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Interview mit Jost Stellmacher: "Deutsche wissen wenig"

Psychologe Jost Stellmacher fordert im FR-Interview, Menschenrechte schon in der Schule zu unterrichten und nennt Beispiele für Menschenrechtsverletzungen auch in Deutschland.

Menschenrechte werden nicht nur im Ausland verletzt.
Menschenrechte werden nicht nur im Ausland verletzt.
Foto: rtr

Herr Stellmacher, wo geht es schlimmer zu? In China oder Deutschland?

"Was ist schlimmer?" ist eine schwierige Kategorie. Natürlich gibt es massive Menschenrechtsverletzungen in China, die man thematisieren muss. Aber Menschenrechtsverletzungen gibt es eben auch bei uns in Deutschland, allein durch die globalisierte Wirtschaft.

Zur Person

Jost Stellmacher ist Psychologe an der Uni Marburg. Zusammen mit Gert Sommer hat er das Buch "Menschenrechte und Menschenrechtsbildung" verfasst. Grundlage waren zwei repräsentative Telefonbefragungen sowie drei Analysen von Zeitungen und Fernsehnachrichten von1988, 1998 und 2008.

Die Studien bringen ein Paradoxon zutage: Zwar nennen 75 Prozent der Deutschen Menschenrechte "extrem wichtig", doch im Schnitt können sie nur drei von 100 Einzelrechten benennen. Stellmacher folgert daraus: "Wir brauchen eine systematischere Menschenrechtsbildung", die er in der Demokratieerziehung für unverzichtbar hält. (fra)

Nennen Sie ein paar Beispiele!

Das geht bei den Agrarsubventionen los: Wenn Industriekonzerne unglaublich billig Lebensmittel herstellen und diese dann nach Afrika exportieren können, machen wir dort die Märkte kaputt. Die Folgen sind so schlicht wie brutal: Armut und Hunger.

Sind Agrarsubventionen wirklich das schlimmste Menschenrechtsvergehen Deutschlands?

Ein anderes Beispiel ist die Flüchtlingspolitik: Ist es legitim, Jugendliche, die ein Leben lang in Deutschland gelebt haben, in Länder abzuschieben, die sie gar nicht kennen; oder jahrelang nur ein Bleiberecht zu gewähren? Auch muss sichergestellt werden, dass deutsche Waffenexporte in den Empfängerländern nicht zu Menschenrechtsverletzungen beitragen. Deutsche Waffen wurden zum Beispiel im Krieg gegen die Kurden eingesetzt.

Die politischen Menschenrechte sind Ihrer Studie zufolge ja noch einigermaßen bekannt ...

Das ist freundlich ausgedrückt. Obwohl 75 Prozent der Deutschen Menschenrechte "extrem wichtig" nennen, haben wir in zwei repräsentativen Telefonerhebungen mit je 2000 Befragten festgestellt, dass die Deutschen im Schnitt nur drei von 100 Menschenrechten nennen können, und dann sind es meist politische und bürgerliche, wie das Recht auf Meinungsfreiheit oder das Folterverbot. Aber es gibt erhebliche Defizite bei der Antwort auf die Frage, was Menschenrechte eigentlich sind. Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Menschenrechte sind fast nicht bekannt - etwa das Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf kulturelle Teilhabe. Auch in den Medien finden diese Menschenrechte praktisch nicht statt, wie wir in Analysen herausgefunden haben.

Mit Blick auf die Arbeitslosenquote ist Deutschland also ein Schurkenstaat?

Das ist natürlich eine Frage der Definition. Ob jede Form von Arbeitslosigkeit schon eine Menschenrechtsverletzung ist, sei dahingestellt. Priorität muss aber sein, Arbeitslosigkeit möglichst zu beseitigen und die soziale Sicherung so zu gewährleisten, dass ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Die Hartz-IV-Sätze sind dafür nicht ausreichend. 1,8 Millionen arme Kinder in Deutschland - das ist beschämend.

Die Deutschen wissen zu wenig über Menschenrechte ...

Kollegen wie Volker Druba haben ermittelt, dass in Baden-Württemberg lediglich in zwei Prozent der relevanten Schulbücher Menschenrechte ein eigenes Kapitel haben. Insgesamt behandeln 30 Prozent der Schulbücher in den in Frage kommenden Fächern das Thema gar nicht, obwohl das längst von den Kultusministern versprochen ist.

Warum ist das ein Problem?

Menschenrechtsbildung ist ein ganz wesentliches Instrument der Demokratieerziehung. Sie wirkt werte- und moralbildend und muss deshalb sehr viel systematischer stattfinden. Wir haben in einem Testseminar etwa gezeigt, dass Menschenrechtsbildung Fremdenfeindlichkeit reduziert.

Repräsentativ ist das nicht ...

Nein, deshalb brauchen wir dringend eine Evaluation der Wirkung von Menschenrechtsbildung und begleitende Forschung.

Manche Menschen neigen offenbar mehr dazu, Menschenrechtsverletzungen zu tolerieren.

Wir alle tun dies unter bestimmten Voraussetzungen: Wir haben im Experiment ermittelt, dass deutsche Studierende Maßnahmen wie Agrarsubventionen oder höhere Zölle, die anderswo Märkte vernichten, eher akzeptieren, wenn die eigene Regierung sie verursacht, als wenn es die USA sind. Darüber hinaus sind autoritätshörige Persönlichkeiten anfälliger, Menschenrechtsverletzungen hinzunehmen. Das müssen wir jetzt aber systematischer untersuchen.

Interview: Frauke Haß

Datum:  11 | 1 | 2010
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