Für den Naturkundelehrer Ken Ham ist das Darwin-Jubiläum kein Grund zum Feiern. Der Wirbel um den Vater der Evolutionstheorie erfüllt ihn vielmehr mit Zorn. Geehrt werde ein "fehlbarer Mensch", der sich irrte. Er sei davon überzeugt, dass Darwins Theorie falsch war, dass sie "den christlichen Glauben unterhöhlt und gesellschaftliche Krankheiten wie Rassismus und Abtreibung verschlimmert hat". Der gefragteste Redner christlicher US-Events und Autor zahlreicher Bestseller schreibt: "Wir werden die Christen mit einem guten Werkzeug versorgen, um diesem Kulturphänomen entgegen zu treten."
Wir - das ist die mächtige US-amerikanische Kirche "Answers in Genesis" (etwa: Antworten der Schöpfungsgeschichte), deren tägliches Radioprogramm über rund 900 Stationen in den USA ausgestrahlt wird. Das Werkzeug, mit dem der 57-jährige Präsident der Gemeinde gegen das "Kulturphänomen" Darwin vorgehen will, liegt im US-Staat Kentucky, an der Grenze zu Ohio.
Alle Strömungen des Kreationismus (von lateinisch creare - erschaffen) lehnen die Evolutionstheorie ab. Er taucht in den USA in mehreren Varianten auf. Die Kreationisten sehen im Alten Testament einen historischen Bericht. Sie glauben, dass die Erde durch das direkte Handeln Gottes entstanden ist.
Neue-Erde-Kreationisten interpretieren die Bibel wörtlich. Sie glauben, dass es sieben Schöpfungstage gab. Als Alter der Erde werden 6000, höchstens 10.000 Jahre akzeptiert. Alte-Erde-Kreationisten, auch Langzeitkreationisten genannt, glauben ebenfalls an einen einzigen Schöpfungsakt. Allerdings habe er sich über mehrere Milliarden Jahre hingezogen.
Die Neokreationisten distanzieren sich komplett von den Kreationisten. Unter anderem benutzen sie den Begriff "Intelligent Design", um die Entstehung der Erde zu erklären. Unser Universum sei zu komplex, um durch Mutation und Selektion entstanden zu sein. Es könne nur das Werk eines intelligenten Gestalters sein, sagen sie.
Im "Creation Museum" wird auf 5500 Quadratmetern dargestellt, dass es keine Evolution gab, sondern die Welt Gottes Werk sei. Die Besucherzahlen überraschten sogar die Museumsmacher: Seit der Eröffnung im Mai 2007 kamen gut 600 000 Menschen.
Die Kreationisten interpretieren das Alte Testament wörtlich. Die Erde ist für sie demnach nicht vier Milliarden Jahre alt, sondern 6000, Gott schuf sie innerhalb von sechs Tagen. Menschen und alle Tiere erschienen zur gleichen Zeit am sechsten Tag - wie die Dinosaurier. Überlebt haben die Dinosaurier nicht, weil sie von der Sintflut weggeschwemmt wurden. Der Beweis? Die Fossilien!
"Wir haben den Darwinisten die Dinosaurier weggenommen", sagt der 56-jährige Mark Looy, Sprecher von "Answers in Genesis". Genau wie Ken Ham wanderte Looy aus Australien in die USA ein, um seinen Glauben unter Gleichgesinnten auszuüben. Schließlich glauben einer Umfrage des Gallup-Instituts von 2007 zufolge 66 Prozent der US-Amerikaner, dass "Gott den Menschen innerhalb der vergangenen 10.000 Jahre erschuf". 54 Prozent wünschten sich neben der Evolutions- auch die "Kreationstheorie" im Schulunterricht. Basis waren gut 1000 Telefon-Interviews.
