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22. Dezember 2015

Klimaschutz: Vertreibung als Umweltprojekt

 Von Susanne Götze
Der Wald kommt immer näher und nimmt den Bauern Land weg.  Foto: Adrien Tasic/Susanne Götze

In Uganda bedrohen Waldprojekte für den Klimaschutz sowohl die Kleinbauern als auch die Biodiversität. So rücken die Kieferplantagen des Unternehmens Green Resource immer näher an Siedlungen.

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Wer einen Baum pflanzt, ist ein guter Mensch. In Zeiten des Klimawandels gibt es wohl kaum etwas Verdienstvolleres, als sich für Aufforstung zu engagieren. Wald bedeutet frische Luft, Tiergewimmel, Vogelgezwitscher – kurz: Leben. Dafür kann man beruhigt Geld spenden, damit kann man ruhigen Gewissens werben. So ist es jedenfalls in Deutschland. Für die Bewohner des Dörfchens Nakalanga im ugandischen Busch, 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Kampala, ist es genau umgekehrt. Wer hier einen Baum pflanzt, ist ein schlechter Mensch. Mit dem Klimawandel haben die 3000 Bewohner nichts zu tun, sie leben in tiefer Armut. Wald bedeutet für sie Hunger und Angst, kurz: Tod. Die Kiefernplantage des norwegischen Unternehmens Green Resource rückt immer näher an ihre Siedlung und nimmt ihnen Land weg. Wo ein Baum wächst, kann kein Gemüse wachsen. Sie leben eingeklemmt zwischen den Ufern des Viktoriasees und den Kiefernsetzlingen.

Die Straßen von Kampala nach Nakalanga sind unbefestigt, von starken Regenfällen in unzählige Rinnen und Schlammlöcher zerfasert. Nur die letzten Kilometer führt eine Kiesstraße zum Dorf. Die hat Jam Atube William für seine Leute gebaut. Er ist seit 16 Jahren Chairman, Gemeindevorsteher von Nakalanga und zwei anderen Dörfern. Mit seinen Gummistiefeln, seinem alten Hemd und dem Anglerhut sieht er nicht aus wie ein Politiker. „Die Menschen hier brauchen das Land zum Überleben, es sind arme Leute: Fischer, einige haben Hühner, eine Kuh und bauen etwas Gemüse an“, erklärt William und läuft nach allen Seiten grüßend durchs Dorf, das aus Lehmhütten und Holzverschlägen besteht. „Seit über 30 Jahren warten wir auf das Land, das uns die Regierung nach der Vertreibung versprach – vergebens.“

Als die Regierung in Kampala 1989 beschloss, aus dem Buschland ein Waldschutzgebiet zu machen, mussten die Leute an jenem Ort umziehen, der heute Nakalanga heißt. In den 1990er Jahren kam der Holzkonzern Green Resource. Der pachtete damals 12 000 Hektar, seitdem lässt er fleißig Bäume pflanzen. Laut Studien des kalifornischen Oakland Instituts werden dazu auch Herbizide verwendet. Das erklärt, warum es zwischen den Baumreihen so kahl ist. Statt Biodiversität zu fördern, wird diese reduziert. Mittlerweile sind die meisten Bäume große und kräftige CO2-Speicher. Für diese Treibhausgassenken – Bäume oder Moore, die Kohlendioxid binden – bekommt der Konzern Geld. Denn seit gut zehn Jahren ermöglicht der weltweite Kohlenstoff-Markt das Handeln mit CO2-Zertifikaten. Green Resource generiert diese aus seiner Plantage und verkaufte sie unter anderen an die schwedische Energieagentur. Allein im Geschäftsjahr 2013/2014 nahm die Firma so rund eine halbe Million Dollar zusätzlich ein. Doch da Green Resource vor allem ein Holzkonzern ist, werden die Bäume in der anliegenden Sägerei zu Produkten, die man gewinnbringend auf dem Weltmarkt verkaufen kann. Ein win-win-Geschäft. Erst mit dem Baum als CO2-Senke, dann als Brett oder Bohle. Noch wird vor allem der lokale Markt beliefert. Doch schon bald soll das Holz auch an andere Länder verschifft werden.

