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10. Mai 2012

Künstliche Befruchtung: Reifung in der Petrischale

 Von Anke Brodmerkel
Reproduktionsmedizin im Labor.  Foto: dpa

Eine neue Methode zur künstlichen Befruchtung kommt mit weniger Hormonen aus. Dennoch ist sie nicht für jede Frau geeignet - und die Erfolgsquote ist gering.

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Eine neue Methode zur künstlichen Befruchtung kommt mit weniger Hormonen aus. Dennoch ist sie nicht für jede Frau geeignet - und die Erfolgsquote ist gering.

Eine künstliche Befruchtung ist für die meisten Paare eine große Belastung. Das Hoffen, das Bangen, das Warten – und am Ende vielfach die Enttäuschung, dass es wieder nicht geklappt hat. Besonders quälend ist das Prozedere für die Frau. Um an eine ausreichende Zahl von Eizellen zu gelangen, die für eine Befruchtung im Labor notwendig ist, muss sich ihr Körper oft einer hormonellen Achterbahnfahrt stellen. Das führt nicht nur zu Stimmungsschwankungen, sondern ist auch gesundheitlich riskant.

Heidelberger Mediziner haben daher vor sieben Jahren in Deutschland ein Verfahren eingeführt, das bereits im Jahr 1994 in Australien entwickelt wurde und mit deutlich weniger Hormonen auskommt. In-Vitro-Maturation heißt es, kurz IVM, auf Deutsch Reifung im Glas. Anders als bei einer In-Vitro-Fertilisation (siehe Kasten) werden der Frau dabei keine reifen, sondern unreife Eizellen entnommen. Diese entwickeln sich dann außerhalb des Körpers unter dem Einfluss von Hormonen weiter.

Forscher um Thomas Strowitzki, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen am Universitätsklinikum Heidelberg, zog jetzt eine erste Bilanz. Wie der Mediziner kürzlich auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Mannheim berichtete, scheint das Verfahren für die Frauen weniger belastend und für die Kinder ungefährlich zu sein. Allerdings ist die Erfolgsquote einer IVM deutlich niedriger als bei einer IVF. Strowitzki empfiehlt das Verfahren daher vor allem jenen Frauen, für die eine IVF mit besonderen Risiken verbunden wäre.

Künstliche Befruchtung für Risikopatientinnen

Hierzu zählen insbesondere Frauen, die ein Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) aufweisen. Dabei handelt es sich um eine Stoffwechselstörung, die dazu führt, dass sich in den Eierstöcken viele kleine Eibläschen finden, in denen allerdings meist keine befruchtungsfähigen Eizellen heranreifen. Frauen mit einem PCOS sind daher oft unfruchtbar.

Eine Hormonbehandlung, wie sie bei einer IVF erforderlich ist, fördert die Produktion der Eibläschen zusätzlich. Dadurch neigen die Frauen verstärkt dazu, ein Ovarielles Hyperstimulationssyndrom (OHSS) zu entwickeln. Dabei kommt es zu Wasseransammlungen im Bauchraum, mitunter sogar in der Lunge. Das Blut verdickt sich, die Nieren arbeiten nur noch eingeschränkt und im schlimmsten Fall bilden sich Blutgerinnsel, die Thrombosen oder gar eine Lungenembolie hervorrufen können.

„Während bei gesunden Frauen das Risiko für ein schweres OHSS durch eine künstliche Befruchtung bei etwa einem Prozent liegt, erhöht es sich bei Frauen mit einem PCO-Syndrom auf etwa fünf Prozent“, sagt Strowitzki.

Auch für Frauen, die schon einmal ein OHSS hatten, ist das neue Verfahren eine Alternative – ebenso wie für Frauen, denen aufgrund einer Krebserkrankung eine Chemo- oder Radiotherapie bevorsteht. Viele Tumore reagierten zudem auf die Hormongabe mit einem schnelleren Wachstum, weswegen auch Frauen mit solchen hormonabhängigen Geschwulsten eher für eine IVM in Frage kämen.

Viktoria von Schönfeldt vom Hormon- und Kinderwunschzentrum Großhadern an der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Ludwig-Maximilians-Universität München nennt noch eine dritte Gruppe von Frauen, bei denen das neue Verfahren zum Einsatz kommt. „Bei Frauen mit einer verminderten ovariellen Reserve, also einer nur noch geringen Zahl entwicklungsfähiger Eibläschen, gelingt es uns oft trotz IVF und der damit verbundenen hormonellen Stimulation nicht, an ausreichend viele reife Eizellen zu gelangen“, sagt die Embryologin, die zugleich stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin ist. „Eine Möglichkeit ist es dann, die übrigen Eizellen im Labor nachreifen zu lassen – was in etwa fünfzig bis sechzig Prozent der Fälle gelingt.“

Niedrige Erfolgsquote

Bei einer IVF verabreichen die Mediziner, um an möglichst viele Eizellen zu gelangen, den Frauen jeweils über mehrere Tage hinweg spezielle Hormone – zunächst das Follikelstimulierende Hormon (FSH), dann das Humane Choriongonadotropin (HCG). Anschließend entnehmen sie den Eierstöcken die reifen Eizellen. Dies geschieht unter Ultraschallkontrolle mit einer Punktion durch die Scheide. Die Frauen erhalten dazu meist eine kurze Narkose.

