Herr Hubertus, ist es eine Schande, nicht lesen und schreiben zu können?
Nein, aber es ist einfach, damit zu kokettieren, dass man nichts von Mathematik versteht. Damit macht man sich vielleicht sogar beliebt. Wer aber im Freundeskreis sagt: "Ich war schon immer eine Niete beim Lesen", der gilt als dumm. An den Lese- und Schreibkenntnissen wird der ganze Mensch beurteilt - oder verurteilt.
Die Unesco plant, die Zahl der Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben können, bis 2013 zu halbieren. Wie weit ist Deutschland?
Nicht einmal in der Nähe. Wir gehen von vier Millionen Analphabeten in Deutschland aus. In den nächsten fünf Jahren müssten also zwei Millionen Menschen alphabetisiert werden. Es besuchen aber gerade mal 25 000 Menschen Alphabetisierungskurse.
Woran liegt das?
Es gibt zu wenige Angebote - vor allem kostenlose Kurse fehlen. So darf die Bundesagentur für Arbeit keine Alphabetisierungskurse bezahlen. Denn die fallen nicht unter Berufsqualifizierung, sondern unter Allgemeinbildung.
Sind denn die bestehenden Kurse voll?
Nein, leider nicht. Viele Analphabeten sind ja kein unbeschriebenes Blatt. Sie haben Lese- und Schreibunterricht in der Schule gehabt, sind mit dem Thema aber gescheitert. Da ist die Angst groß. Wer einen Kurs besucht, reißt alte Wunden wieder auf. Das kostet Überwindung.
Was bringt es dann, das Angebot zu erweitern?
Die Erfahrung aus anderen Ländern wie Großbritannien zeigt: Bei einem flächendeckenden niedrigschwelligen Angebot trauen sich viel mehr Menschen, Kurse zu besuchen. Analphabeten werden bei uns stigmatisiert. Um das zu ändern, muss auch der Rest der Bevölkerung viel mehr über das Problem informiert werden.
Der Bund investiert in den nächsten Jahren 30 Millionen Euro in Alphabetisierung und Grundbildung. Ist damit das Problem gelöst?
Das Geld fließt in erster Linie in die Forschung. Das ist wichtig, weil die Wissenschaft auf diesem Gebiet bisher unterbelichtet war. Vor allem müssen wir aber deutlich mehr Menschen in Kurse bekommen.
Was bedeutet Analphabetismus für die Betroffenen?
Wer als Erwachsener nicht lesen kann, muss nicht nur auf Zeitungen, Bücher und das Internet verzichten. Er versteht auch die Anleitung für Fertiggerichte nicht, genauso wenig wie die Nebenwirkungen für ein Medikament oder das Wahlprogramm einer Partei.
Welche Folgen ergeben sich im Beruf?
Die Anforderungen an die Beherrschung von Schrift in unserer Gesellschaft sind in den vergangenen zehn bis 15 Jahren gestiegen. Es gibt kaum noch Nischen in der Arbeitswelt, in denen man ohne Schrift auskommt. Deshalb ist es für diese Menschen schwierig, eine Ausbildung zu finden oder anspruchsvollere Aufgaben im Beruf zu übernehmen. Um ihre Schwierigkeiten mit der Schrift vor ihren Vorgesetzten zu verheimlichen, lehnen sie deshalb Aufstiegschancen selbst ab.
Läuft etwas in den Schulen schief, wenn so viele junge Leute sie verlassen, ohne lesen und schreiben zu können?
In den weiterführenden Schulen wissen viele Lehrer nicht, wie man fehlenden Grundkenntnissen der Schüler begegnen kann. Es gibt kaum Fördermöglichkeiten für diejenigen, die in der Grundschule nicht zurecht gekommen sind. Kinder, die in der vierten Klasse nur schlecht lesen können, verbessern ihre Fähigkeiten in den kommenden Schuljahren aber kaum. Die guten Leser dagegen werden immer besser.
Die Stiftung Lesen verteilt zurzeit Lesestart-Sets an die Eltern von Kleinkindern, um sie zum Vorlesen anzuregen. Sind solche Projekte geeignet, um dem Analphabetismus vorzubeugen?
Vorlesen führt dazu, dass Kinder Spaß bekommen, selbst lesen zu lernen. Das ist sehr wichtig. Es löst aber nicht das Problem der Erwachsenen, die heute nicht lesen und schreiben können. Solche Eltern "vererben" schlechte Bildungschancen. Umso mehr müssen wir auch sie direkt unterstützen.
Interview: Simon Kerbusk
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