Im Urwald lauert Gefahr. Dahin träumten sich frühere Generationen mit ihren Abenteuern. Das mag so noch immer sein. Doch der Blick auf Risiken hat sich gewandelt. Durchorganisierter Tourismus zeigt die einstige Grüne Hölle heute eher romantisch verklärt. Und wenn wir an die Dschungel des Amazonas denken, sehen wir Gefahr vor allem für deren Existenz. Eine Frau aber wollte den ganzen Reichtum Amazoniens festhalten.
"Die Mutter Theresa der Regenwälder", wie der britische Radiosender BBC Margaret Mee einmal nannte, fand erst spät zu ihrer Bestimmung. Geboren 1909 in England, studierte sie Kunst und ging 1951 nach Brasilien, wo sie an einer Schule unterrichtete. Später arbeitete sie als wissenschaftliche Illustratorin für ein Institut und kam darüber in Kontakt mit Botanikern vieler Länder. Die dramatischen Umwälzungen Amazoniens riefen endlich die Kämpferin in ihr auf die Bühne.
Ihre erste Expedition in die Regenwälder des Amazonas startete sie 1956, es wurden dann fünfzehn insgesamt. Gefahr? Da fiel ihr später vor allem jener betrunkene Goldsucher ein. Sie wohnte im Dorf der Tucano, als er in unzweideutiger Absicht in ihre Hütte eindrang. Aber sie war gewappnet: "Ich stieß ihm meinen Revolver in seinen Magen", erzählte sie später, "das gab ihm einen Schock." Vieles von ihrem Wissen um die Pflanzenwelt verdankte sie den Indianern, und sie hielt es in ihren Notizen fest.
Hunderte von Gouachen schuf Margaret Mee, an denen Kenner die unvergleichliche Kombination ästhetischer Schönheit und botanischer Genauigkeit rühmen. Sie trug die Farben also deckend auf, im Gegensatz zum lasierenden Aquarell.
Jene Technik kam ihrem Anspruch an penible Exaktheit noch im kleinsten Detail sicher mehr entgegen und war vielleicht auch praktikabler bei der Arbeit im Dschungel. Denn sie bestand darauf, ihre Funde direkt dort zu malen, wo sie wuchsen. Auch das verleiht ihnen ihre hohe Authentizität.
Trieb sie Entdeckergeist oder wollte sie bewahren? Immerhin fand sie eine ganze Reihe Pflanzen, die der Botanik noch unbekannt waren. Für Margaret Mee lief das aufs gleiche hinaus. "Die bisher unentdeckten Pflanzen werden wahrscheinlich zuerst ausgelöscht sein, eben weil sie selten sind", sagte sie in einem Interview kurz vor ihrem Tod: "Es gibt am Amazonas Ökosysteme, wo man eine bestimmte Pflanze finden kann, die nirgendwo sonst in Amazonien vorkommt."
Vermutlich haargenau rechnen uns Statistiker vor, wie ungleich höher das Risiko ist, im Dickicht der technischen Zivilisation durch einen Unfall zu sterben als im Gerank der Grünen Hölle. Tatsächlich verlor Margaret Mee ihr Leben 1988 bei einem Autozusammenstoß - Ironie des Schicksals - mitten im beschaulichen England.
Und sie hatte in jenem Moment ihr Leben nicht einmal in der Hand, denn Mee saß auf dem Rücksitz. Ihre Pläne zielten auf eine Rückkehr nach London und das Sichern ihres umfangreichen Werkes für die Wissenschaft. Es gelang ihr nur unvollkommen: Gerade jetzt wieder bot ein Auktionshaus Bilder und Bücher aus ihrem Nachlass zum Verkauf. Ästheten und Sammlern sind sie hohe Summen wert.
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