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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

14. Oktober 2011

Manipulationsvorwürfe: In der Endlosschleife

 Von Thorkit Treichel
Weitere falsche Studien könnten enthüllt werden.  Foto: Markus Wächter

Die Berliner Charité untersucht Vorwürfe der Fälschung von Studien – mit kargen Ergebnissen.

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Berlin –  

Seit zweieinhalb Jahren ist die Berliner Charité mit dem Vorwurf des Wissenschaftsbetrugs in ihren eigenen Reihen konfrontiert. Doch viele Fragen sind noch offen, obwohl inzwischen die nunmehr dritte Untersuchungskommission eingesetzt wurde. Gegenstand der Untersuchungen sind die Arbeiten des Neuroanatomen Dr. Nicolai Savaskan, ehemaliger Mitarbeiter am Institut für Anatomie der Charité und inzwischen als Privatdozent in Erlangen tätig. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) war mit dem Fall beschäftigt. Im vergangenen Jahr dann gaben DFG und die erste Untersuchungskommission der Charité unter Vorsitz des Prodekans Rudolf Tauber nahezu zeitgleich Erklärungen ab. Die Berliner Zeitung berichtete.

Die DFG sprach gegen Savaskan eine schriftliche Rüge aus und bezog sich dabei auf ein Manuskript über die Selenverteilung im Gehirn von Ratten. Dieses sowie eine weitere Arbeit, die sogenannte Nogo-Studie, die der Wirbelsäulenforschung dient, war auch an der Charité untersucht worden. Die Kommission warf Savaskan „fehlerhafte Darstellungen“ und „grobe Verletzungen der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht“ vor. Daraufhin wurde der an Savaskan ergangene Ruf als Professor an der Charité zurückgezogen. Allerdings: „Eine vorsätzliche Fälschung konnte nicht nachgewiesen werden“, hieß es.

Kooperation im Streit beendet

Auch die anschließend eingesetzte zweite Untersuchungskommission beschränkte sich auf die Überprüfung dieser beiden Arbeiten. Doch nach Auffassung zweier Wissenschaftler, des Berliner Chemikers Dr. Markus Kühbacher sowie des Biologen Professor Alexander Lerchl aus Bremen, gibt es weitaus mehr auffällige Publikationen, die unter Beteiligung Savaskans entstanden oder von anderen Autoren verfasst sein sollen. Einige der Studien enthielten Falschangaben, bei den weiteren bestehe der Verdacht, dass Daten etwa erfunden wurden, sagt Kühbacher.

Leiter der zweiten Untersuchungskommission war der Biologe Professor Jens Reich – Mitglied des Deutschen Ethikrates, DDR-Bürgerrechtler und damaliger Bundespräsidentenkandidat der Grünen –, der 2010 extern hinzugezogen wurde. Er sagt, es habe nur bei den zwei erwähnten Studien „hinreichend verwertbares Hintergrundmaterial vorgelegen“. „Die Vorwürfe gegen weitere Publikationen gingen weit über den Untersuchungsauftrag hinaus.“

Kühbacher, der den Anstoß zu den Ermittlungen gab, hatte jedoch Monate zuvor bereits auf weitere möglicherweise auffällige Arbeiten hingewiesen. „Ein Großteil dieser Arbeiten sind am Institut für Anatomie der Charité angefertigt worden“, sagt er. Er war es, der 2008 den Ombudsmann der DFG und 2009 die Charité eingeschaltet hatte. Kühbacher und Savaskan haben bis 2007 kooperiert. Kühbacher, der damals am Helmholtz-Zentrum in Berlin tätig war, beendete die Zusammenarbeit aber, weil er Savaskan vorwarf, eine angeblich videodokumentierte Verhaltensstudie mit Ratten erfunden und Ergebnisse verfälscht zu haben. Savaskan reichte dann allein einen wesentlichen Teil des Manuskripts bei einer Fachzeitschrift ein. Die Gutachter lehnten eine Publikation ab.

Auch Reich spricht von „einem dringenden Verdacht auf vorsätzliche Manipulierung oder sogar Fälschung von Daten. Wir haben eine Zurückziehung des fast acht Jahre alten Nogo-Papers empfohlen.“ Das Selen-Manuskript sei ohnehin nicht publiziert worden. Die Originaldaten, mit denen Savaskan seine Ergebnisse dokumentieren sollte, seien „lückenhaft und vermutlich manipuliert“.