Bei der IVM ist das Vorgehen ähnlich, allerdings werden den Frauen insgesamt nur drei Tage lang sehr geringe Mengen der beiden Hormone verabreicht. Die kleinen, noch unreifen Eizellen, die die Ärzte dann per Punktion gewinnen, müssen anschließend in einem speziellen Nährmedium, das neben dem Serum der Frau ebenfalls die Hormone FSH und HCG enthält, etwa 24 Stunden lang nachreifen. Danach können auch sie befruchtet werden.

In Deutschland haben bislang vor allem die Universitätskliniken in Heidelberg und Lübeck Erfahrung mit der IVM gesammelt. Im Januar hat die Heidelberger Gruppe um Thomas Strowitzki ihre bisherigen Ergebnisse in der Fachzeitschrift Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica veröffentlicht. Demnach führten die ersten 177 Behandlungen in 27 Fällen zu einer Schwangerschaft, die 13 Mal erfolgreich ausgetragen wurde. Die Erfolgsquote der IVM liegt damit bei gut 7 Prozent – und damit deutlich niedriger als bei einer IVF mit etwa 20 Prozent.

Wege zum Wunschkind

In Deutschland nehmen jedes Jahr mehr als 60.000 kinderlose Paare die Hilfe von Reproduktionsmedizinern in Anspruch. Die derzeit gängigsten Verfahren sind die Insemination, die IVF und die ICSI.

Bei der Insemination werden die Samenzellen des Mannes kurz vor dem Eisprung mit Hilfe eines Katheters in die Gebärmutter oder die Eileiter der Frau eingeführt. Der Eisprung wird dabei meist künstlich ausgelöst.

Für eine IVF (In-Vitro-Fertilisation, auf Deutsch Befruchtung im Glas) müssen der Frau zunächst Eizellen entnommen werden. Um möglichst viele Eizellen zu gewinnen, ist eine hormonelle Stimulation erforderlich. Die Eizellen werden außerhalb des Körpers im Reagenzglas mit den männlichen Samenzellen zusammengebracht. Haben die Spermien die Eizellen befruchtet, werden der Frau ein bis drei der entstandenen Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt.

Die ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion) gleicht der IVF in vielerlei Hinsicht. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Verfahren besteht darin, dass die Reproduktionsmediziner bei einer ICSI jeweils eine Samenzelle direkt in die gewonnenen Eizellen injizieren. Die Methode bietet sich vor allem dann an, wenn das männliche Sperma nur wenige oder schlecht bewegliche Samenzellen enthält.

Die geringere Erfolgsquote der IVM führt auch dazu, dass ein scheinbarer Vorteil des Verfahrens, die geringeren Kosten pro Behandlung, sich bei genauerer Betrachtung in Luft auflöst. Für eine IVF zahlt ein Paar derzeit im besten Fall – das heißt, wenn die Krankenkasse die Hälfte der Kosten übernimmt – zwischen 1 500 und 3 000 Euro. Die hohe Summe geht vor allem auf die teuren Hormone zurück, die der Frau verabreicht werden. Eine IVM schlägt nur mit etwa 500 bis 1 000 Euro zu Buche. In Heidelberg, wo derzeit alle IVM-Behandlungen in Studien ausgewertet werden, zahlen die Paare sogar nur 450 Euro. Da bei der IVM jedoch in der Regel deutlich mehr Versuche als mit einer IVF nötig sind, bis das ersehnte Kind geboren wird, sind auch die Kosten für das Paar entsprechend höher.

Keine genetischen Schäden

Sieben der bisher nach einer IVM geborenen Kinder konnten die Heidelberger Mediziner inzwischen im Rahmen ihres Forschungsprojekts Germ Cell Potential bis zu ihrem zweiten Geburtstag regelmäßig medizinisch untersuchen. „Befürchtungen, dass das Reifen der Eizellen im Labor bei den Babys vermehrt zu genetischen Schäden führen könnte, scheinen sich glücklicherweise nicht zu bestätigen“, sagt Strowitzki. „Bis jetzt ist die Entwicklung der Kinder unauffällig.“

Dies entspräche auch den Erfahrungen aus anderen Ländern, etwa Dänemark und Kanada, wo bislang keine Unterschiede zu anderen Kindern gefunden worden seien. Weltweit sind Strowitzki zufolge bislang mehrere hundert Kinder nach einer IVM zur Welt gekommen. Der Mediziner betont: „Trotzdem befindet sich die In-Vitro-Maturation zurzeit noch in einem experimentellen Stadium und ist kein Routineverfahren.“

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