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27. März 2016

Israel: Meilenstein in der binationalen Freundschaft

 Von 
Schüler aus Nürnberg und Tel Aviv beim gemeinsamen Ausflug nach Masada, einer ehemaligen jüdischen Festung über dem Toten Meer.  Foto: Shelly Kantarovich

Wenn nur „der, die, das“ nicht wäre. Ab der zehnten Klasse können Schüler in israelischen Schulen Deutsch als Fremdsprache wählen. In den frühen Jahren nach der israelischen Staatsgründung war Deutsch noch verpönt.

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TEL AVIV –  

Das Wort „schwänzen“ kennen sie bereits. Real geschwänzt wird aber wenig im Deutschunterricht am Ironi Aleph Gymnasium in Tel Aviv. Dort können die Schüler ab der zehnten Klasse Deutsch als Wahlpflichtfach wählen. Und wer das tut, sagt Lehrerin Shelly Kantarovich, ist zumeist hochmotiviert. Die Bundesliga hat daran ihren Anteil. „Viele meiner Schüler konnten vorher kein Wort Deutsch außer Fußballjargon.“ Unter Israelis ist das Verfolgen der Spiele von Bayern München und anderer Bundesligisten im Fernsehen ausgesprochen beliebt.

Es gibt andere Gründe mehr, die Sprache zu lernen. Manchmal hat das auch mit der Familiengeschichte zu tun, so wie im Fall der 17-jährigen Ofri aus der „Elf“, die Kantarovich an diesem Morgen unterrichtet. Ofris Großeltern sind in Frankfurt am Main geboren und vor den Nazis in das britische Mandatsgebiet Palästina geflüchtet. Unter sich sprachen sie Deutsch, aber mit Ofris Vater Hebräisch. Er sollte ein richtiger „Sabra“, ein im Land geborener Israeli, werden. Aber dass die Enkelin unter den vielen Fächern im Angebot – am Ironi Aleph Gymnasium zählen dazu neben Arabisch auch Kunst und Musik – sich für Deutsch entschieden hat, darüber, sagt Ofri, „sind sie richtig glücklich“. Dauernd erkundigten sie sich nun, „wie es mit meinem Deutsch läuft“.

In den frühen Jahren nach der israelischen Staatsgründung war Deutsch noch als „Sprache der Täter“ verpönt. Viele aus Deutschland eingewanderte Juden redeten in ihrer Muttersprache nur daheim. Unter jungen Israelis spielen solche Vorbehalte kaum noch eine Rolle. Keiner der 13 Schüler, die gerade in Kantarovichs Klasse die Lektion „Wir gehen auf Reisen“ gebüffelt haben, erwähnt derartige Bedenken. Sie lernen Deutsch, weil es in der Schule anders als etwa im Goethe-Sprachkurs nichts kostet, weil es vielleicht später Türen im Beruf öffnet oder wie einige bekennen „einfach nur zum Spaß“.

Selbstverständlich ist das angesichts der vom Holocaust überschatteten deutsch-jüdischen Geschichte nicht. Der Beschluss, Deutschunterricht in staatlichen israelischen Schulen einzuführen, gilt als Meilenstein in dieser besonderen Beziehung und wurde als Erfolg der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen gefeiert. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten Erziehungsminister Naftali Benett und der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik, im Juli 2015.

Abitur in Deutsch abgelegt

Es gab allerdings Vorläufer: Voran die Rabin Highschool im südlichen Eilat, an der bereits im gleichen Jahr acht Schüler erfolgreich das Deutsche Sprachdiplom bestanden. Die Oberschule, benannt nach dem ermordeten israelischen Premier Jitzchak Rabin, gehört inzwischen zu den tausend Sprachdiplomschulen weltweit, die von der ZfA (Zentralstelle für Auslandschulwesen) gefördert werden. Auch an einer Schule in Haifa wird in den Nachmittagskursen Deutsch schon seit den frühen 1990er Jahren angeboten. Fast von Anfang an dabei ist Rita Lanczet, die viele ihrer Schüler aus den Deutsch-AGs so erfolgreich unterrichtet hat, dass sie sogar das Abitur in Deutsch bestanden.

Jahrzehntelang wurde diese Prüfung außerschulisch beim Goethe-Institut in Tel Aviv abgelegt. Jetzt, nach der offiziellen Einführung von Deutsch als Fremdsprache im Regelunterricht, hat das israelische Erziehungsministerium diese Aufgabe übernommen. Etwas Bammel hat auch Lehrerin Lanczet, „was die Ministerialbeamten erwarten“. Das verlangte Lernniveau ist zwar definiert. Aber früher beim Goethe-Institut wusste Lanczet aus langjähriger Erfahrung auch, „was beim Test auf die Schüler zukommt, immer dabei ein paar Fragen aus der Literatur“.

Eine Kooperation zwischen staatlicher Behörde und Goethe-Institut, das israelischen Lehrern ohnehin didaktische Materialien sowie Seminarstipendien anbietet, wäre wohl praktischer gewesen. Qualitativ und auch quantitativ ist die Spracharbeit des deutschen Kulturinstitutes in Israel nicht so schnell zu schlagen. Um die 2000 Israelis schreiben sich jährlich in die Deutschkurse in Jerusalem und Tel Aviv ein, berichtet Jörg Klinner, der dort die Sprachabteilung leitet.

Aber Deutschlernen an israelischen Schulen hat seinen eigenen Reiz. Nicht zuletzt profitiert davon der Schüleraustausch. 16 Schüler des Ironi Aleph Gymnasiums waren vergangenes Jahr in Nürnberg, auch auf dem ehemaligen Reichsparteitaggelände, was, so Lehrerin Kantarovich, „ein sehr intensives, sehr bedrückendes Erlebnis war.“ Gerade auch, weil es keineswegs selbstverständlich ist, dass junge Deutsche und Israelis eine solche NS-Gedenkstätte gemeinsam besichtigen. Dieses Jahr kamen die Nürnberger Schüler auf Gegenbesuch nach Tel Aviv, trotz mancher Sicherheitsbedenken wegen der „Messer-Intifada“.

Gelegenheit auch für Kantarovichs Klasse, ihr Deutsch auszuprobieren, ohne immer nur an Grammatik zu denken. „Deutsch ist schon speziell mit all diesem Der, Die, Das“, lautet die vielfach gehörte Schülerklage in Tel Aviv. Andererseits, meint der 17-jährige Daniel, sei das Vokabellernen nicht so schwer, weil viele deutsche Wörter wegen der lateinischen Herkunft englischen ähnelten. Manche sind über das Jiddische sogar mit dem Hebräischen verwandt.

Zudem lockt das Ziel, das sich Daniel und einige Klassenkameraden aus der „Elf“ gesetzt haben: Nach Abi und Militärdienst wollen sie in Deutschland studieren. Am liebsten in Berlin. „Das“, so Daniel, „ist mein Traum.“

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