Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

23. Januar 2015

Krebsmedizin: Die Krebsmedizin im Umbruch

 Von 
Die Genanalyse ist eine der Grundlagen der personalisierten Therapie bei Krebs.  Foto: getty images

Die Tumormedizin befindet sich im Umbruch. Die potenziellen neuen Arzneimittel und Methoden der Diagnostik auf ihren tatsächlichen Nutzen zu überprüfen und dann im klinischen Alltag anzuwenden, sind allerdings Mammutaufgaben. Deshalb ist mehr Kooperation vonnöten.

Drucken per Mail

Operation, Chemotherapie, Bestrahlung: Das waren in – in variabler Reihenfolge – jahrzehntelang die vorherrschenden Möglichkeiten der Medizin im Kampf gegen Krebs. Seit einiger Zeit jedoch entwickeln Wissenschaftler verstärkt Methoden, um bösartigen Erkrankungen auf molekularer Ebene zu Leibe zu rücken. Noch haben sie die traditionellen Verfahren nicht überflüssig gemacht, doch bei etlichen Tumorarten bieten sie heute bereits die Chance, die malignen Zellen maßgeschneidert für den jeweiligen Patienten anzugreifen.

„Die Tumormedizin befindet sich in einem dramatischen Umbruch“, erklärt der Onkologe Professor Hubert Serve, Leiter der Medizinischen Klinik II am Frankfurter Universitätsklinikum: „In den letzten zehn Jahren hat seit der ersten vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms eine Revolution stattgefunden.“ Noch immer erkranken jedes Jahr in Deutschland 500 000 Menschen an Krebs, rund 200 000 Patienten sterben jährlich daran. „Das treibt mich um“, sagt Hubert Serve.

Schon heute setzen Mediziner eine ganze Reihe solcher Mittel ein, um Tumore möglichst zielgerichtet zu attackieren: Antikörper gehören dazu, Hormone, Zytokine – Proteine, die das Zellwachstum regulieren – oder auch Stoffe, die die Aktivität von Enzymen hemmen. Mit letzteren kann beispielsweise der schwarze Hautkrebs inzwischen gut behandelt werden, der noch vor fünf Jahren kaum in den Griff zu bekommen war, hatte er erst einmal gestreut. „Hunderte weitere Substanzen“ seien ebenfalls Kandidaten, um in der Krebstherapie eingesetzt zu werden, erklärt Onkologe Serve, „es gibt da eine Flut von Ideen“.

Nicht auf Veränderungen eingestellt

Allerdings erfordern die vielen neuartigen Arzneimittel auch andere als die gewohnten Methoden, um überhaupt feststellen zu können, für welche Patienten eine solche Therapie passen könnte – und wem sie nichts bringen würde. Das macht die Diagnose wesentlich aufwendiger als bisher. So steht seit einiger Zeit eine effektive Therapie gegen Lungenkrebs zur Verfügung, die allerdings nur hilft, wenn der Tumor durch ein bestimmtes mutiertes Protein angetrieben wird – was lediglich auf vier Prozent aller Patienten zutrifft. Für alle anderen wäre die Behandlung sinnlos.

Die potenziellen neuen Mittel und Methoden der Diagnostik auf ihren tatsächlichen Nutzen zu überprüfen und dann im klinischen Alltag anzuwenden – das sind Mammutaufgaben, mit denen einzelne Forschungseinrichtungen und Krankenhäuser überfordert wären. Unsere Versorgungsstrukturen seien darauf noch nicht ausgerichtet, erklärt Mohammad-Reza Rafiyan, Leiter der Onkologischen Tagesklinik am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt. „Diese Entwicklung kollidiert mit der Organisation unseres Gesundheitswesens, in dem auch Krebspatienten von vielen verschiedenen Institutionen behandelt werden – anders als in Frankreich oder den USA, wo es riesige Zentren dafür gibt“, erläutert Hubert Serve. Deshalb sollten Kliniken untereinander, aber auch mit Forschungsinstitutionen und niedergelassenen Ärzten enger zusammenarbeiten. Innerhalb dieser Netzwerke müssten sich hoch spezialisierte Krebszentren herausbilden, an denen genügend Patienten behandelt werden können, um mit ihnen etwa auch in Studien die Wirksamkeit noch nicht zugelassener Therapien zu testen. Aktuelle Daten des „MD Anderson Cancer Centers“ in Houston zeigten, dass Krebspatienten „deutlich länger leben, wenn sie in frühen klinischen Studien behandelt werden“. Dafür bedürfe es eines koordinierten Zusammenarbeitens. So müsse es Absprechen geben, „welche klinischen Studien, an welchen Zentren aktiviert werden, verbunden mit einer neu aufgelegten Kultur der gegenseitigen Patientenzuweisung“, führt Serve aus.