Der von Kühbacher hinzugezogene Biostatistiker Alexander Lerchl, der ebenfalls die vermeintlichen Originaldaten der beiden Arbeiten untersuchte, geht in seiner Einschätzung noch weiter: „Die verwendeten Daten wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gefälscht“, sagt er. Lerchl, der einen Lehrstuhl an der Jacobs-University in Bremen hat und als Mitglied der Strahlenschutzkommission die Bundesregierung berät, hat sich in Wissenschaftskreisen einen Namen gemacht: Er hatte eine 2005 veröffentlichte, aufsehenerregende Mobilfunkstudie der Medizinischen Universität Wien über die angeblich krebserzeugende Wirkung von Handystrahlen untersucht und sie als Fälschung bezeichnet. Daraufhin wurde dort eine Untersuchungskommission eingesetzt, die zu dem Ergebnis kam, es habe einen Verstoß „gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis“ gegeben.

Hinsichtlich der Beurteilung der Arbeiten Savaskans ist eine wissenschaftliche Kontroverse zwischen Lerchl und Reich entbrannt. „Herr Reich hat mit viel Mühe nach einer Möglichkeit gesucht, wie man die Vorwürfe entkräften kann“, sagt Lerchl. „Die Beweislast liegt bei Savaskan. Er hat allerdings die Originaldaten nie vorgelegt. Diese Daten existieren schlicht nicht.“ Lerchl sagt, er habe mindestens ein halbes Dutzend auffällige Studien von Savaskan gefunden. „Die müssen alle untersucht werden. Schließlich geht es um Forschungsmittel und damit um viele Steuergelder.“ Die Charité treibe eine Aufklärung nur ungenügend voran. Reich entgegnet, seine Aufgabe sei es gewesen, sowohl Be- als auch Entlastendes zu würdigen.

Savaskan will sich nicht erneut äußern und verweist auf seine bereits vor rund einem Jahr in der Berliner Zeitung getroffenen Aussagen. Er bestreitet die Vorwürfe. „Es gibt keine Fälschungen. Ich habe bei dem Selen-Manuskript lediglich nicht angegeben, wie viele Ratten ich untersucht habe.“ Und bei dem Nogo-Paper sei ihm ein Rechenfehler unterlaufen. Auch andere seiner Arbeiten seien nicht verfälscht.

Klage eingereicht

Savaskan hatte Co-Autoren. Doch ihre Mitwirkung spielt wohl keine Rolle. „Herr Dr. Savaskan hat für die falschen Daten die Verantwortung übernommen“, erklärt hierzu Charité-Sprecherin Stefanie Winde. Robert Nitsch, früherer Prodekan und Leiter des Instituts für Anatomie der Charité, war als verantwortlicher Senior-Autor an der Nogo-Studie seines früheren Doktoranden Savaskan beteiligt. „Dem Vorwurf, die Arbeiten seien gefälscht, widerspreche ich auf das Energischste“, sagt Nitsch. In der Nogo-Studie sei lediglich eine Grafik falsch dagestellt worden, die inzwischen im Zuge eines Erratums korrigiert worden sei. Es habe in seinem früheren Institut keine Fälschungen gegeben. Gegen die Rückziehung der Nogo-Studie geht er jetzt gerichtlich vor, da er und die weiteren Co-Autoren nicht von der Kommission angehört worden seien. „Es wurde systematisch davon abgesehen, mich einzubeziehen. Das trifft mich in meinem Grundrecht auf Forschungsfreiheit.“

„Das ist alles haarsträubend“, sagt Christoph Berndt, Leiter des Fakultätspersonalrats. Berndt, selbst Forscher, beklagt die Erosion des Wissenschaftsbetriebes. Dies hätten zahlreiche Plagiatsfälle auch in anderen Universitäten gezeigt. „Der Rankingwahn führt dazu, dass mehr publiziert wird, als irgendeiner lesen kann.“ Dies liege unter anderem daran, dass junge Wissenschaftler mit befristeten Stellen auf eine Weiterbeschäftigung hofften, wenn sie viel veröffentlichen. Umso wichtiger sei die unverzügliche Einrichtung einer Gewerbeaufsicht.

An der Charité ist inzwischen die dritte Untersuchungskommission zusammengetreten, um weitere auffällige Arbeiten Savaskans zu untersuchen. Charité-Sprecherin Winde macht keine Angaben darüber, wer ihr angehört und bis wann sie zu einem Ergebnis kommen will. Reich schlägt unterdessen vor, eine unabhängige auswärtige Kommission einzurichten.

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