William hat seine Leute derweil unter den Versammlungsbaum in Dorf Nakalanga zusammen gerufen. 100 Meter weiter unten ziehen Fischer ihre Boote an Land und sammeln ihren Fang aus den Netzen. „Auch Frauen müssen her!“, ruft einer. Nach einer halben Stunde sitzen rund 20 Männer und Frauen zusammen und sprechen von ihrer Angst und ihrer Vertreibung. Sie haben kaum mehr Hoffnung, dass Green Resource ihnen Land zurückgibt.

Gleich neben der Plantage: die Sägerei.  Foto: Adrien Tasic/Susanne Götze

Im Nachbardorf Walumbe wiederholen sich die Geschichten. „Wo sollen wir denn hin, was wollen sie mit uns machen?“, fragt der junge Dorfbewohner John und weist auf die Kiefernbäume hinter den Lehmhütten. Er trägt ein weißes Hemd und erzählt etwas verlegen seine Geschichte: „Ich will studieren, aber ohne Land können wir kein Gemüse auf dem Markt verkaufen und deshalb werde ich wohl weiter arbeiten statt zur Schule zu gehen“.

Die Firma hingegen sieht sich selbst als Umweltschützer und sozialer Wohltäter: „Wir glauben, dass Carbon-Projekte der lokalen Bevölkerung mehr helfen als andere Projekte“, wirbt die Firma auf ihrer Internetseite. Deren ugandische Projektmanager verstehen die ganze Aufregung nicht: „Diese Menschen leben in einem Waldschutzgebiet und es kommen immer mehr hierher – das ist gegen das Gesetz“, meint der Manager Isaac Kapalaga von Green Resource. Die Firma bot den Dorfbewohnern an, selbst zu pflanzen, um damit irgendwann einmal Geld zu verdienen. „Doch die meisten Bewohner verstehen nicht, was eine Investition in die Zukunft ist“, moniert die lokale Oberförsterin in Bukaleba, Nyamaizi Nsamba Teddy. Ein Irrtum: „Wenn wir hier einen Baum pflanzen, müssen die Menschen 20 Jahre warten, bis sie einmal Geld bekommen – wenn sie es dann wirklich bekommen. Bis dahin bringt der Baum uns nichts. Keine Früchte, kein Geld, keine Hilfe. Er steht einfach nur da und nimmt Platz weg“, erklärt der Umwelt- und Menschrechtsaktivist David Kureeba von Friends of the earth Uganda.

Er unterstützt die Gemeinden seit Jahren im Kampf um ihr Land. „Green Resource ist kein Einzelfall, Landgrabbing – also die Vertreibung von lokaler Bevölkerung – hat System in unserem Land.“ Aufgrund weiterer Plantagenprojekte im Nordwesten und Ölbohrungen in der Nähe der Stadt Hoima hätten tausende Menschen bereits ihre Heimat verlassen müssen. „Das Holz und das Land, auf dem es wächst, ist nur eine weitere Ressource, die sie unserem Volk wegnehmen, zuerst die Bodenschätze und nun natürlichen Rohstoffe“, erklärt Kureeba verbittert. Den Handel mit CO2-Zertifikaten hält der 43-Jährige für ein Alibi der reichen Industrieländer: „Die Menschen hier haben nie etwas zum Klimawandel beigetragen – warum spart Europa nicht selbst sein CO2 ein?“

Langsam spricht sich auch in Europa herum, dass Holzplantagen in Afrika soziale und ökologische Nebenwirkungen haben. Nachdem Wald als CO2-Senke sich in Europa lange Zeit als „gutes Projekt“ verkaufte, hat nun die schwedische Energieagentur erste Konsequenzen aus den lokalen Konflikten gezogen. Im November fror sie die Zahlungen an Green Resource ein, vier Millionen Dollar für weitere Zertifikate sind in der Pipeline. Begründung: Solange das Unternehmen sich nicht mit den sozialen Konflikten auseinandersetze, werde kein Geld fließen.

Susanne Götze ist Redakteurin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert. Dieser Text wurde mit Unterstützung des Netzwerks Recherche und der Olin Stiftung recherchiert.

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