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Lang weggeduckt: Was Schulen gegen Gewalt tun können

Immer mehr Lehrer lassen sich weiterbilden, um Gewalt an den Schulen verhindern zu können. Von Yvonne Globert

Die Schulung System Sichere Schule soll Lehrern, Sozialarbeitern, Pädagogen und Psychologen helfen, Krisenteams an Schulen aufzubauen.
Die Schulung "System Sichere Schule" soll Lehrern, Sozialarbeitern, Pädagogen und Psychologen helfen, Krisenteams an Schulen aufzubauen.
Foto: dpa

An den genauen Wortlaut kann Peter Voß sich nicht mehr erinnern. Die Kritzelei an der Wand aber, die jemand vor zwei Jahren auf dem Jungsklo entdeckt hatte, ließ bei dem Schulleiter alle Alarmglocken läuten: "Amok" stand da in deutlichen Lettern und ein Datum im April. In jenem Monat hatte auch Robert Steinhäuser in Erfurt Lehrer und Mitschüler erschossen.

Peter Voß wusste das. Wie er sich aber verhalten sollte, fünf Jahre später, wo jemand seiner Schule in Hildesheim Ähnliches androhte, wusste er nicht.

Voß schaltete die Polizei ein, ließ jeden Schüler der rund 1200, die an diesem Morgen das Schulgelände betraten, auf Waffen filzen und sperrte die Ausgänge. An diesem Tag passierte nichts und auch nicht später. Der Autor der Drohung wurde nie gefunden, trotz versprochener Belohnung gab keiner der Schüler einen Hinweis. Der Alltag ging weiter.

Es klingt nicht überstürzt, was Voß tat. Ihm selbst aber erscheint die Aktion von damals nun übertrieben. "Mit dem Wissen von heute hätte ich das Ganze nicht so ernst genommen", sagt er. Voß und sein Stellvertreter am niedersächsischen Berufskolleg ließen sich nach der Sache auf dem Klo am Institut Psychologie und Sicherheit in Aschaffenburg als "schulische Krisenmanager" zertifizieren.

Das Institut hatte nach dem Amoklauf von Erfurt recht früh ein "System Sichere Schule" entwickelt. Teilnehmer, zu denen neben Lehrern Sozialarbeiter, Pädagogen und Psychologen zählen, sollen hier lernen, Krisenteams an Schulen aufzubauen.

Dozenten erklären was Jugendliche zur Gewalt treibt

Diese sollen Risiken für eine mögliche Gewalttat, damit ist Mobbing ebenso gemeint wie ein geplanter Amoklauf, wahrnehmen und so früh wie möglich eingreifen. Sie lernen, welche psychologischen Hintergründe Jugendliche zur Gewalt treiben, welche Muster allen bislang analysierten Amokläufen zugrunde liegen und wie sie im Gespräch mit auffälligen Schülern vorgehen.

Irgendwann gerieten an Peter Voß' Schule zwei Schüler aneinander. Der eine schrie: "Ich lauf hier bald Amok." In solchen Momenten durchläuft ein Jugendlicher im Kopf des Pädagogen unbemerkt ein Raster: Fühlt er sich ungerecht behandelt? Hat er einen Grund, sich für irgendetwas zu rächen? Zeigt er besonderes Interesse am Jahrestag eines Amoklaufs? Oder ganz drastisch: Hat jemand bei ihm eine "Todesliste" entdeckt? Das sind einige der vielen Fragen, mit denen Voß gelernt hat, Risiken einzuschätzen.

"Es gibt mir ein Stück mehr Sicherheit", sagt er. Hätte er sie schon 2007 gehabt, wäre er zu dem Schluss gekommen: Die Ankündigung auf dem Klo war "zu unkonkret" - zumindest verglichen mit den Fällen bisher bekannter Amokläufer, die ihre Taten häufig ausführlicher ankündigten.

Nach dem Amoklauf des Tim K. in der vergangenen Woche ist die Zahl der Seminarteilnehmer des Instituts Psychologie und Sicherheit rapide gestiegen.

Nach "Winnenden" lassen sich mehr Lehrer schulen

Das wachsende Interesse der Schulen an Weiterbildung in Sachen Gewaltprävention macht Institutsleiter Jens Hoffmann als wohl einzigen positiven Nebeneffekt der Katastrophe aus. Im Gegensatz zur Polizei, die das Thema schon nach dem Fall Erfurt entdeckte, "haben sich die Schulen lang weggeduckt", sagt der Psychologe. Jetzt entschlössen sich immer mehr, eigene Krisenteams an ihren Schulen aufzubauen.

Ein solches aber, so Hoffmann, kann nur erfolgreich arbeiten, wenn ein fester Stab engagierter Lehrer - angesiedelt bei der Schulleitung - ein festes Netzwerk aufbaue. Dazu zählt mindestens ein verlässlicher Draht zur Polizei. "Die Verantwortung aber liegt vor allem bei den Schulen", so Hoffmann.

Klar muss sein: Kriegen Schüler etwas von den Gewaltphantasien eines Mitschülers mit, finden sie beim Krisenteam verlässliche Ansprechpartner. Die müssen deutlich machen, was sie von den Jugendlichen erwarten: "Hat jemand eine Waffe. Meldet das! Spricht jemand von Selbstmord? Wollen wir das wissen."

Gerade testet das Institut das Online-System Dyrias, das anonym und mittels zahlreicher Fragen das Risikopotential eines auffälligen Schülers ermitteln soll. Gute Arbeit in Sachen Gewaltprävention leisten laut Hoffmann Hamburg und Bayern. Das Kultusministerium des Freistaates baute bereits 2002 das "Krisen-Interventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen" (KIBBS) auf.

Dessen Arbeit reicht von notfallpsychologischer Betreuung und Beratung in Krisensituationen über die Entwicklung von Krisenplänen bis zu Trainings von Lehrern in Gewaltsituationen.

Doch von staatlicher Seite gibt es auch Gegenbeispiele: Nach Erfurt baten Jens Hoffmann und seine Kollegen um Forschungsgelder des Bundes, um mehr über Amokläufer in Erfahrung bringen zu können. Geld gab es nicht, das musste sich das Institut über sein Weiterbildungsangebot selbst finanzieren.

Statt dessen überlegte das Bundesbildungsministerium, einen Aufklärungsfilm zum Thema Amok zu finanzieren. Auch das Erfurter Gymnasium erhielt etwas Geld. Ein weiterer Beitrag floss in das Programm "Demokratie lernen und leben". Vor zwei Jahren lief es aus.

Autor:  YVONNE GLOBERT
Datum:  20 | 3 | 2009
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