doch nicht logisch. Es gibt viele Modellschulen in Deutschland, die sehr gut ohne Noten auskommen. Auch die Schulen des Pisa-Siegers Finnland unterrichten lange ohne Noten. An diesen Beispielen sieht man doch, welches Lern- und Leistungspotenzial unsere Kinder mitbringen.

Gaukeln wir ihnen nicht eine heile Welt vor? Schließlich geben Noten den Ausschlag bei der Lehrstellensuche. Auch beim Studium mit Numerus clausus (NC) ist der Notendurchschnitt entscheidend.

Hier sehe ich Anzeichen für einen langsamen Wandel. Eine gute Universität setzt nicht auf den NC, sondern auf qualifizierte Eingangsprüfungen und persönliche Auswahlgespräche. Viele Elitehochschulen machen damit sehr gute Erfahrungen. Auch Arbeitgeber denken um. Es gab kürzlich eine Anzeigenserie von Handwerkern mit dem Titel „Noten sind uns egal“. Auch ein Unternehmen aus der Fahrzeugbranche warb mit dem Slogan: „Noten sind uns egal – technischer Sachverstand ist viel wichtiger.“

Viele empirische Bildungsforscher halten die klassischen Noten jedoch für annähernd gerecht. Studien belegen auch, dass Abiturnoten eine relativ gute Prognose für den Studienerfolg sind. Haben all diese Experten Unrecht?

Viele empirische Bildungsforscher sind Interessenvertreter der Testindustrie, die von Leistungsvergleichen wie Pisa lebt. Da geht es um maximale Vergleichbarkeit, damit man die Ergebnisse anschließend in schöne Grafiken pressen kann. Ziel der Schule muss es aber sein, Wissen und Lernmotivation zu vermitteln – und nicht Menschen zu bewerten.

Das Gespräch führte Katja Irle

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