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28. Dezember 2015

Krebs: Sport als Teil der Therapie

 Von 
Ausdauersportarten sind besonders gut geeignet.  Foto: Getty Images/LOOK

Körperliche Bewegung ist auch für Krebspatienten und Lungenkranke sinnvoll. Besonders gut geeignet sind Ausdauersportarten wie Walken, Joggen und Radfahren. Auch ein gemächlicher Spaziergang kann schon etwas bringen.

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Ein Krebskranker, der sich auf einen Wettkampf im Rudern oder gar einen Halbmarathon vorbereitet. Ein Patient, der an der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD leidet und regelmäßiges Ausdauertraining macht. Geht das überhaupt – und wenn ja, kann das denn gesund sein? Jahrzehntelang ging die Medizin davon aus, dass Patienten sich während einer zehrenden Krebstherapie, etwa mit Zytostatika oder Bestrahlungen, schonen sollen. Und für Lungenkranke schien das geradezu selbstverständlich zu sein – schließlich zählt Luftnot zu den klassischen Beschwerden. Doch die Lehrmeinung ist derzeit dabei, sich grundlegend zu wandeln: „Neue Konzepte und Perspektiven“ zum Thema Sport und Medizin waren kürzlich auch Thema einer Fortbildung der Klinikallianz Plus, dem Verbund des Universitätsklinikums und der Stiftungskrankenhäuser in Frankfurt.

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist die segensreiche Wirkung von Bewegung zwar seit langem bekannt und fester Bestandteil der Rehabilitation. In der Akuttherapie aber spielt die über eine begleitende Physiotherapie hinausgehende intensivere körperliche Aktivität bislang noch keine große Rolle; und das gilt für viele medizinische Bereiche. Geradezu als tabu galt Sport insbesondere bei Lungenerkrankungen und fortgeschrittenem Krebs.

Natürlich gibt es Schweregrade und Krankheitsverläufe, die zur Ruhe zwingen. Eine pauschale, für alle Patienten geltende Empfehlung könne deshalb nicht erteilt werden, sagt Elke Jäger, Chefärztin der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt. Sie spricht in diesem Zusammenhang lieber von körperlicher Bewegung als von Sport – und ist überzeugt, dass diese bei sehr vielen Patienten eine segensreiche Wirkung entfalten kann. Die Medizinerin engagiert sich seit Jahren für mehr körperliche Aktivität der Patienten in der Therapie und hat ein Konzept für ein gezieltes Bewegungsprogramm erarbeitet.

Sogar Patienten mit COPD profitierten von moderatem, kontinuierlichem Sport. Die typischen Beschwerden, die jeden Atemzug zur Qual werden lassen, könnten dadurch reduziert werden, erklärt Elke Jäger. Geeignet sei ein Training, das die Ausdauer verbessere, etwa auf dem Stepper oder dem Liege-Fahrrad.

Auch für Krebspatienten sind Ausdauersportarten wie Walken, Joggen, Radfahren besonders gut geeignet, stark Geschwächten bringt schon ein gemächlicher Spaziergang etwas. Wichtig sei vor allem die Regelmäßigkeit, betont die Ärztin. Von Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko und auch vom Schwimmen rät sie allerdings ab, da öffentliche Bäder für Krebspatienten mit einem durch die Chemotherapie geschwächtem Immunsystem eine potenzielle Infektionsquelle darstellen.

Keinen übermäßigen Ehrgeiz entwickeln

Wichtig ist es auch, dass erkrankte Menschen nicht auf eigene Faust übermäßigen Ehrgeiz entwickeln, sagt Thomas Vogl, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Frankfurt. Bei unklaren Schmerzen empfiehlt er eine vorherige Untersuchung, beispielsweise im Magnetresonanztomografen. Im Allgemeinen jedoch könnten selbst Patienten mit Metastasen in den Knochen Sport treiben, die Bewegung zeige dabei sogar häufig positive Effekte.

In Bezug auf Krebs im fortgeschrittenen Stadium bedeutet die Empfehlung, sich nicht zu schonen, einen Paradigmenwechsel. Die alte Vorstellung halte sich hartnäckig, sagt Elke Jäger, stamme jedoch aus einer Zeit, als metastasierte Tumorerkrankungen nur schwer zu behandeln waren. Doch gerade in den letzten Jahren hat sich die Therapie wesentlich weiterentwickelt, neue Medikamente sind auf dem Markt, die ein längeres Überleben bei besserer Lebensqualität ermöglichen, im optimalen Fall pendelt sich ein fortgeschrittener Krebs dann auf dem Status einer chronischen Erkrankung ein.

„Viele Patienten empfinden die Diagnose aber immer noch als todbringendes Schicksal und entwickeln dann vielleicht sogar eine Depression“, sagt Elke Jäger: „Bewegung sorgt für eine bessere Stimmung. Und er holt Patienten aus ihrer passiven Leidensrolle heraus.“ Auch Thomas Vogl sieht den Aspekt, „Selbstvertrauen zu gewinnen und für sich Verantwortung zu übernehmen“, als überaus wichtig an. Häufig werde Patienten von ihrem Umfeld wohlmeinend die Selbstständigkeit genommen. Ein weiterer Vorteil: „Sport ist jedem zugänglich“, sagt der Radiologe.

Die positiven Effekte auf die Psyche sind ein wichtiger Faktor – aber nicht alles: Sport erhöhe – wie bei Gesunden auch – den körperlichen Allgemeinzustand und die Leistungsfähigkeit, sagt Elke Jäger. Zudem könne Bewegung das Immunsystem stärken und bei Appetitlosigkeit, Muskelschwäche und sogar der gefürchteten Fatique – einer bleiernen Erschöpfung – helfen; alles sind Nebenwirkungen der Chemotherapie, gegen die sonst oft nur schwer anzukommen ist.

Auch bei neurologischen Erkrankungen kann körperliche Bewegung das Befinden positiv beeinflussen, erklärt Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt – und das auf ähnliche Weise wie bei Krebs. So verbessere sich bei moderater, sportmedizinischer Betätigung die Kraft, Ausdauer, Mobilität und Stimmungslage bei Patienten mit Multipler Sklerose; Patienten litten nach regelmäßigem Training seltener an Depressionen.

Forscher des geriatrische Zentrums der Universität Heidelberg und des Bethanienkrankenhauses Frankfurt haben überdies den Zusammenhang von körperlichen Training und Demenz in einer Studie untersucht. Das Ergebnis: Bewegung könne das Risiko einer Demenz um ein Viertel und das für die Alzheimer Erkrankung sogar um die Hälfte senken. Bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, könne das Fortschreiten verlangsamt werden.

Für jede sportliche Aktivität bei den aufgeführten Erkrankungen gilt freilich: sich vorher ärztlichen Rat zu holen und Sport am besten unter Anleitung zu beginne, wie Thomas Vogl sagt. Sinnvoll sei es auch, sich einer Gruppe von Gleichgesinnten anzuschließen. Die neuen Erkenntnisse müssen nun auch ihren Niederschlag im Denken der Mediziner und in der interdisziplinären Zusammenarbeit finden, findet Elke Jäger: „Da sind ganz neue Modelle der Kooperation nötig. Onkologen und Sportmediziner – diese beiden Fachrichtungen hatten bisher nicht viel miteinander zu tun.“

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