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Interview mit Sexualwissenschaftler: "Pädophilie lässt sich nicht heilen"

Klaus M. Beier, Sexualwissenschaftler an der Berliner Charité, rechnet im Gespräch mit der FR vor, wieviele Pädophile in der Bevölkerung leben und erklärt, wie das Internet sexuelle Präferenzen verändern kann.

Professor Klaus M. Beier
Professor Klaus M. Beier
Foto: Privat

Herr Professor Beier, wie viele Menschen sind pädophil?

Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber anhand erster empirischer Untersuchungen ist die Annahme berechtigt, dass etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophile Neigungen hat, also durch das kindliche Körperschema sexuell erregt wird. Eine solche Neigung, für die die Betroffenen nichts können, manifestiert sich in der Regel im Jugendalter und bleibt dann bis zum Lebensende bestehen.

Zur Person

Professor Klaus M. Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaften an der Charité in Berlin.

"Kein Täter werden" heißt ein Projekt, das der Psychoanalytiker seit 2005 betreut . Dabei werden noch nicht straffällig gewordene Männer mit pädophilen Neigungen therapiert. Bei einem neuen Projekt geht es um Prävention beim Konsum von Kinderpornografie. (ki)

Sie ist nicht mehr veränderbar und in diesem Sinne nicht heilbar. Menschen mit pädophilen Tendenzen findet man in allen sozialen Schichten und Berufsfeldern: bei Pädagogen, Juristen, Priestern, Facharbeitern, Hilfsarbeitern - einfach überall. Das ist also auch unabhängig vom Bildungsgrad. Es gibt allerdings Umstände, die Übergriffe solcher Neigungstäter begünstigen.

Etwa kirchliche Strukturen?

Ja, unter anderem. Denn es spielt eine große Rolle, wie ein potenzieller Täter seine Neigung in das Selbstbild integriert hat. Wenn etwa ein Theologe die Hoffnung hegt, dass ein starker Glaube diese Neigung aufzulösen vermag, dann ist das reines Wunschdenken. Damit gibt er die Verantwortung ab und wiegt sich in falscher Sicherheit. Er ist überzeugt, dass sich in der Obhut Gottes schon alles günstig fügen wird.

Wenn selbst der stärkste Glaube nichts ausrichten kann, was kann dann eine Therapie tun?

Wenn sie fachgerecht durchgeführt wird, ermöglicht sie den Betroffenen, ihr Verhalten zu kontrollieren. Und das ist ja der entscheidende Punkt: Dass aus den Phantasien keine Taten werden. Die Gefährdung wächst aber mit dem Grad der Problemverdrängung. Je offener und klarer ein Pädophiler sein Schicksal akzeptiert und seine Verantwortung nicht abgibt, desto größer ist die Chance, seine pädophilen Impulse so kontrollieren zu können, dass sie auf der Phantasieebene bleiben. Er kann lernen, vorab Gefahrensituationen einzuschätzen, diese bewusst zu meiden, sich entsprechend zu regulieren, gegebenenfalls auch mit Medikamenten, welche sexuelle Impulse dämpfen können. Es ist wie bei einer chronischen Erkrankung: Sie ist unheilbar, aber man kann Folgeschäden vermeiden - in diesem Fall ganz besonders gravierende.

Welche Rolle spielt der Konsum von Kinderpornografie bei Tätern und potenziellen Tätern?

Eine große. Wobei schon der Begriff "Kinderpornografie" eine furchtbare Bagatellisierung ist: Das ist reale Gewalt und Missbrauch an Kindern. Wir haben bei unseren Studien festgestellt, dass ein großer Teil pädophiler Männer solche Materialien nutzt und das kaum problematisch findet. Ihr Leidensdruck war zwar groß genug, um eine Therapie zu beginnen, weil sie keine direkten sexuellen Übergriffe begehen wollten - aber der Missbrauch via Internet wurde dabei kaum problematisiert.

Für uns Wissenschaftler ist aber die Nutzung von solchen Materialien ein Indikator für die Pädophilie und das Ausmaß der damit verknüpften Verhaltensstörungen, also den Grad der Gefährdung, die von einem Pädophilen ausgeht. Das Internet ist für viele eine große Versuchung, weil das Risiko, hier zur Rechenschaft gezogen zu werden, sehr gering ist. Genutzt werden überwiegend File-Sharing-Systeme.

Mit deren Hilfe Internet-Nutzer Dateien von ihrem Rechner anderen zum Kopieren anbieten.

Richtig. Auf diesem Weg tauschen dann Pädophile paketweise Bilder und Filme. Das wird vom Sperren oder Löschen indizierter Seiten ja gar nicht erfasst. Auch über Chatrooms und soziale Netzwerke werden Kontakte angebahnt. Hier muss im Interesse der Opfer dringend etwas geschehen.

Sie arbeiten auch mit jugendlichen Tätern. Welche Rolle spielen hier die neuen Medien?

Wir leben in einer Zeit, in der Bindungen der Menschen untereinander verarmen. Da werden Kompensationen gesucht - auch über die neuen Medien. Hier werden alle möglichen Spielformen der Sexualität zunächst virtuell getestet. Diese Bilder können die sexuelle Präferenzstruktur - und damit eben die Programmierung im Gehirn - in der dafür sensiblen Jugendphase beeinflussen und dann dauerhaft verändern. Das ist eine völlig neue Herausforderung.

In Berlin geistert zurzeit ein neuer "Sport" über die Schulhöfe: Wer findet die bizarrste sexuelle Praktik heraus. Da verschicken dann Elf- und Zwölfjährige Bilder übers Handy, auf denen etwa hypoxyphile Praktiken gezeigt werden, also der Aufbau von sexueller Erregung durch Herbeiführen von Luftknappheit - und zwar durch Würgen. Das ist im Heideggerschen Sinne eine neue hermeneutische Situation. Darüber brauchen wir dringend eine ethische Debatte.

Interview: Katja Irle

Datum:  20 | 2 | 2010
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