Herr Fend, 2008 lösten Sie einen kleinen Sturm in der deutschen Schulstruktur-Debatte aus. An Gesamtschulen gehe es auch nicht sozial gerechter zu als im dreigliedrigen System: Das hätten Sie herausgefunden, hieß es.
So wurde ich in der aufgeheizten Diskussion zuweilen zitiert. Aber gesagt habe ich das nie. Herausgefunden habe ich es auch nicht.
Helmut Fend war bis 2006 Pädagogikprofessor in Konstanz und Zürich und ist Experte für Gesamtschulen.
Welches Schulsystem eine Region braucht, solle vor Ort, nach demographischen Gesichtspunkten, entschieden werden, so Fend. Sei das pädagogische Konzept durchdacht, könnten auch Haupt- und Realschulen zusammengelegt werden. Schwierige Klassen bräuchten die besten Lehrer, sagt Fend im FR-Interview.
Sondern?
Wir haben die Lebensläufe von 2000 hessischen Gesamtschülern über fast ein Vierteljahrhundert unter die Lupe genommen, von 1979, als sie zwölf waren, bis zu ihrem 35. Lebensjahr 2002. Dabei hat sich gezeigt: In der Frage, ob sie eine Lehre gemacht oder einen akademischen Abschluss erworben haben, unterscheiden sich die ehemaligen Gesamtschüler nicht von ihren Altersgenossen. Ihre Berufswahl ist ebenso eng gekoppelt an den Status ihres Elternhauses wie die anderer Menschen. Insofern schaffen Gesamtschulen es nicht, Kinder aus unterprivilegierten Schichten zu einer höheren Ausbildung zu verhelfen. Allerdings: Während der Schulzeit fielen die familiären Unterschiede an Gesamtschulen durchaus weniger ins Gewicht.
Inwiefern?
Wir haben Gesamtschüler mit Schülern des dreigliedrigen Systems und mit solchen verglichen, die bis zur sechsten Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Im Kurssystem der Gesamtschule war der Zusammenhang zwischen Elternhaus und den Leistungen der Schüler signifikant geringer als bei den anderen. In der von uns beobachteten Zeit bis zur neunten Klasse konnte die Gesamtschule soziale Unterschiede durchaus reduzieren. Es hatte nur keinen dauerhaften Einfluss.
Was lernen wir daraus?
Der Einfluss der Herkunft ist offenbar so groß, dass die Schulform ihn nicht brechen kann. Sie kann ihn abmildern - auf Dauer aber treten die familiären Ressourcen wieder in den Vordergrund. Für die Debatte über Bildungsgerechtigkeit ist das zentral. Um sie zu verbessern, reicht es nicht, das Schulsystem zu betrachten. Wir müssen die gesamte Bildungsbiographie in den Blick nehmen und schauen: Wo sind die Übergänge und Schwellen, an denen Kinder aus unterprivilegierten Familien sozusagen herausfallen?
Sehen Sie Anzeichen dafür, dass Gesamtschulen darin versagt haben könnten, Kinder dauerhaft auf einen Weg zu leiten, der ihren Kompetenzen entspricht?
Erwiesen haben wir das nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das bewusste Offenlassen der Bildungswege einen negativen Einfluss gehabt haben mag. Die meisten Gesamtschulen haben den Schülern in keiner Weise mitgeteilt, was für sie möglich ist, und auf welchen Abschluss sie mit ihrer Leistung zusteuern. Das könnte dazu geführt haben, dass diese sich später wieder stärker analog ihrer Herkunft sortiert haben. Insbesondere für Schüler aus unteren Schichten sind Informationen wie "Du kannst Mathe. Du bist gut. Du schaffst das Abitur." enorm wichtig.
Sie haben Schulen der späten 70er- und frühen 80er-Jahre untersucht. Haben Ihre Erkenntnisse Aussagekraft über die Arbeit heutiger Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen?
Nein. Mein persönlicher Eindruck war, dass viele Gesamtschulen damals baulich und von der Atmosphäre her in einem desolaten Zustand waren - ich würde stark hoffen, dass das heute anders ist.
Sie sind Mitglied der Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung, die ihre Empfehlungen jüngst in Berlin zur Diskussion stellte. Sie favorisiert eine vereinfachte und regional angepasste Schulstruktur - mit Hang zur Zweigliedrigkeit. Welche Vorteile sehen Sie darin?
Zentral ist, dass wir eine angemessene Antwort auf die demographische Entwicklung brauchen. Nur wenn vor Ort entschieden wird, ob es eine oder zwei Schulformen gibt, wird das der Bevölkerung und dem wohnortnahen Unterricht gerecht. Eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen kann zudem dazu führen, die an vielen Orten immens gewordene Zusammenballung sozial schwieriger Schüler in einer Schulform abzumildern. Vorausgesetzt, es wird didaktisch gut gemacht und pädagogisch gut begleitet.
Und wenn nicht?
Dann gilt: Risikoschüler können in einer integrierten Schule schlechter aufgehoben sein als an einer Hauptschule. Die Zusammenlegung darf nicht dazu führen, dass schwierige Gruppen wiederum segregiert und von Lehrern wie Schülern an den Rand gemobbt werden. Solche Fälle gibt es. Da werden Lehrer in die schwierigsten Klassen gleichsam strafversetzt - obwohl diese die besten Pädagogen bräuchten. Ihre Lehrer müssten belohnt werden: mit kleineren Klassen, weniger Unterrichtsverpflichtung und mit mehr Geld.
Interview: Jeannette Goddar
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