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Interview mit Wolfgang Nowak: "Es gab keine Kuschelpädagogik"

Der frühere Kultus-Staatssekretär Wolfgang Nowak erzählt im FR-Interview, wie er das sächsische Schulsystem nach der Wende umkrempelte.

Wolfgang Nowak war bis 1994 Kultus-Staatssekretär in Sachsen.
Wolfgang Nowak war bis 1994 Kultus-Staatssekretär in Sachsen.
Foto: Privat

Herr Nowak, als Sie 1990 in Sachsen ein zweigliedriges Schulsystem mit Abitur nach zwölf Jahren aufbauten, gab es Widerstände aus dem Westen. Heute gilt Sachsen als Erfolgsmodell und wird kopiert. Fühlen Sie sich als Visionär?

Nein. Wir wollten damals etwas schaffen, was zu den Verhältnissen in Sachsen passt. Dazu gehörten Neuerungen, aber auch erhaltenswerte Elemente aus der DDR: das Abitur nach zwölf Jahren, der berufsbildende und praxisbezogene Unterricht und die ausgezeichnete naturwissenschaftliche Bildung. Unsere Vordenker damals waren der Jugend- und Bildungsexperte Klaus Hurrelmann und Professor Helmut Fend aus Zürich. Wir hatten wenig Zeit.

Zur Person

Wolfgang Nowak war bis 1994 Kultus-Staatssekretär in Sachsen. Dort setzte er ein zweigliedriges System mit Mittelschulen und Gymnasien und das Abitur nach zwölf Jahren durch. Heute leitet er die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat Sie damals argwöhnisch beobachtet.

Es gab große Widerstände in der KMK gegen das Abitur nach zwölf Jahren und die Mittelschule, man wollte die Abschlüsse nicht anerkennen - bis ich damit drohte, dass Sachsen die KMK verlässt. Aber auch der Druck von Parteien und Bildungsverbänden aus dem Westen war groß.

Gab es im Osten, gerade in Sachsens CDU-Regierung, keine Widerstände?

Ich hatte Biedenkopf auf meiner Seite. Aber natürlich gab es Widerstände. Ein Erbe der DDR war ja, dass alle ein klares Freund-Feind-Denken mitbrachten. Ich war der Feind aus dem Westen und hatte dazu noch das falsche Parteibuch, nämlich das der SPD.

Das falsche Parteibuch hatten auch viele DDR-Lehrer. Rund 10.000 "belastete" Lehrer wurden damals entlassen, weil sie der SED nahe standen. Hat das nicht Unmut erzeugt?

Einerseits Unmut bei den Entlassenen, aber auch bei Schülern und Eltern, die besonders gute Lehrer behalten wollten. Andererseits aber auch Genugtuung. Erstaunlich finde ich bis heute, dass die meisten Lehrer mit sehr viel Engagement arbeiteten, obwohl die Bedingungen für den Unterricht erst einmal nicht die besten waren.

Was unterscheidet einen ostdeutschen Lehrer von einem westdeutschen?

Damals waren ostdeutsche Lehrer disziplinierter. Sie kamen pünktlich zum Unterricht und erwarteten das auch von ihren Schülern. Es gab keine Alt-68er, die das westdeutsche Schulsystem stark geprägt haben.

Sie zeichnen ein Schwarz-Weiß-Bild: Disziplin im Osten, Laisser-faire im Westen?

Im Osten gab es keine Kuschelpädagogik. Der Leistungsgedanke war schon in der DDR sehr stark, und das hat sich in den Schulen bis heute fortgesetzt.

... in Form von Pauken und Leistungstests.

Ja und? Bei solchen Prüfungen wird ja nicht nur der Schüler, sondern auch das Können des Lehrers überprüft. Wichtig war aber auch, dass wir in den Anfangsjahren nach dem Wissen des Lehrers gefragt haben und nicht nach dem Parteibuch, wie es im Westen üblich ist. Die Schulverwaltungen in vielen westdeutschen Bundesländern sind bis heute mit diesen Parteibuchleuten belastet.

Aber auch in Sachsen ist nicht alles gut: Nur wenige Schüler schaffen den Sprung von der Mittelschule aufs Gymnasium. Die Zahl der Sonderschüler liegt weit über dem Bundesdurchschnitt.

Wenn die Zahlen so stimmen, dann hat auch Sachsen an dieser Stelle Reformbedarf. Ein Schulsystem, das jemanden abschreibt, muss sich ändern. Aber das Gymnasium muss auch nicht das Ziel für alle sein.

Bundesländer mit hohem Ausländeranteil halten Vergleichsstudien wie Pisa für ungerecht. Hat Sachsen die Nase vorn, weil es kaum Risikoschüler gibt?

Es ist eine billige Entschuldigung zu sagen: Wenn man Ausländer hat, sind die Schulen schlecht. Berlin ruht sich darauf besonders gern aus. Ich bin sicher: Wenn es in Sachsen mehr Kinder aus Migrantenfamilien gäbe, dann hätte man sich auch dafür etwas einfallen lassen.

Nämlich?

Man könnte junge türkische Migranten in einer Schule bis zur Klasse zehn auf Türkisch und Deutsch unterrichten. Dann machen sie ihren Schulabschluss auf Deutsch und können auf weiterführende Schulen wechseln.

Sie fordern eine Türkenschule?

Was spräche denn gegen eine bilinguale, türkische Mittelschule? Es gibt sie ja auch in vielen anderen Sprachen. Die Jugendlichen könnten dort Deutsch lernen und würden gleichzeitig auf Türkisch Mathematik, Physik und andere Fächer lernen.

... und wären abgeschottet und wieder nur unter sich ...

Damit hätte ich persönlich weniger Probleme als mit der Tatsache, dass man diese Jugendlichen sich selbst überlässt und sie für Hartz IV ausbildet!

Interview: Katja Irle

Datum:  1 | 12 | 2008
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