Immer, wenn das Abitur ansteht, geht Christina Rösch die Noten ihrer Schüler durch. In jedem Jahr gibt die Schulleiterin den besten mit dem Abgangszeugnis eine weitere Chance mit auf den Weg: Sie schlägt sie bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes für ein Stipendium vor. Wie schon oft war letzten Sommer unter den zweien, die sie meldete, ein junger Türke. Der 19-Jährige hatte nicht nur ein Spitzenabitur. Er hatte sich auch jahrelang durch besonderes Engagement an seiner Kreuzberger Schule hervorgetan.
Diese Geschichte passt so gar nicht zu den wenig erfreulichen (und neuen) Erkenntnissen, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung diese Woche präsentierte: Nur jeder siebte türkische Einwanderer hat Abitur, fast jeder Dritte gar keinen Abschluss. Fast eben so viele sind arbeitslos. In der Hauptstadt ist die Lage noch ernster. Andererseits leben hier aber auch mehr erfolgreiche Migranten als anderswo.
Christina Rösch, Leiterin der Kreuzberger Leibniz-Oberschule mit mehr als einem Drittel Schülern nicht-deutscher Herkunft, will der Integrationsstudie gar nicht widersprechen. "Aber es gibt eben auch die anderen," sagt sie, "die sind auf dem Weg zum Abitur, auf die Uni, hoch talentiert und motiviert." Darüber, was die einen von den andren unterscheidet, könnte man - wie bei Deutschen auch - ewig philosophieren. Zentral sei aber der Faktor Familie. "Ob Eltern gebildet sind, ist dabei nicht entscheidend," sagt die Direktorin, "es kommt darauf an, dass sie ihre Kinder in ihrem Engagement und ihrem Bildungswillen unterstützen."
Elternhaus ist entscheidend
Das Elternhaus hält auch Migrationsexperte Ulrich Raiser für entscheidend. Als er für eine wissenschaftliche Studie erfolgreiche Griechen und Türken suchte, einte die meisten eins: Ihre Familien hatten es geschafft, ihre in Deutschland gern als Makel betrachtete Migrationsgeschichte zum "kulturellen Kapital" umzudeuten. Statt als Problem betrachteten sie ihre Herkunft als Ressource und Antriebsmotor: "Es gibt Eltern, die sagen ihren Kindern: ,Wir sind hierher gekommen, um ein besseres Leben zu führen - und das wirst du jetzt auch schaffen!' Das hilft enorm."
Eine wesentliche Rolle könnten auch ältere Geschwister spielen. Als Bildungsvorbilder, aber auch, weil sie bereits gelernt hätten, sich in dem komplexen deutschen Bildungssystem zurechtzufinden. Denn, meint der Soziologe, "man muss auch klar sagen: Das Schulsystem mit seiner frühen Auslese wirkt strukturell diskriminierend."
Über den Erfolg der nach dem ersten Pisa-Schock eingeleiteten Maßnahmen, von Sprachförderung für Vierjährige bis zu Integrationskursen für Erwachsene, sagt die Berlin-Studie auf Basis des Mikrozensus von 2005 naturgemäß nichts aus. Experten bezweifeln aber auch ihre Aussagekraft über den Integrations(un)willen irgendeiner Bevölkerungsgruppe.
Die Studie vernachlässige die Versäumnisse der deutschen Gesellschaft, konstatiert Erziehungswissenschaftler Heinz Reinders. Auch das gemessene Integrationsdefizit stimme "nur strukturell". In einer Langzeitbeobachtung türkischstämmiger Jugendlicher im Rhein-Neckar-Raum kommt der Würzburger Wissenschaftler zu anderen Ergebnissen: "Der Wille zur Integration ist da. Und er nimmt zu."
Immer mehr Jugendliche sprächen zuhause deutsch und wünschten sich zudem auch deutsche Freunde. Alleine zwischen 2005 und 2007 stieg ihr Anteil unter den 12- bis 17-Jährigen von deutlich unter 60 auf über 60 Prozent. Diese jungen Leute wollten als gut gebildete Menschen in Deutschland ein gutes Leben haben", sagt Reinders: "Die wollen ihr Leben nicht in der Döner-Bude des Onkels verbringen".
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