Mit Dinosauriern wurde im Creation Museum nicht gespart. Der erste empfängt die Besucher gleich am Eingang, der nächste lebt mit Adam und Eva im Paradies und sogar auf das Mini-Modell der Arche klettern zwei ("zwei von jeder Art"). Der einsame mechanische Dinosaurier in der Halle nach dem Sündenfall grölt so laut, dass man Schwierigkeiten hat, sich auf die Texte zu konzentrieren. Sorgsam ist hier aufgelistet, was uns erspart geblieben wäre, hätte Adam nicht in den Apfel gebissen: Kriege, Leid, harte physische Arbeit, Alterung, Unkraut und Rassismus. Ach, hätte er Eva doch widersprochen.
Wissenschaftlern, die darauf hinweisen, dass die Dinosaurier vor mindestens 65 Millionen Jahren auf der Erde lebten - viel früher als Menschen - glauben die Kreationisten einfach nicht. Sie haben ihre eigene Wissenschaft. So entstand ihrer Ansicht nach der Grand Canyon als Folge der Sintflut - binnen Wochen. Die Kreationisten führen alles auf die große Überschwemmung zurück: die Bildung der Flüsse, der Täler, ganzer Bergketten. Deshalb ist die Arche Noah - oder zumindest ein Zehntel des laut Bibel 133 Meter langen Schiffs - originalgetreu nachgebaut, die Hauptattraktion des Museums.
Was die Sintflut dann doch nicht schaffte, ist den Kreationisten zufolge eben "Gottes Wille", darunter die Artenvielfalt der Tiere und Pflanzen sowie ihre Anpassungsfähigkeit. Ein Chamäleon, wird hier erklärt, wechsele seine Farbe nicht, um zu überleben, sondern "um mit anderen Chamäleons zu kommunizieren und seine Laune zu zeigen".
Darwin sei nicht in der Lage gewesen, den Allmächtigen in seiner Größe zu sehen, behauptet der Film "Men in White". Dort gibt es eine Szene, in der ein Schüler Darwins Theorie widerspricht: "In Wirklichkeit gab Gott allen Tieren die Fähigkeit, sich der Welt anzupassen, in der sie leben. Gott gab jedem Lebewesen so viele Möglichkeiten und so viel Vielfalt, dass sich Tiere in unterschiedlichste und bemerkenswerteste Richtungen bewegen können."
Die traditionelle Kirche habe ihre Rolle als moralische Instanz verloren, prangern die Kreationisten an. Die Folgen kann man im Museum besichtigen: Kids sprühen Graffiti, schauen Pornos, werden schwanger als Teenager und telefonieren dauernd mit dem Handy - sogar in der Kirche.
In der Zeitschrift Answers (Auflage 50 000) schreibt Ken Ham: "Kirchen in aller Welt haben die Geschichte aus dem Alten Testament auf den Kopf gestellt, nur damit sie mit den anti-christlichen Ansichten Darwins übereinstimmt." Deshalb seien viele Kirchen in England heute in "Shops, Nachtclubs, Moscheen und sogar schlimmer" verwandelt worden.
Charles Darwin sei kein Wissenschaftler gewesen, sondern ein Mensch, der vom richtigen Weg abgekommen sei. Er habe Adam und Eva "für einen Mythos" gehalten und geglaubt, dass Menschen etwas "viel Primitiverem" entstammten. "Die Evolution war nicht einmal Darwins Kind", sagt Mark Looy. "Die Theorien von der Differenzierung der Arten existierten bereits im antiken Griechenland."
Im Museum schwärmt ein fünffacher Vater aus Connecticut: "Ich bin froh, dass ich meinen Kindern hier zeigen kann, dass Gott wirklich die Welt geschaffen hat." Ob er damit das von Museumsdesigner Patrick Marsh eingerichtete 3-D-Kino meint, in dem die Erde bebt, und die Wellen, die Noah mit seiner Arche durchpflügt, die Zuschauer bespritzen?, den Schildkrötenteich? oder den Souvenirshop, in dem neben den Stoffdinosauriern die Werke von Ken Ham verkauft werden? Gegen den Glauben gibt es keine Argumente - das ist der Trumpf der Kreationisten. Ken Ham formulierte es einmal so: "Wir bestehen nicht darauf, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen hat, wir bestehen darauf, dass die Menschen sein Wort wörtlich nehmen."
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.
Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.