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Interview mit Enja Riegel: "Guckt es Euch doch endlich ab!"

Reformerin Enja Riegel war lange Leiterin der Helene-Lange-Schule und gilt als mutige Reformerin. Sie möchte nun in einer Privatschule gute Pädagogik zeigen.

Frau Riegel, Sie haben jahrzehntelang eine Gesamtschule geleitet und beraten jetzt mehrere Privatschulen: Was können private besser als staatliche Schulen?

Die Robert-Bosch-Stiftung zeichnet jedes Jahr die besten Schulen mit dem Deutschen Schulpreis aus. Wenn alle Schulen so wären, müsste sich kein Mensch Gedanken über Privatschulen machen. Aber die Kultusminister nehmen von guten Vorbildern kaum Notiz.

Warum engagieren Sie sich im Campus Klarenthal in Wiesbaden jetzt in einer Privatschule?

Ich möchte noch einmal zeigen, was gute Pädagogik leisten kann. Die Politik soll sehen: So geht es, schaut es Euch doch endlich ab! Natürlich ist angesichts der vielen Privatschulgründungen zu befürchten, dass sich das Schulsystem immer mehr entmischt: Kinder engagierter und zahlungsfähiger Eltern in guten Privatschulen - die anderen in der Staatsschule. Das ist ein Skandal. Es sollte für alle Kinder ganztägige Gemeinschaftsschulen von höchster Qualität geben - so wie in Finnland.

Aber Sie arbeiten jetzt für eine Privatschule...

Ich berate seit meiner Pensionierung vor sechs Jahren viele öffentliche Schulen, die sich verändern oder neu gründen wollen. Aber meine Vision von einer Schule für ALLE wird zu meinen Lebzeiten wohl nicht Realität werden.

Was geht denn an einer Privatschule, was in der Helene-Lange-Schule, nicht möglich war?

Campus Klarenthal ist eine ganztägige Gesamtschule von 7.30 bis 18 Uhr, wo Eltern ohne Gewissensbisse ihre Kinder in einer guten Gemeinschaft aufgehoben wissen. Es ist eine Einrichtung vom ersten bis zum 19. Lebensjahr, ohne dass die Kinder nach Kindergarten oder Grundschule gehen müssen. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. So vermeiden wir Brüche. Die Gebäude orientieren sich an der Pädagogik. So wird es in der Mitte ein großes Theater geben. Und wir haben Natur in Überfülle: Mit Wald und Wiesen, den Pferden und dem Schulhund wird die Natur zum Klassenzimmer. Neben Lehrern arbeiten dort auch Erzieher, Landschaftsarchitekten, Musiker, Handwerker, Regisseure.

Vieles davon ginge im öffentlichen System auch...

Aber es passiert nicht. Zu viele Eltern glauben, mit dem Platz im Gymnasium ihre Privilegien retten zu können. Die Politiker wollen gewählt werden und trauen sich nicht, das eigentlich Richtige und Notwendige für Kinder zu tun. Schulleiter sind häufig zu ängstlich, um beherzt und mutig alle Möglichkeiten auszunutzen. Auch der Pisa-Schock hat nur dazu geführt, dass Lehrer und Schüler ständige Überprüfungen zu bestehen haben. Dieses Teaching to the Test bringt Stress und Ödnis in die Schule. Zu viele Kinder werden beschämt und beschädigt oder langweilen sich.

Was tun?

Kinder brauchen drei Dinge: 1. eine gute Gemeinschaft, in der sie sich aufgehoben fühlen, mit Lehrern (auch Männern), die Mut machen und Vorbilder sind. 2. Aufgaben, an denen man wachsen kann. Also nicht Arbeitsblätter ausfüllen und Testbögen bearbeiten, sondern: etwas gestalten, etwas erforschen, etwas verändern. 3. Anerkennung und Respekt.

Warum sollte das an einer Staatsschule nicht möglich sein?

Theoretisch ist es das. Aber dazu braucht man - wie in den Schulpreis-Schulen - Lehrerteams, die einen ganzen Jahrgang übernehmen, vier bis sechs Jahre bei "ihren" Schülern bleiben, und für sie Verantwortung übernehmen. Das unsinnige Sitzenbleiben gehört abgeschafft. Statt Stofffülle und Abhaken des Lehrplans große fächerübergreifende Projekte, etwa "Wasser" oder "Wald". Da suchen sich die Schüler ihr eigenes Thema und präsentieren später ihre Forschungsergebnisse vor einem Publikum. Das gibt Anerkennung, macht stolz und neugierig.

Wie muss sich das System ändern?

Solange wir nicht die gute Schule für ALLE haben, plädiere ich für das schwedische Modell. Dort bekommt jedes Kind eine Art Kopfgeld - damit kann es an eine private oder an eine öffentliche Schule gehen. Und die privaten dürfen darüber hinaus kein Schulgeld verlangen. Auch ein armes deutsches oder ein Migranten-Kind können dann eine Privatschule besuchen. Die besten Schulen werden sich durchsetzen.

Es gibt Leute die sagen: Der Staat kann Schule nicht...

Ich finde: Er MUSS. Wir brauchen den Staat. Er hat dafür zu sorgen, dass alle Kinder gemeinsam an guten Orten die bestmögliche Ausbildung bekommen. Diese Aufgabe erfüllt er jetzt nur ungenügend.

Interview: Frauke Haß

Datum:  17 | 4 | 2009
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