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Irrtümer der Biologie: Bienen opfern sich nicht auf

Im Bienenstock herrscht genetische Vielfalt - und damit Konkurrenz. Von Frank Ufen

Bienen sterben nicht, weil sie stechen.
Bienen sterben nicht, weil sie stechen.
Foto: dpa

"Wenn die Bienen verschwinden", soll Albert Einstein behauptet haben, "hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr." Das ist übertrieben. Die Indianer Nordamerikas haben auch überlebt, obwohl die Honigbiene erst im frühen 17. Jahrhundert mit den europäischen Siedlern zu ihnen gelangte. Trotzdem hat Einstein Recht.

Ohne Zweifel ist die Honigbiene eines der wichtigsten Haustiere überhaupt. Allein von ihr werden 80 Prozent aller Nutzpflanzen bestäubt. Die Nahrungsmittel-Produktion würde um ein Drittel zurückgehen, müsste sie ohne Bienen auskommen, schätzen Experten. Als es 2007 in den USA zu einem mysteriösen Massensterben von Bienenkolonien kam, setzten verzweifelte Obst- und Gemüsebauern zur Bestäubung ihrer Pflanzen Hummeln und sogar gigantische Ventilatoren ein. Dabei zeigte sich sehr deutlich, dass die Bienen nicht zu ersetzen sind.

Der Würzburger Zoologe Jürgen Tautz hat ausgerechnet, dass die Mitglieder eines Bienenvolks im Frühling und Sommer durchschnittlich 7,5 Millionen Flüge zu den Blütenkelchen unternehmen und so insgesamt 20 Millionen Kilometer zurücklegen. Dabei werden etwa 30 Kilogramm Pollen und 600 Kilogramm Nektar in den Stock geschafft. Ist eine Biene auf eine ertragreiche Futterquelle gestoßen, unternimmt sie zunächst mehrere Flüge, um den kürzesten Weg zum Nest zu finden. Danach teilt sie ihren Artgenossen durch eine bestimmte Folge von Tanzbewegungen mit, in welcher Richtung zur Sonne und in welcher Entfernung vom Stock ergiebige Blütenkelche zu finden sind.

Dabei versetzt die Tänzerin das Wachs des Wabenbodens behutsam in Schwingungen, und diese Vibrationen verbreiten sich wie Funkwellen über den gesamten Untergrund. Auf diese Weise können im völlig finsteren Stock alle erforderlichen Informationen schnell und zuverlässig übermittelt werden, um erfahrene Bienen und Neulinge zum Informationsaustausch zusammenzuführen. Allerdings ist die Tanzsprache keineswegs einheitlich, und Bienen aus verschiedenen Kontinenten scheinen sich nicht ohne weiteres verständigen zu können.

Doch sind Bienen in der Lage, Fremdsprachen zu lernen. Tautz' Team ist es in Kooperation mit Wissenschaftlern aus China und Australien erstmals gelungen, europäische und asiatische Bienen zu funktionierenden Völkern zu vereinigen, indem die Forscher die spezifischen Erkennungsdüfte durch einen dritten, künstlichen Geruch überdeckten. Ist diese Schwelle erst einmal überwunden, ist "das Kommunikationssystem der Bienen also sehr anpassungsfähig und keineswegs unflexibel, wie man es bei Insekten erwarten sollte", erklärt Tautz.

Doch wie messen die Bienen die von ihnen zurückgelegte Entfernung? Bisher hat man angenommen, dass sie das an ihrem Energieverbrauch ablesen können. Doch nach Tautz' Erkenntnissen verfügen sie über einen optischen Kilometerzähler, der sich an den während der Flüge vorbeiziehenden Bildern orientiert. Dieser Kilometerzähler läuft desto langsamer, je monotoner das überflogene Terrain ist.

Das Sammeln von Nektar und Pollen ist immer das Privileg der ältesten Mitglieder des Bienenstocks. Denn dieser Job ist der gefährlichste und anspruchsvollste. Erstaunlich ist, wie viele Spezialistinnen es bei den Bienen gibt: Fluglotsinnen, Tankwartinnen, Polleneinstampferinnen, Heizerinnen, Wächterinnen, Bestatterinnen, Ammen und Hofdamen. Über allen thront die Königin, die ein Bindungspheromon produziert, um ihr Volk zusammen zu halten.

Doch was passiert, wenn aus dem Bienenstock alle Sammlerinnen oder alle Spezialistinnen entfernt werden? Tautz' aktueller Befund: Sehr schnell ist die arbeitsteilige Organisation wieder hergestellt. Die Bienen züchten sich die nötigen Arbeitskräfte eigens heran. Bis vor kurzem hat man geglaubt, dass sämtliche weiblichen Mitglieder eines Bienenvolkes als Töchter derselben Königin 75 Prozent der Gene gemeinsam haben, und sich wegen dieser engen Verwandtschaft ohne zu zögern für die Gemeinschaft aufopfern würden. Doch nun weiß man, dass die Königinnen sich gern von Dutzenden Drohnen begatten lassen. Das Evolutionsziel, möglichst viele eigene Gene weiter zu geben, wird also - anders als gedacht - nicht über die Gemeinschaft erzielt.

Es stimmt auch nicht, dass eine Biene Selbstmord begeht, wenn sie einen Menschen sticht. Sie hat nur das Pech, dass die Evolution ihr einen Giftstachel verpasst hat, der in menschlicher Haut steckenbleibt. Versuchen sie, ihn rauszuziehen, reißen sie einen Teil ihres Hinterleibs ab. Bienen, die Bienen stechen, sterben daran nicht.

Als ebenso falsch hat sich die Auffassung erwiesen, dass Bienen Honig produzieren, um sich davon zu ernähren. In erster Linie dient der Honig als Brennstoff, denn im Brutnest müssen ständig Temperaturen zwischen 33 bis 36 Grad Celsius herrschen. Ist es draußen zu kühl, erzeugen Heizerbienen Wärme, indem sie ihre Flugmuskulatur unermüdlich zittern lassen. Dafür benötigen sie eine ungeheure Menge Energie, die ihnen der Honig liefert.

In tropischen Ländern, wo die Außentemperaturen nur selten zu niedrig sind, ist es die Hauptaufgabe der Heizerbienen, für Abkühlung zu sorgen. Von Zeit zu Zeit betätigen sie sich als Ventilatoren, indem sie ihre Flügel schwirren lassen. Oft wird zusätzlich Wasser in den Stock geschafft, damit die Luft durch Verdunstung noch stärker abkühlt. Da das wesentlich weniger energieaufwändig ist, können es sich die tropischen Bienen leisten, ziemlich faul zu sein - sie brauchen keine umfangreichen Honigvorräte.

Autor:  FRANK UFEN
Datum:  9 | 4 | 2009
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