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Interview mit Martin Sack: "Lernen, dass sie nicht schuld sind"

Der Münchener Psychotherapeut Martin Sack zu den Schwierigkeiten von Patienten, über ihr Trauma zu sprechen - und die Angst der Therapeuten.

Martin Sack ist Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie.
Martin Sack ist Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie.
Foto: TUM

Herr Dr. Sack, warum ist sexueller Missbrauch in der Kindheit oder Jugend besonders schwer zu verkraften?

Weil die betroffenen Kinder in vielen Familien keinerlei Hilfe finden. Sie können sich niemandem mitteilen und anvertrauen. Unter diesen Umständen kann ein Kind kaum jenen Zustand erreichen, in dem es sich wieder sicher fühlt. Es wird nie den Eindruck haben: jetzt ist es wieder gut. Zum sexuellen Missbrauch kommt bei vielen Kindern noch hinzu, dass sie in einer emotional kalten Atmosphäre aufwachsen. Sie werden klein gemacht, können kein Selbstbewusstsein aufbauen. Die Kinder zweifeln an sich, halten sich selbst für schlecht, weil sie sich sonst nicht erklären können, warum man ihnen das antut. Deshalb hat der Missbrauch besonders schwere Folgen für die weitere psychische Entwicklung.

Wie schaffen es Betroffene, mit diesem Trauma weiterzuleben?

Längst nicht alle suchen einen Therapeuten auf, sondern versuchen, aus eigenen Ressourcen den Missbrauch zu verarbeiten. Aber vielen gelingt es nicht, ein Leben lang die Erinnerung unter Verschluss zu halten. Manchmal kommt das verdrängt Trauma erst wieder hoch, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Die Betroffenen müssen sich dann - Jahrzehnte später - damit auseinandersetzen. Sie haben plötzlich Ängste und/oder körperliche Beschwerden. Typisch sind auch Probleme in der Sexualität, die als unangenehm empfunden und deshalb vermieden wird.

Was bringt eine Therapie nach so vielen Jahren?

Auch wenn das Trauma erst sehr spät durchbricht, kann eine Therapie helfen. Die Betroffenen können lernen, dass sie sich nicht schämen müssen, dass sie nicht schuld sind an dem, was passiert ist. Die Belastung durch die traumatischen Erinnerungen lassen sich durch traumakonfrontative Behandlungen reduzieren.

Warum lehnen aber viele Therapeuten eine Konfrontationstherapie ab?

Das hängt mit der Tradition der Traumatherapie zusammen. Lange Zeit galt die Stabilisierung des Patienten als wichtigster Teil der Therapie. Man hatte Angst, dass eine Konfrontation mit dem Ereignis den Patienten destabilisiert, also seinen Zustand verschlimmert statt verbessert. Wenn man sich als Therapeut ausschließlich um die Stabilisierung kümmert, ist man zwar immer auf der richtigen Seite, kann das eigentliche Problem aber nicht lösen.

Warum wurde der sexuelle Missbrauch nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Therapie so lange tabuisiert?

Es gab lange Zeit keine vernünftigen Methoden, um den Betroffenen so zu behandeln, dass er nachher Erleichterung empfindet. Das hat sich inzwischen geändert. Neue Behandlungsansätze kamen vor allem aus den USA und den Niederlanden. Seit etwa 15 bis 20 Jahren hat sich die Traumatherapie auch in Deutschland verbreitet.

Das lange Schweigen verwundert dennoch. Schließlich arbeitet doch vor allem die Psychoanalyse mit Erinnerungen, um ursächliche und oft unterbewusste Zusammenhänge aufzudecken - eine Therapie aus dem 19. Jahrhundert.

Es gab in der Geschichte der Traumatologie Phasen, in denen der Missbrauch thematisiert wurde. Freud hat zu Beginn seiner Theorieentwicklung Neurosen als Folge eines Traumas gesehen, und er hat sich auch mit dem sexuellen Missbrauch befasst. Danach verschwand das Thema aber wieder weitgehend aus der Therapie - um dann nach großen Kriegen wieder ans Licht zu kommen, weil es so viele traumatisierte Menschen gab. Aber erst seit den 70er und 80er Jahren, etwa durch den Vietnamkrieg und das zeitgleich zunehmende Wissen um die Folgen von sexuellen Kindheitstraumatisierungen, hat man sich auf jene Therapieverfahren besonnen, bei denen der Patient das Trauma aufarbeitet.

Was ist das Besondere der Traumatherapie?

Eine gute Traumatherapie geht anders vor als die Psychoanalyse. Im Rahmen einer aktiv unterstützenden und Haltgebenden therapeutischen Beziehung suchen wir ganz gezielt mit dem Patienten die belastenden Momente in seinem Leben auf. Wir legen ihn nicht erst auf die Couch und warten, bis er von selbst erzählt.

Interview: Katja Irle

Datum:  3 | 3 | 2009
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