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24. November 2014

Krebsbehandlung: Jedem Patienten seine eigene Therapie

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Keine standardisierte Chemotherapie mehr, keine vergebliche Einnahme von Antibiotika: Die „Personalisierte Medizin“ könnte einen Durchbruch in der Behandlung von Krebs und Infektionen bringen.

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Es klingt wie eine Utopie: Jeder Patient erhält genau die auf ihn zugeschnittene Therapie, die seinen Tumor oder seine Infektion gezielt bekämpft. Keine standardisierte Chemotherapie mehr, die versagt, weil aggressive Krebszellen überleben. Keine vergebliche Einnahme eines Antibiotikums, das nichts bewirkt, weil die Bakterien resistent sind. Zu schön, um wahr zu sein? „Personalisierte Medizin“ ist ein Schlagwort, das immer häufiger auftaucht. Wissenschaftler setzen große Hoffnungen in dieses Prinzip einer maßgeschneiderten Behandlung – rechnen aber auch mit explodierenden Kosten durch eine aufwendigere Diagnostik und Therapie: „Unser Gesundheitssystem in der jetzigen Form wird das nicht leisten können“, sagt André Michel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Hanau.

Was aber heißt „Personalisierte Medizin“ genau? Insbesondere auf dem Gebiet der Onkologie, der Krebsforschung, könnte sie den Durchbruch beim Bekämpfen vieler Tumorarten bringen. „Die Erwartungen sind hoch“, sagt Professor Oliver Ottmann, Leiter der Deutschen José Carreras Einheit für Molekulare Therapien und Oberarzt für Hämatologie am Universitätsklinikum Frankfurt: „Es würde bedeuten, alle relevanten Informationen über den Tumor eines Patienten zu erheben, um diesen dann optimal behandeln und Nebenwirkungen möglichst vermeiden zu können.“

In den letzten Jahren hat es beim Entwickeln neuer Methoden zur immer feineren Analyse von Tumorgenomen enorme Fortschritte gegeben. Doch die Entschlüsselung ist schwieriger, als man früher gedacht hat: „Tumore sind sehr heterogen, sehr komplex“, erklärt Ottmann: „Sie entstehen nicht durch eine einzige Mutation, die man ausschalten müsste. Wahrscheinlich sind es sehr viele Veränderungen, und bei jedem Menschen tauchen sie in einer individuellen Kombination auf. Auch bei gleicher Krebsart gibt es nur Schnittmengen.“

Außerdem können sich Tumore permanent genetisch wandeln: „Die Zeitspanne zwischen Diagnostik und Therapie kann bereits unterschiedliche Ergebnisse bringen. Man hat ein sich bewegendes Ziel vor Augen.“ Das müsse eine „Personalisierte Medizin“ berücksichtigen. Streng genommen hieße es, das Tumorgenom regelmäßig neu zu untersuchen. Das wäre nicht nur teuer, sondern hätte auch zur Folge, dass eine riesige Datenflut entsteht – die überdies noch zusätzliche, ethisch schwer zu handhabende Informationen über Veranlagungen für andere Leiden liefern könnte, wie Ottmann sagt: „Ziel muss es sein, jene Veränderungen zu identifizieren, die relevant für das Krebsgeschehen sind.“

Gezielt in Prozesse eingreifen

Bereits heute sind einige Medikamente auf dem Markt, die gezielt in bestimmte Prozesse eingreifen. Dazu gehören die Kinase-Inhibitoren. Sie hemmen Enzyme, die beteiligt sind, wenn Tumore entstehen, sich manifestieren und ausbreiten. Bei der chronisch myeloischen Leukämie, einer Form von Blutkrebs, werden Kinase-Inhibitoren bereits mit großem Erfolg eingesetzt, sagt Ottmann. Allerdings ist für diese Erkrankung nur eine genetische Veränderung verantwortlich; das unterscheidet sie von den meisten Krebsarten. Aber auch bei schwarzem Hautkrebs, bei Darm – oder Lungenkrebs haben diese Medikamente schon positive Wirkung gezeigt.

Eine andere Kategorie neuer Therapeutika setzt bei den Oberflächenmerkmalen von Tumoren an. Die Strategie ist es, an diese Zellen Antikörper zu bringen, die ihre Bösartigkeit erkennen und eine Immunreaktion auslösen. Unter anderem gibt man solche Präparate bereits bei Brustkrebs in Kombination mit Chemotherapie: „Das verbessert die Heilungsrate erheblich“, erklärt der Frankfurter Wissenschaftler. Bei Lymphomen wiederum können körpereigene T-Abwehrzellen so modifiziert werden, dass sie entartete B-Zellen im Blut bekämpfen.

Bürgervorlesung

Zum Thema „Personalisierte Medizin“ gibt es am Mittwoch, 26. November, um 18 Uhr eine Bürgervorlesung mit Diskussion im Georg-Speyer-Haus Frankfurt, Paul-Ehrlich-Straße 42-44. Im Fokus steht die Krebstherapie. Infos: www.georg-speyer-haus.de oder www.uct-frankfurt.de.