In der Rhein-Main-Region kann ein solches Netzwerk auf den bestehenden Strukturen der Frankfurter Klinikallianz aufbauen, der das Universitätsklinikum, das Krankenhaus Nordwest, das Hospital zum Heiligen Geist, das Bürgerhospital und das Clementine Kinderhospital angehören sowie als Partner die Main-Kinzig-Kliniken, das Klinikum Hanau, das Gesundheits- und Pflegezentrum Rüsselsheim, die Kliniken des Main-Taunus-Kreises und die Vitos-Klinik Weilmünster.

Gewebe eines Hautkarzinoms im mikroskopischen Schnitt bei 100-facher Vergrößerung.  Foto: imago/blickwinkel

Im Falle der Behandlung der seltenen Akuten Lymphatischen Leukämie beispielsweise habe die Kooperation bereits gut funktioniert, sagt Hubert Serve: So hätten sich der vom Uniklinikum Frankfurt geleiteten Studiengruppe Krankenhäuser verschiedener Versorgungsstufen angeschlossen, von denen die Hälfte weniger als einen Patienten mit dieser Erkrankung pro Jahr aufnähmen. Ohne die Kooperation, so der Onkologe, könnten diese Kliniken bei Akuter Lymphatischer Leukämie keine optimale Behandlung gewährleisten. Ähnliche Netzwerke müssten nun auch für häufige Tumorerkrankungen etabliert werden, fordert der Mediziner. Außerdem sei für eine kontinuierliche Weiterbildung zu sorgen, um angesichts der stetig wachsenden Erkenntnisse auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Das gelte für die Ärzte in Krankenhäusern ebenso wie für die Kollegen mit eigenen Praxen, „die ja meistens diejenigen sind, die Patienten als erste untersuchen“.

Bei allen unterschiedlichen Wirkprinzipien basieren sämtliche neuen Formen der Therapie auf dem Wissen über das „molekulare Design“ der Krebszellen und ihrer Interaktion mit ,„dem Nest, in dem sie sitzen“, wie es der Frankfurter Onkologe formuliert. „Zellen sind soziale Wesen. Krebszellen aber verhalten sich asozial, sie wachsen in ihre Umgebung hinein, dort, wo sie nicht hinsollen“, veranschaulicht er. „Dafür kann es mehrere Gründe geben“: Das können Genmutationen sein, aber auch Veränderungen bei den Enzymen, die als Katalysatoren für Zellprozesse fungieren, und sich dann so verhalten, dass sie das Entstehen und die Ausbreitung bösartiger Tumore befördern.

Bisherige Einteilung der Tumorarten halten viele für überholt

Leider, so erklärt Mohammad-Reza Rafiyan, verhalte es sich aber nicht so, dass ein Krebspatient immer nur eine solche Abweichung aufweise, im Gegenteil: Pro Krebszelle seien im Schnitt 30 bis 40 Merkmale verändert, sagt Hubert Serve – und bei einem einzigen Patienten treten sie in verschiedenen Kombinationen auf, die sich wiederum im Krankheitsverlauf ändern können. Außerdem bestehen innerhalb einer Krebsart große Unterschiede, was die herkömmliche Einteilung mittlerweile in Frage stellt, wie der Mediziner erklärt: „Jemand mit einem Lungenkarzinom kann mehr Schnittmengen mit einem Hautkrebs- als mit einem anderen Lungenkrebspatienten besitzen. Die Subgruppen werden immer kleiner, und man sieht es den Patienten nicht an, wohin sie gehören.“ Diese Umstände gestalteten es so schwierig, „in unserem bestehenden System in Deutschland eine zufriedenstellende Diagnostik und Therapie aller Patienten zu organisieren“.

Ein Tumorgenom zu bestimmen, stelle dabei keine große Schwierigkeit dar, sagt Hubert Serve, das sei mittlerweile relativ leicht möglich – und mit 500 bis 1000 Euro längst nicht mehr so kostspielig wie noch vor einigen Jahren. Das böten sogar mittlerweile bereits Firmen kommerziell an, erklärt Mohammad-Reza Rafiyan, der diese Möglichkeit jedoch mit großer Skepsis sieht. Denn: „Die Interpretation ist das Entscheidende.“ Aus der Masse an gewonnenen Daten müssten jene Veränderungen herausgefiltert werden, die tatsächlich Schlimmes bewirken und zudem häufig vorkommen, sagt Hubert Serve. Damit diese Flut an Informationen nicht versickert, sondern gesichert wird, haben Wissenschaftler vor zehn Jahren mit dem Aufbau eines weltweiten „Cancer Genoms Atlas“ begonnen, der sämtliche bisher gewonnenen Sequenzierungen von Tumoren „wie in einem Telefonbuch auflistet“, erzählt der Onkologe. Er und sein Kollege Rafiyan gehen davon aus: Wird dieses Wissen richtig ausgewertet und für die Entwicklung neuer Therapien eingesetzt, so könnte sich die Zahl der Krebstoten in den nächsten Jahren deutlich verringern.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.