Auf Höhe des Herzens klafft ein Loch. Blut tropft heraus. Der Schädel wird gerade von einer Kugel zertrümmert. Ebenso die Unterschenkel. Noch steht der Mensch, der da beschossen wird. Aber seine Augen sind schon leer.
Es ist eine krakelige Kinderzeichnung, die Herbert Scheithauer da auf seinem Schreibtisch liegen hat. Auf den ersten Blick eilig hingehuscht, Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Totengesicht. Sie könnte von einem Sechs-, einem Siebenjährigen stammen, wären da nicht die Maschinengewehre am Bildrand, die mit ungeheurer Präzision gestaltet wurden - ganz so, als sei der Zeichner bestens mit Waffen vertraut. Es ist ein beängstigendes Bild. Es ist eine Drohung mit Bleistift. Es ist eines der Lecks, nach denen Herbert Scheithauer sucht.
Herbert Scheithauer ist Psychologe an der Freien Universität (FU) Berlin. Der 39-Jährige leitet dort den Bereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie. Er ist Mit-Gründer der Initiative "fairplayer" (www.fairplayer.de), die sich für die Förderung von Toleranz, Integration und Zivilcourage unter Kindern und Jugendlichen einsetzt.
Das Leaking Projekt, von Englisch "leaking" - tröpfeln, leckschlagen, das Scheithauer leitet, erforscht schwere zielgerichtete Gewalt an Schulen. Es basiert auf der Erkenntnis, dass in fast allen Fällen von Tötungshandlungen an Schulen diese zuvor vom Täter angekündigt worden waren.
Hinweise werden direkt gegeben - über Zeichnungen, Comics, Graffiti, SMS und/oder indirekt, indem sich die potenziellen Täter demonstrativ für Waffen interessieren, Tarnkleidung tragen oder mit vergangenen Amoktaten beschäftigen. Zudem fanden die Forscher heraus, dass zwischen Tatentschluss und Tattag oft ein sehr langer Zeitraum liegt, in dem sich die Hinweise des Täters häufen. Die Schlussfolgerung Scheithauers ist, dass es möglich sein muss, ein "Melde- und Reaktionssystem zu entwickeln, das Amok- und andere Gewalttaten verhindern helfen soll".
]Als Beispiel für eine durch "Leaking" verhinderte Amoktat gilt ein Fall aus Köln: Dort entdeckten Schüler 2007 auf der Internetseite eines 17-Jährigen Drohungen gegen eine Schule. Nach einem Polizeiverhör warf sich der Jugendliche vor eine Straßenbahn und starb. Bei der Wohnungsdurchsuchung entdeckten Beamte Waffen und eine Liste mit den Namen von Lehrern und Schülern. Ein als Mittäter beschuldigter 18-Jähriger wurde festgenommen. Interaktive Grafik: Jugendgewalt
Bilder dieser Art hat der freundliche Professor in den vergangenen Jahren zu Hunderten gesichtet. In Din-A-4-Hefte gekritzelte Exzesse, klaffende Wunden, an die kein Tintenkiller drang, halb wegradierte Erschießungen. Dazu Sprüche auf Klotüren, Schmierzettel mit eindeutigen Drohungen, Einträge in Internetforen, manchmal nur ein Satz, manchmal so detailliert, dass man sie für das Drehbuch zu einer Gewaltorgie halten könnte. Es ist ein monströses Archiv von Gewaltphantasien, das Scheithauer im Lauf der Zeit gesammelt hat. Herausgetröpfelt aus Kinderköpfen. Jede einzelne von ihnen womöglich ein Hinweis - darauf, was noch folgen könnte. "Wir versuchen, sie zu deuten", sagt der Psychologe. Um Schlimmeres zu verhindern. Um junge Menschen zu erreichen, bevor sie vom Stift zur Waffe greifen.
Im Frühjahr 2003 saßen in Bremen Polizisten, Wissenschaftler und Lehrkräfte beisammen, um zu verstehen, was Schüler tollwütig werden lässt. Ein Jahr nach dem Schulmassaker von Erfurt war gerade das neue Waffenrecht novelliert worden - "verschärft", sagen manche - 13-, 14-, 15-jährige Pennäler hatten daraufhin ihre neuerdings verbotenen Wurfsterne, Butterflymesser, Totschläger bei der Polizei abgeliefert.
