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Interview mit Patricia Cameron: "Die Risikoforschung hinkt hinterher"

Umweltexpertin Cameron vom BUND fordert im FR-Interview mehr Regulierung beim Einsatz von Nanoteilchen. "Der Verbraucher hat einen Anspruch, vom Staat vor schädlichen Produkten geschützt zu werden."

Patricia Cameron ist Expertin für Chemikalienpolitik und Nanotechnologie beim Bund  für Umwelt und Naturschutz (BUND).
Patricia Cameron ist Expertin für Chemikalienpolitik und Nanotechnologie beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
Foto: privat

Frau Cameron, was sind aus ihrer Sicht die Konsequenzen aus der neuen Studie des Bundesumweltamtes zu Nanoteilchen?

Das Bundesumweltamt greift endlich auf, wovor wir schon seit einigen Jahren warnen und was wir auch schon lange fordern. Wir kritisieren, dass es weltweit schon an die 1000 Produkte für Endverbraucher auf dem Markt gibt, die Nanomaterialien enthalten und die vorher nicht verbindlich getestet worden sind. Das ist eine unhaltbare Situation, ein rechtsfreier Raum, der dringend der Regulierung bedarf. Wir brauchen standardisierte Test- und Zulassungsverfahren, ein - auch für Verbraucher öffentliches Produktregister und eine Kennzeichnungspflicht. Solange Sicherheitstests nicht die Unschädlichkeit bewiesen haben, fordern wir ein Moratorium für verbrauchernahe Anwendungen.

Zur Person

Patricia Cameron ist Expertin für Chemikalienpolitik und Nanotechnologie beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)

Eine Kennzeichnungspflicht würde Ihnen fürs erste nicht ausreichen?

Nein. Der Verbraucher hat einen Anspruch, vom Staat vor schädlichen Produkten geschützt zu werden, man darf ihn nicht verpflichten, sein Risiko auf dieser völlig unzureichenden Informationsbasis selbst einzuschätzen.

Die EU hat sich im Frühjahr mit einer Novel-Food-Verordnung befasst, die für die Zulassung von Nano-Lebensmitteln standardisierte Tests und Prüfungsverfahren vorsieht. Da es solche Verfahren noch nicht gibt, herrscht quasi ein Moratorium, oder?

Leider nein. Denn das ist bislang nur der Vorschlag des Europaparlaments, den wir zwar sehr begrüßen, dem aber der Ministerrat so nicht gefolgt ist. Da wird in Kürze weiterverhandelt. Das wäre auch der richtige Ansatz für andere Anwendungsbereiche - etwa Lebensmittelverpackungen, Textilien, Reinigungsmittel, Baumaterial, Farben. Bei Kosmetika ist man in der EU etwas weiter, da wird es ab 2012 eine Kennzeichnungspflicht und verpflichtende Sicherheitstests geben, allerdings nur für einige Anwendungen.

Nanoteilchen sind ja nicht nur für die Verbraucher gefährlich, auch beim Herstellungsprozess der Nano-Produkte sind Menschen betroffen. Gibt es beim Arbeitsschutz ähnliche Defizite?

Ja. Die Gewerkschaften sind allerdings sehr aktiv in der Debatte, und hier gibt es - zumindest was deutsche Standards angeht -, mehr Bewegung als beim Verbraucherschutz. Denn die potenzielle Gefahr - etwa beim Einatmen - ist hier weit größer. Es gibt einige gute Ansätze, aber in anderen Ländern, etwa China, sieht das ganz anders aus.

Versicherungen sind im Bereich der Nanotechnologie skeptisch - sie begrenzen die Haftung. Da muss doch sehr stutzig machen, oder?

Ja, es ist überhaupt nicht abzusehen, in welche Größenordnungen da mögliche Schäden gehen können. Das bestätigt unsere Auffassung, dass das eine Technologie ist, die auf dem Markt sehr breit eingeführt wird, bei der die Risikoforschung aber der Anwendungsforschung weit hinterherhinkt. Forschung und Industrie versprechen sich viel von der Nanotechnologie - auch bei der weltweiten Lebensmittelknappheit, beim Klimaschutz, in der Medizin. Allerdings sollte man bei so großen Fragen das Thema Sicherheit nicht unterbelichtet lassen.

Interview: Hans-Hermann Kotte

Datum:  21 | 10 | 2009
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