Einmal drei ist drei. Zweimal drei ist sechs. Schluss mit dem öden Aufsagen unzähliger Zahlenkolonnen. Die Kindergartenkinder aus Bad Laer bei Osnabrück in Niedersachsen lernen das Einmaleins anders. Sie profitieren vom Projekt "VorMath", das die Mathematikdidaktikerin Inge Schwank vom Institut für Kognitive Mathematik der Universität Osnabrück entwickelt hat. Die Fünf- und Sechsjährigen lernen, mathematische Grundsätze spielerisch zu verstehen.
Auf der Erde liegt ein Zahlenstrahl, der von null bis neun reicht. Maren steht bei der Neun und soll in Dreierschritten zurückgehen. Ihr Fuß schwebt kurz über dem Boden, dann macht sie den ersten Schritt. "Auf die Sechs", erklärt Maren, kurz darauf auf die Drei. Sie steigt auf die Null und stellt sich übers Gesicht strahlend zurück in die Reihe. Professorin Inge Schwank lobt: "Gut gemacht. Maren, Du hast in Dreier-Schritten rückwärts von neun bis null gezählt." Und sie notiert: Die Fünfjährige hat die Spielewelt von "VorMath" verstanden.
Die Kinder aus dem St. Marien-Kindergarten haben Glück. Wenn sie in die Schule wechseln, haben sie mathematische Grundsätze begriffen und die Scheu vor Zahlen verloren. Der katholische Kindergarten ist der einzige in Niedersachsen, der sich neben sieben Grundschulen der Fortbildung angeschlossen hat. Kindergartenleiterin Gudrun Henke: "Viele Lehrer wünschen sich, dass Mathematik im Kindergarten stärker gefördert wird als bisher."
Über fünf Monate hat das Schwank-Team einmal wöchentlich mit je vier Gruppen gearbeitet und dies filmisch festgehalten. Um allen Kindern eine passende Denkweise zur Zahlenwelt beizubringen, bildet das Schwank-Team Lehrkräfte, Erzieherinnen und Studierende in Workshops aus. Doch das kostet Geld und die Mittel sind knapp. Gut für Schwank: Die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte fördert das Projekt mit 30 000 Euro über drei Jahre.
Hermann Cordes, Vorsitzender der Stiftung, war lange Jahre für den Personalbereich des Stahlwerks Georgsmarienhütte zuständig und weiß, wie schlecht es um die Mathematikkenntnisse vieler Auszubildenden steht. "Es ist schwierig, anspruchsvolle Arbeitsplätze gut zu besetzen", begründet er sein Engagement.
Bei "VorMath" geht es nicht darum, einfach nur Formeln auswendig zu lernen. Im Gegenteil. Die Kinder sollen selbst Erkenntnisse gewinnen. Seit Jahren organisiert die Matheprofessorin Inge Schwank auch die "Zwergen-Mathe-Olympiade". Dies ist ein Wettbewerb, bei dem Drittklässler Mathe-Aufgaben lösen. Bei der Auswertung der Ergebnisse fand sie heraus, dass die meisten Mädchen eher in statischen Strukturen lernen, während Jungen gern herumknobeln. Ein Beispiel: Ein Gärtner soll eine Strecke von 30 Metern mit Bäumen bepflanzen, sodass alle zwei Meter ein Baum steht. Viele Mädchen neigen dazu, jetzt einfach 30 durch zwei zu teilen - und kommen zum falschen Ergebnis.
Jungen tendieren eher dazu, sich einen Prozess vorzustellen: Der Gärtner pflanzt am Anfang einen Baum, dann noch einen, und so fort, und am Ende muss er noch einen 16. pflanzen.
Damit ein besseres Grundverständnis entstehen kann, hat das Schwank-Team spezielles Material wie die sogenannte Rechenwendeltreppe entwickelt. 14 kleine Hände greifen nach 210 Perlen und stecken sie der Reihe nach auf Holzstöcke, die auf einer runden Bodenplatte stehen. Der Platz der Null bleibt frei, dann nimmt jede Perle ihren Platz ein bis zur Neun. Mit zehn aufgezogenen Perlen beginnt der äußere Kreis und ab der Zahl Elf kommt eine neue Farbe dazu.
Um es den Kindern leichter zu machen, Mengen zu erkennen, stecken Alina, Max, Marvin, Latischa, Amelie, Merle und Maren runde Filzstücke auf die Fünf, die Zehn, die 15 und die 20. "Merle, stell die Königin auf die 13. Stufe und geh fünf Stufen zurück. Wo stehst Du?", fragt Inge Schwank. Die Fünfjährige zögert, setzt die Figur auf die Perlenreihe mit den zwei Filzstücken plus drei Perlen, zählt laut fünf Stufen zurück. Sie schaut sich die Perlenkette an: "Die Königin steht auf der Acht." Merle hat schnell erkannt, wie viel 13 minus fünf ist, und sie hat begriffen, dass Zahlen in Bezug zueinander stehen.
"Im Kindergartenbereich gibt es anders als auf dem Grundschulsektor keine vernünftigen Rahmenbedingungen zur Mathe-Frühförderung", bemängelt Professor Erich C. Wittmann von der Universität Dortmund. Nur Druck von Eltern und überzeugende Konzepte, die die Erzieherinnen im Alltag umsetzen können, sorgten langfristig für Abhilfe. Wittmann gilt als einer der Pioniere in Sachen Mathefrühförderung und hat das anerkannte Projekt "Mathe 2000" entwickelt. Er begrüßt Frühförderung, solange sie fachlich fundiert ist und keine Fantasiewelten schafft.
Die Arbeit seiner Osnabrücker Kollegin beurteilt er kritisch. Zwar weiß er Schwanks Arbeit generell zu schätzen, zweifelt aber, ob sich ihr Ansatz im Kindergarten durchsetzen kann. Studien hätten bewiesen, dass es relativ schwer sei, Erzieherinnen an Konzepte heranzuführen. Dazu sei deren Erfahrung mit Mathe zu negativ.
Gudrun Henke teilt prinzipiell die Vorbehalte Wittmanns, auch wenn sie diese nicht auf "VorMath" anwenden mag. Im Gegenteil. Bisher gäbe es kaum Möglichkeiten sich fortzubilden. Deshalb sei sie froh über Schwanks Engagement und lobt deren Fähigkeit, das Projekt mit Fachleuten vor Ort weiterzuentwickeln. "Anfangs war nicht bei allen Übungen der Zusammenhang zum mathematischen Denken erkennbar, und wir konnten mit manchen Fachbegriffen nichts anfangen", berichtet Gudrun Henke.
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