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Kinder unter Aufsicht: Fußfessel im Schulranzen

Kindertherapeut Wolfgang Bergmann erklärt, warum zu viel Überwachung Kindern schadet.

Wolfgang Bergmann leitet das  Institut für Kinderpsychologie (IFL) in Hannover.
Wolfgang Bergmann leitet das Institut für Kinderpsychologie (IFL) in Hannover.
Foto: privat

Eltern sollten sich genau überlegen, ob sie ihre Kinder mit einem Handy oder GPS-Gerät ständig orten können wollen. "Für die Entwicklung von Kindern ist das problematisch, weil diese eigene Bereiche brauchen, wo sie nicht kontrolliert werden, wo sie sich ab und an daneben benehmen können", sagt der Kindertherapeut Wolfgang Bergmann, der das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie (IFL) in Hannover leitet. Kinder müssten sich auch mal als die Stärksten und unabhängig fühlen können. "Doch in der heutigen Pädagogik haben wir einen Trend, die Kinder immer enger zu kontrollieren."

Das aber tue ihnen nicht gut, warnt Bergmann. "Das permanente Intervenieren von Eltern oder Erziehern führt zur Unselbständigkeit und zur übermäßigen Bindung an die Eltern, vor allem an die Mutter", erklärt Bergmann das Problem. Dies sei gerade für Jungen heikel, weil diesen die Abgrenzung, die Ich-Werdung dann besonders schwer falle. "Wir nehmen den Kindern die Möglichkeit, sich selbst zu erproben, wodurch sie schwächer werden, als sie sein müssten."

Wenn Eltern ihren Sprösslingen nötige Erfahrungen ersparten, werde es auch schwerer, ein Gespür für Erlaubtes und Verbotenes zu entwickeln. Als Folge davon fehle den Kindern auch das Erleben, dann und wann das Verbotene und eine mögliche Strafe zu riskieren - selbstverständlich mit schlechtem Gewissen.

Kinder schafften das jedoch, wenn sie sich grundsätzlich geliebt und geachtet fühlten. "Moderne Kinder haben in bedenklichem Maße kein schlechtes Gewissen mehr", hat Bergmann durch seine Arbeit mit Kindern erfahren. Ihnen fehlten das Vorbild und das Gefühl für das, was sich gehört und was nicht. "Das innere, die Kinder stabilisierende Bild der Eltern entwickelt sich nicht oder nicht richtig; es wird ersetzt durch das äußere Bild der elterlichen Kontrolle", erklärt der 60-Jährige das Manko psychoanalytisch.

Unbewusst empfinden die Kinder so: Das GPS-Handy sieht quasi alles, Big Mother is watching you. Leider bilden sich Bergmann zufolge auf diese Weise eigene Maßstäbe von Falsch und Richtig nicht oder nur begrenzt heraus.

Das Gefühl, von den Eltern überwacht zu werden, hat aus Sicht des renommierten Kinderpsychologen eine betrübliche Folge: "Unter einer Pädagogik von Kontrolle und Gehorsam leidet unser Vertrauen in die Kinder und deren Vertrauen in uns Erwachsene." Auch das ständige Wissen um den Aufenthaltsort des Kindes schädige dieses Vertrauen. W.S.

Datum:  6 | 1 | 2009
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