Am Ende stand man in Bremen vor einem Berg von Mordwerkzeugen und wunderte sich. So viel potenzielle Gewalt. Und so wenig, was man darüber weiß. Eines aber wussten die Experten schon damals: dass in den USA jeder tödliche Amoklauf zuvor von dem Täter auf die eine oder andere Weise angekündigt worden war. Dass es also Hinweise gegeben hatte, zum Teil verblüffend konkret, die aber niemanden rechtzeitig alarmiert hatten.
Mit einem kleinen Team machte es sich Herbert Scheithauer zur Aufgabe, diesen Hinweisen auch in Deutschland nachzuspüren. Er nennt sie "leaks" - Lecks in der Persönlichkeit junger Menschen. Das "Leaking-Projekt" startete schließlich 2006 an der Freien Universität Berlin.
In einem schmucklosen Büro mit jagdgrünem Teppich hat Scheithauer inzwischen eine umfassende Chronologie des Grauens erfasst. Sie verbirgt sich in nüchternen Tabellen mit Namen, Orten, Jahreszahlen. Andreas S., 15 Jahre alt, 1999, Meißen; Adam L., 22 Jahre alt, 2002, Freising; Robert S., 19 Jahre alt, 2002, Erfurt; Florian K., 16 Jahre alt, 2003, Coburg; Maximilian H., 14 Jahre alt, 2005, Rötz. Der nächste Eintrag ist gerade in Arbeit: Tim K., 17 Jahre alt, 2009, Winnenden.
Auch Bastian B. hat in Scheithauers Liste seinen Platz gefunden. Das ist der 18-Jährige, der im November 2006 in Emsdetten wahllos um sich schoss, bevor er sich selbst tötete. Lange vor diesem Tag hatte er in einem Internetforum geschrieben: "Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen und mich an all den Arschlöchern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben. . . Das sind die, die immer nur auf die Schwächeren gehen können. Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!" Auch das ein Hinweis, den niemand bemerkte.
Herbert Scheithauer aber sagt: "Amok ist der falsche Begriff." Nicht nur der Fall Bastian B., auch alle anderen, die sein Team untersuchte, hätten gezeigt, dass die eruptive Gewalt, die sich da Bahn brach, eben nicht "per Fingerschnippen von heute auf morgen stattfand". Zwischen dem Entschluss zu töten und der eigentlichen Tat hätten fast immer Monate, manchmal gar Jahre gelegen. Und immer hätten die Täter in dieser Zeit Hinweise gegeben und Spuren gelegt - so wie Hänsel, der im Märchen Brotkrumen fallen lässt, um rechtzeitig wieder rauszufinden aus dem Wald. Man kann sie entdecken, sagt der Professor. Man muss sie nur suchen. Und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
In Amerika - dem einzigen Land mit noch mehr "school shootings" als Deutschland - haben sie inzwischen eine Art Warnkatalog zusammengestellt: Depressionen, Suizidgedanken, die Faszination an Waffen, das Tragen von Camouflage-Kleidung, Aggressionen, das Horten gewaltverherrlichender Medien: all das angeblich Anzeichen dafür, dass sich etwas zusammenbraut.
Das Problem sei aber, dass es am Ende oft gerade nicht die Auffälligen, nicht die Problemschüler seien, die zu Gewalttätern werden, so Scheithauer. Sondern die Stillen, die Eigenbrötler. Genauso wie es "ein Irrglaube" sei anzunehmen, dass das Risiko rund um soziale Brennpunkte größer sei. Das Gegenteil sei der Fall. Fast immer waren es gute Schulen in bürgerlichen Kleinstädten, wo einer scheinbar aus dem Nichts zum blindwütigen Mörder wurde. Nicht jede Kleinstadt sei nun aber in Gefahr. Nicht jeder Eigenbrötler ein potenzieller Amokläufer. Gegen blinde Wut helfe kein Nachschlagewerk. "So einfach ist es nicht", sagt Scheithauer.
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