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Kommandozentrale Gehirn: Wo die Liebe wohnt

Dass Glücksgefühle süchtig machen, ließen Experimente mit Ratten vermuten. Vor 50 Jahren entdeckten Forscher, dass Ratten von der elektrischen Stimulation des Glückszentrums, das eigentlich ein Lernzentrum ist, gar nicht genug bekamen. Die Ratten konnten den elektrischen Reiz durch Druck auf einen Hebel in ihrem Käfig selbst auslösen und drückten den Knopf immer wieder. Manche Tiere vergaßen zu essen und zu trinken und starben vor lauter Knopfdrücken. Da das Glückssystem beim Menschen nicht auf Knopfdruck sondern als Folge eines Vergleichs anspringt, wenn etwas besser ist als erwartet, ist es nicht auf Dauerbetrieb angelegt. Gewöhnung sorgt dafür, dass wir uns nicht lange glücklich fühlen, allenfalls dauernd danach streben.

Natürlich geht es bei Liebe auch um Sex und Hormone, allen voran das männliche Hormon Testosteron. Es steuert den Trieb und führt mit etwas Glück und den entsprechenden Umständen zur Kopulation und zur Fortpflanzung. "So einfach ist die Sache aber nicht. Zunächst einmal: Testosteron gibt es nicht nur beim Mann, das gleiche Hormon gibt es auch bei der Frau", sagt Spitzer. Auch bei ihr regelt es das sexuelle Verlangen. Erst seit kurzem weiß man, dass umgekehrt Sex auch den Testosteronspiegel erhöht.

In einer italienischen Studie wurden impotente Männer in drei Gruppen geteilt, von denen die eine Psychotherapie, die andere Implantate und die dritte Gruppe Viagra bekamen. Nach drei Monaten zeigte sich, dass die Männer, die aufgrund der Behandlung wieder Sex hatten, ohne zusätzliche Gabe von Hormonen höhere Testosteronspiegel aufwiesen. "Diese Geschichte zeigt wieder einmal, dass wir im Gehirn keine Einbahnstraße vorliegen haben von der Biologie zur Psychologie und zum Verhalten, sondern dass es in beide Richtungen geht: Das Testosteron macht Sexualverhalten und Sexualverhalten macht Testosteron", so Spitzer.

Ein weiterer Stoff, aus dem die Liebe ist, heißt Oxytocin. Bei der Geburtshilfe wird es schon länger eingesetzt, da das Hormon die Wehen einleitet. Beim Stillen steigen dann die Oxytocin-Werte sowohl der Mutter als auch des Säuglings. "Oxytocin bewirkt auch etwas im Gehirn: Die Mutter verliebt sich unsterblich in den kleinen Knirps", erklärt Spitzer. Die Kinder bauen ebenfalls eine starke Bindung zur Mutter auf. Funktioniert das nicht, sind sie ihr ganzes Leben eher scheu, verschlossen und wenig neugierig.

Da das Glückssystem der ersten Verliebtheit nicht auf Dauer angelegt ist, ist für die bleibende Liebe zwischen Mann und Frau Bindung äußerst wichtig. Auch hier kommt Oxytocin ins Spiel. Es wird vom Hypothalamus nicht nur beim Stillen ausgeschüttet sondern auch durch zärtliche Streicheleinheiten, sanfte Massagen und beim Sex.

Sex hat auch eine soziale Funktion

Vor allem beim Mann wirft Sexualität Bindungsprozesse an, die langfristig für eine stabile Paarbeziehung sorgen und somit dafür, dass das Kind Eltern hat, die sich um es kümmern. "Der Mensch kommt sehr unvollkommen auf die Welt und braucht Eltern mehr als alle anderen Wesen im Tierreich", stellt Spitzer fest.

In einem Experiment an der Uni Zürich zeigte sich, dass die Personen, die zuvor Oxytocin-Nasenspray geschnüffelt hatten, doppelt so großzügig handelten wie die Placebo-Gruppe. "Unsere Studie hat gezeigt, dass Oxytocin das soziale Vertrauen mehr als verdoppelt", erklärt Studienleiter Professor Markus Heinrichs. Oxytocin ist somit die biologische Basis des Vertrauens und der sozialen Bindungsfähigkeit schlechthin.

"Konservative Vertreter mancher Religionsgemeinschaften, die den Sex sehr einseitig nur im Hinblick auf die Reproduktion sehen, liegen daher naturwissenschaftlich betrachtet ganz eindeutig falsch. Sex dient keineswegs nur dem Austausch von Keimzellen mit dem Ziel der Produktion der nächsten Generation", betont Spitzer. "Nein, Sex ist viel vielfältiger. Sex hat auch eine soziale Funktion und dient unter anderem dazu, dass sich Paare fest an einander binden und damit die Voraussetzung schaffen, dass Gemeinschaft funktioniert, langfristig besteht und damit die Kinder eine Chance haben, mit Vater und Mutter aufzuwachsen", sagt Spitzer. Im Hinblick auf die Funktion von Sex in der Ehe irre die Kirche.

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Autor:  MARGIT MERTENS
Datum:  27 | 6 | 2009
Seiten:  1 2
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