November 2008, Studienseminar: Als Lehrer wird niemand geboren. An ihrem ersten Tag im Studienseminar Wilhelmshaven stehen den neuen Referendaren große Fragezeichen auf der Stirn. Das erste Staatsexamen haben viele mit Bravour bestanden, doch was heißt das schon, wenn es ernst wird. Die kommissarische Seminarleiterin Christa Becker gibt sich jovial. Dennoch muss sie die jungen Kollegen das Fürchten lehren. Von einer harten Zeit bis zum zweiten Staatsexamen ist die Rede.
Die Referndare Anna Janneck und Jan-Philipp Igelbrink wollen in den kommenden 18 Monaten das Lehren lernen. Deshalb gehen sie jetzt mit 25 Jahren wieder zur Schule: Anna in eine Integrierte Gesamtschule (IGS), Jan-Philipp in ein klassisches Gymnasium in einer alten Kaserne aus Kaisers Zeiten. Jan-Philipp Igelbrink stammt aus Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Seine Eltern sind Arbeiter. Schon in der Schule inspirierten ihn gute wie schlechte Lehrer. "Das machst du einmal besser", dachte er damals. Und bei seinem Geschichtslehrer: "So wie der machst du das auch".
Die Qualität der Schulausbildung ist nicht erst seit Pisa in aller Munde. Über die Qualität der Lehrerausbildung wird jedoch deutlich seltener gesprochen.
Die Einstiegschancen für Pädagogen sind derzeit gut: Die Kultusminister der Bundesländer rechnen bis 2015 mit 371 000 freiwerdenden Stellen. Dem stehen nur 296 000 neue Lehrer in der Ausbildung gegenüber.
Das Referendariat gilt jedoch als enorme Belastung. Seine Qualität ist umstritten. Kritiker bemängeln, dass Referendare vielfach Lücken im Kollegium ohne ausreichende Anleitung ausfüllen müssen. Während die künftigen Lehrer einen modernen Unterricht in möglichst angenehmer Atmosphäre lernen sollten, stehen sie selbst unter erheblichem Leistungs- und Notendruck.
Wissenschaftliche Qualitätskontrolle bei der Lehrerausbildung gibt es in Deutschland nicht. Allerdings haben viele Bundesländer eine Reform der Ausbildung angestoßen.
Anna Janneck kommt aus Wilhelmshaven, hat in Oldenburg Englisch und Biologie studiert. "Ich wollte nie Lehrer werden", sagt sie. Reiseverkehrskauffrau, das schwebte ihr vor, kombiniert mit einem Touristik-Studium. 19 Bewerbungen schrieb sie, 19 Absagen kamen zurück. Dann sollte sie kurz vor dem Abi einer 11. Klasse das Oberstufensystem erklären. "Das war ein geiles Gefühl, da vorne zu stehen. Da dachte ich: Wirst du eben Lehrer."
Im Studium kamen immer wieder Zweifel. Didaktik gab es kaum, dafür viel Linguistik in Englisch und Physik und Chemie in Bio. Die Praktika an verschiedenen Modellschulen waren toll, viele Vorlesungen dagegen öde. Die IGS ist ihre Traumschule, und dass sie von allen Lehrern geduzt wird, hat gleich Distanz abgebaut.
Trotzdem sind die ersten Tage eine Herausforderung. Soll sie den Dompteur geben oder den Kumpeltyp, der eigentlich selbst gerade erst erwachsen ist und Freitagabend gerne in die Disco geht?
Januar 2009, Biologie: "Es ist schon interessant, in 45 Minuten 400-mal den eigenen Namen zu hören", sagt Anna Janneck und muss tief durchatmen. Gleich in der zweiten Woche ihres Referendariats hat sie ihre erste Bio-Stunde gegeben. Stress pur, obwohl die 6. Klasse sie nicht zerpflückte wie die Lilien und Amaryllis, die sie zur Blütenbestimmung mitgebracht hatte. "Gerade die unteren Klassen sind wirklich nett, wenn sie merken, dass man noch unsicher ist", sagt Janneck. Aber es waren eben 32 Kinder. "Da kommen naturgemäß nur die dran, die am lautesten schreien", sagt die Referendarin selbstkritisch.
Auch Jan-Philipp Igelbrink hat sich erstmals in den Löwenkäfig gewagt. Englisch in Klasse 8. Eine Unterrichtseinheit über "Colonial Virginia" und Indirekte Rede. Doch wie mit einem Knall anfangen? Machst du halt ein Arbeitsblatt, beschloss er und grübelte vier Stunden über das Wie. Spannend, abwechslungsreich, präzise und mit dem vorgegebenen Lernstoff sollte es sein. Mit Bildern sollten die Kinder sich in die Rolle von Feldsklaven und Plantagenbesitzern versetzen. Am Schluss kam die nüchterne Einsicht: Die nötigen Vokabeln fehlen.
Schlussendlich habe es gut geklappt, strahlt Igelbrink, nur die Stunde war viel zu kurz. Der Erfolg hat ihn motiviert. Zwischen Schule, Studien-Seminar und Schreibtisch hat er seither wenig gesehen, fühlt sich wie in Trance. "Wenn es den Kindern gefällt, ist das ein tolles Gefühl", sagt er aufgedreht. Wenn Igelbrink die richtige "Performance" und "Ergebnissicherung" einfordert und erzählt, welche Lernelemente er "reingebracht" habe, könnte auch von einem Management-Seminar die Rede sein. Nach dem guten Start wächst nun dennoch der Respekt vor dem eigenverantwortlichen Unterricht, der ab Februar beginnt. "Ich nehme von der Uni nichts mit", bedauert Janneck. Nun muss sie selbst Neurophysiologie für Klasse 12 büffeln. "Natürlich haben wir Reizübertragung bei Nerven behandelt", sagt sie. Sie lernten aber nicht, wie man das Schülern erklärt.
März 2009, Klasse 8: Montagmorgen, 8.35 Uhr. Norddeutschland ist grau und kalt und feucht. In Mittelstufenraum 620 der IGS kämpft ein vielstimmiger Chor gegen die Müdigkeit: "Good morning Misses Ja-ha-anneck". Englisch in Klasse 8 ist um diese Zeit schon für gestandene Profis eine Herausforderung. Doch Anna Janneck lässt sich nicht verunsichern. Ehe sie es merken, verwickelt sie die Jugendlichen in ein Gespräch übers Wochenende, bekennt ihre Angst vor Pferden und hört mal kurz weg, als einer "Killzone II" am Computer gespielt hat.
Unterrichten heißt, nicht nur Fachwissen zu besitzen, sondern es den Schülern so zu vermitteln,dass etwas hängenbleibt. In einer eng beschriebenen Tabelle hat die angehende Lehrerin die folgende Stunde geplant: Einstieg, Exposition, Erarbeitung, Ergebnissicherung - fast wie im klassischen Drama.
Heute geht es gedanklich nach New York, wohin Familie Shapiro aus dem Lehrbuch einen Ausflug unternimmt. An was können Sammy, Paul, Alina, Fabian und die anderen sich aus der letzten Stunde erinnern? Janneck schreibt mit in Gedankenblasen. Früher hieß so etwas Tafelbild. Heute ist es ein "Mind Map" - und um die zentrale Frage kommt noch ein roter Kreis, damit es laut Plan farbig wird. Didaktik kann manchmal so einfach sein.
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