Ein Problem bei diesen Medikamenten ist es bisher allerdings, dass die Antikörper auch normales Gewebe attackieren können; das müsste ausgeschaltet oder zumindest zeitlich begrenzt werden, sagt Ottmann. Und: Bislang wirken diese Mittel nur gegen häufige Veränderungen bei einer Krebsart: „Eine wirkliche Personalisierte Medizin würde aber voraussetzen, auch seltene und Kombinationen zu erfassen“, sagt der Onkologe: „Nach der Untersuchung vieler Tumore wissen wir, dass das Ausmaß an Veränderungen dramatisch ist. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung.“ Die Behandlung von Krebs werde sich erheblich verbessern, ist sich Ottmann sicher. „Bisherige Standards wie Operation, Chemo- und Strahlentherapie bleiben aber noch weiterhin wichtig.“

Eine zunehmende Rolle spielt die „Personalisierte Medizin“ auch in der Infektionsforschung. Die Entwicklung individueller Therapien in diesem Bereich setzt an drei Punkten an: „Beim Erreger, beim Wirt und bei dessen Mikrobiom“, erklärt Ulrich Kalinke, geschäftsführender Direktor von „Twincore“, Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung, in Hannover. Eine Möglichkeit ist es, die relevanten Erreger vor einer Therapie zu bestimmen, sagt der Experte – zum Beispiel, ob es sich um ein Virus handelt oder um ein Bakterium, gegen das grundsätzlich ein Antibiotikum eingesetzt werden könnte. Eine genauere Betrachtung des Genoms würde idealerweise herausfiltern, auf welches Mittel ein Keim noch reagiert. „Auf diese Weise könnte man die blinde Gabe mehrerer Antibiotika hintereinander vermeiden und dem Entstehen weiterer Resistenzen entgegen wirken.“

Kleinste "Punktmutationen" mit großen Folgen

Auch das Patienten-Genom könnte zum Ausgangspunkt werden: Schon kleinste „Punktmutationen“, erklärt Kalinke, könnten große Folgen haben, was die Ausprägung oder die Hartnäckigkeit einer Infektion angeht. „Das sieht man zum Beispiel auch bei Ebola, wo es dramatische Unterschiede in den Krankheitsverläufen gibt.“

Erst allmählich bekannt wird auch in Fachkreisen, welche große Rolle das Mikrobiom spielt, also die Gesamtheit der Mikroorganismen, die Lunge, Haut und Darm eines Menschen besiedeln. „Der Einfluss auf das Infektionsgeschehen ist immens. Das Mikrobiom kann über Leben oder Tod entscheiden“, sagt Kalinke. Die genaue Erforschung dieses speziellen Kosmos‘ sei indes ein „Mammutprojekt“, ein teures zudem. Auch wie ein Mensch zu seinem Mikrobiom gelangt, ist nicht vollständig geklärt: Gleiche Lebensweise und genetische Verwandtschaft können zu völlig unterschiedlichen Ausprägungen führen, zudem verändert sich die Zusammensetzung im Laufe des Lebens. Auch wenn es zum Mikrobiom noch viel Forschungsbedarf gibt: Bei der „Personalisierten Medizin“ erwartet der Forscher „wichtige Durchbrüche innerhalb der nächsten fünf Jahre“.

Das prognostiziert auch André Michel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Hanau: „Wir stehen an der Schwelle, medizinisch sehr viel mehr zu ermöglichen. Viele Krebserkrankungen, die früher noch ein Todesurteil waren, könnten zumindest in chronische Erkrankungen umgewandelt werden.“ Mit weniger Zuversicht erfüllt ihn allerdings, wie diese an sich höchst positive Entwicklung finanziert werden soll. „Allein die Diagnostik wird viel aufwendiger.“ Ökonomische Zwänge an den oft defizitären Kliniken könnten Mediziner dann in schwere ethische Konflikte bringen, sagt Michel: „Sie müssen einerseits das Budget einhalten, andererseits wollen sie ihren Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen lassen.“ Mit diesem Dilemma dürfe man Ärzte „nicht alleine lassen“.

Es stelle sich die Frage, wie künftig mit den neuen Möglichkeiten umgegangen werden soll: „Wollen wir Rationierung oder wollen wir Prioritäten setzen, indem die Krankenkassen für manche anderen Medikamente die Kosten nicht mehr übernehmen?“ Auch die Pharmaindustrie, die sehr intensiv im Bereich der „Personalisierten Medizin“ forscht, müssten „Mitverantwortung“ übernehmen und sich bei den Preisen zügeln. An Zuzahlungen oder Beitragserhöhungen werde gleichwohl kein Weg vorbei führen. „Dieses Problem besitzt Sprengstoff für unser System und die Verteilungsgerechtigkeit“, sagt der Mediziner. Er hat allerdings auch den Eindruck, dass die Politik sich mit dem Thema überhaupt noch nicht beschäftigt hat: „Dabei benötigt es eine breite, demokratisch legitimierte Basis.“

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