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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

23. Januar 2009

Interview mit Eva Maria Kenngott: "Auch mal die Perspektive wechseln"

Eva-Maria Kenngott bildet am Institut für LER in Potsdam Lehrer für Brandenburg aus.

Ethik wird der heterogenen Schülerschaft eher gerecht als Religion, sagt Eva-Maria Kenngott.

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Frau Kenngott, Lehrer sollen nicht nur Wissen, sondern auch Werte vermitteln. Kann ihnen das im Unterricht überhaupt gelingen?

Moralvorstellungen von Kindern und Jugendlichen werden natürlich nicht in erster Linie im Unterricht geprägt, sondern zuhause in der Familie, bei den Gleichaltrigen und in der Schule insgesamt. Von einem Fach zu erwarten, dass es diese oder jene Werte oder Haltungen vermittelt, ist zu viel verlangt. Aber Unterricht kann Schüler ermuntern, ihre Perspektive zu wechseln und Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Er kann anregen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Argumentationsfähigkeit schulen. Das ist nicht wenig.

Können das nicht auch der Deutsch- oder Englisch- oder jeder andere Unterricht?

Aus Sicht des jeweiligen Faches: Im Prinzip ja. In der Praxis ist aber meist nicht viel Zeit für Diskussionen. Der zunehmende Druck, vor allem an Gymnasien, hat sie weiter reduziert. Nur ein eigenes Fach schafft einen Raum, in dem der Austausch mit und zwischen den Schülern nicht nebenbei passiert, sondern im Vordergrund steht.

Sie bereiten in Brandenburg Lehrer auf die Vermittlung von LER vor. Das Fach fasst Lebensgestaltung, Ethik und Religionskunde zusammen. Was bringen Sie den Pädagogen bei?

Fachlich stehen Religionskunde und Philosophie im Mittelpunkt, dazu kommen Psychologie und Soziologie. Eine große Rolle spielt zudem die Vermittlung didaktischer Kompetenzen. Wir bereiten die Studierenden auf die Gespräche mit den Schülern vor. So trainieren wir zum Beispiel, wie man eine Dilemma-Diskussion führt.

Was ist denn das?

Die wohl berühmteste Methode der Moralerziehung. Das klassische Beispiel für ein Dilemma geht so: Ein Mann könnte seine schwer kranke Frau retten, wenn er ein Medikament hätte. Das kann er aber nicht bezahlen. Ist es legitim, in die Apotheke einzubrechen? Oder: Ihre beste Freundin wird nach dem Stehlen einer Bluse vom Kaufhausdetektiv gestellt. Sie stehen daneben und können sie verraten oder schützen. Was tun Sie? Typisch für Dilemma-Diskussionen ist die Konstruktion moralisch auswegloser Situationen: Was immer Sie tun, Sie verletzen einen Wert. Die Schüler lernen so, sich in Gedankenspiele zu verstricken und Argumente zu entwickeln.

Solche Übungen sind im Ethik- genauso möglich wie im Religionsunterricht. Leisten nicht beide - in Berlin vielleicht demnächst als alternativ angebotenen Fächer - dasselbe an Wertevermittlung?

Nein, und zwar deswegen, weil im konfessionellen Religionsunterricht die Schüler getrennt diskutieren. Diese Trennung hat unausweichlich auch Auswirkungen auf die Inhalte des Unterrichts. Das Modell der Kirchen sieht im Wesentlichen so aus: Zunächst sollen die Schüler lernen, ihre Haltungen in Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Religion zu diskutieren - und sich erst dann in den Diskurs begeben. Wir leben aber in einer pluralen Welt. Wir müssen uns in ständiger Auseinandersetzung miteinander verständigen.

Als Theologin unterstützen Sie den Aufruf "Christen pro Ethik", der sich für den Erhalt des Ethik-Unterrichts für alle in Berlin einsetzt. Kommt die religiöse Unterweisung dabei nicht zu kurz?

Nein, weil der traditionelle Religionsunterricht viele Schüler gar nicht erreicht. Weil er sie nicht interessiert, aber auch, weil er der heterogenen Schülerschaft nicht gerecht wird. Wo vermitteln wir den vielen Jugendlichen aus säkularen oder patchwork-religiösen Familien Kompetenzen im Umgang mit Religionen und Menschen verschiedener Glaubensrichtungen? Dieses Wissen ist aber auch für sie unbedingt nötig. Wir brauchen einen Ort, an dem alle Schüler miteinander ins Gespräch kommen - über ihren Glauben und andere Fragen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen.

Interview: Jeannette Goddar

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